Kandahar. Der Wahlkampfmanager von Afghanistans Präsident Hamid Karsai war sich schon am frühen Freitagmorgen sicher: "Wir brauchen keine zweite Wahlrunde", erklärte Deen Mohammed, "wir haben die nötige Mehrheit. Unsere Resultate zeigen dies."
Ein paar Stunden später zog der ärgste Widersacher des Staatsoberhaupts nach. "Ich liege vorne", behauptete der gelernte Augenarzt Abdullah Abdullah, "die Resultate aus den Provinzen zeigen, dass ich mehr als 50 Prozent der Stimmen habe."
Wer Recht hatte, wusste zu dem Zeitpunkt bereits die Wahlkommission. Der Grund: Angesichts der geringen Zahl abgegebener Stimmen war die Auszählung schneller beendet worden als erwartet. Doch das Ergebnis wird der afghanischen Öffentlichkeit noch vorenthalten. Denn hinter den Kulissen laufen bereits die Verhandlungen unter Beteiligung der Vereinten Nationen. "Am wichtigsten ist es jetzt, Einheit zu bewahren", hatte Karl Eide, der Sonderbeauftragte der UN in Kabul bereits am Donnerstagabend nach der Schließung der Wahllokale erklärt.
Die Vertreter von Afghanistans westlichen Partnern wollen nach dem polarisierenden Wahlkampf der vergangenen Wochen einen offenen Konflikt vermeiden. Die Sicherheitslage während der Wahl sei besser gewesen als erwartet, hatte Nato-Generalsekretär, Anders Fogh Rasmussen, erklärt. Die heutige Wahl sei "ein Beleg für die Entschlossenheit des afghanischen Volkes, eine Demokratie aufzubauen".
Furcht vor einem bewaffneten Streit
Nach der Wahl aber fürchtet die Bevölkerung, dass es zum bewaffneten Streit zwischen Wahlsiegern und Wahlverlierern kommen könnte. "Ich habe ein paar Nachbarn, Tadschiken aus dem Panjsheer-Tal", sagt der 24-jährige Mokhtar Shah, Mitglied der Hazara-Minderheit, "die hoffen, es gebe dann eine Gelegenheit zum Plündern."
Abdullah genoss bei der Wahl breite Unterstützung im Norden Afghanistans. Paschtunen, die den größten Bevölkerungsanteil des Landes stellen, sind dort in der Minderheit. Abdullah war außerdem bereits vor dem Urnengang überzeugt, dass die Karten gegen ihn gemischt worden waren. Deswegen ließ er erst einen Wahlkampfsprecher eine ominöse Warnung ausgeben: "Wir haben alle Kalaschnikows." Der Mann musste das Gesagte zwar zurücknehmen, aber die Warnung war angekommen.
Bei einem späteren Treffen Abdullahs mit europäischen Diplomaten rund eine Woche vor der Wahl redete Karsais Gegenkandidat so aggressiv, dass die westlichen Vertreter anschließend Warn-Depeschen in ihre Hauptstädte schickten.
Abdullah genießt die Unterstützung des mächtigen Kriegsfürsten und Gouverneurs Mohammed Atta in der Stadt Mazar-i-Sharif. Karsai drohte ihm schon vor den Wahlen mit der Absetzung. Bismillah Khan, der aus dem Panjsheer-Tal stammende Generalstabschef der Streitkräfte ANA unterstützt Abdullah ebenso wie große Teile des mächtigen Geheimdienstes NDS.
Talibanmilizen haben sich wieder in Stellung gebracht
Der ebenfalls aus dem Panjsheer-Tal stammende Marschall Mohammed Fahim Khan, Vize-Präsidentschaftskandidat von Karsai, war schon vor der Wahl im Norden Afghanistans so isoliert, dass Beobachter nicht ausschließen, er könne im Fall eines zweiten Wahlgangs Anfang Oktober umschwenken. Dann könnte er auch zwei ihm ergebene Bataillone mit Privatmilizen gegen Karsai in Stellung bringen.
"Es wäre besser gewesen, wenn wir vor der Wahl die Zusammenarbeit der wichtigsten Kandidaten vereinbart hätten", sagt der Karsai-Berater Rahman Ashraf, "aber seit dem Wahlkampf sind die Lager so unversöhnlich gestimmt, dass es vielleicht unmöglich ist, eine Kooperation auszuhandeln." Laut Diplomaten ist auch Präsident Karsai auf Zusammenstöße vorbereitet. Die Polizei in der Hauptstadt Kabul hat den Befehl, scharf zu schießen, falls bewaffnete Anhänger von Abdullah oder anderen Gegenkandidaten auf den Straßen auftauchen.
"Das Wunschergebnis ist ein Sieg Karsais im ersten Wahlgang", sagte ein Diplomat schon vor der Wahl, "Proteste von Abdullah und den anderen Kandidaten wären ein kleineres Übel als die Probleme, die ein zweiter Durchgang aufwirft." Denn auch die Talibanmilizen haben sich schon vor dem Urnengang für die kommenden Wochen in Stellung gebracht.
Aus Militärkreisen verlautet, die Zahl der Taliban-Kämpfer im Tagab-Tal von Kabuls benachbarter Nachbarprovinz Kapisa sei in den vergangenen Wochen von 200 auf 2000 gestiegen. Nordwestlich des Salang-Passes wurden Einheiten der Milizen ausgemacht, die auf dem Weg in die Umgebung der Stadt Pul-i-Khumri sind und vermutlich zu Gruppen stoßen sollen, die bei Kunduz der Bundeswehr das Leben schwer machen.
Einen Vorgeschmack auf die kommenden Ereignisse erlebte am Wahltag bereits die Stadt Baghlan auf der Straße zwischen Pul-i-Kumri und Kunduz. Die Taliban versuchten, den Ort zu überrennen. Laut offiziellen Angaben starben dabei 22 Talibankämpfer.
"Die Milizen sind mit einem Ziel rund um Kabul und im Norden aufmarschiert", vermutet der Diplomat eines NATO-Staats, "sollte Karsai beim ersten Wahlgang nicht die absolute Mehrheit geholt haben, könnten sie massiv die Hauptstadt unter Druck setzen." Denn angeblich hat Karsai längst Weichen gestellt, um nach seinem Wahlsieg "moderate Taliban" ins Kabinett zu holen. Das Staatsoberhaupt kündigte sogar in seinem Wahlprogramm an, er wolle schleunigst in einer "Loya Jirga" (Ratsversammlung) mit Gulbuddin Hekmatyar verhandeln - dem Kommandeur einer Gruppe von Regierungsgegnern.
Zumindest Teile der Taliban wissen, dass eine Verständigung in Afghanistan nach gegenwärtigem Stand nur mit Karsai möglich sein wird. Diese sind offenbar entschlossen, den Aufstieg des wichtigsten Gegenkandidaten Abdullah Abdullah zu verhindern.
Der ehemalige Außenminister ist der Sohn eines Paschtunen-Vaters. Seine Mutter gehört zur Volksgruppe der Tadschiken an, die im Norden dominieren. Er gilt als Kandidat des Nordens, in dem überwiegend Tadschiken, Usbeken und Hazaras leben. Iran und Indien sollen ihn angeblich unterstützen.
Afghanistan wurde während seiner Geschichte aber immer von Paschtunen aus der Region Kandahar, der Wiege der Taliban regiert. Von dort stammt auch Karsai. Er gehört zum Paschtunen-Stamm der Popalzai, aus dem auch die Mullah Mohammed Baader stammt: Ein mächtiger aber als pragmatisch geltender Taliban, der als die Nummer zwei der islamistischen Milizen gilt.
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