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Afghanistan vor der Wahl: Land im Dunkel

Eine Stadt zwischen Luxus und Stacheldraht. Vor den Wahlen in Afghanistan wächst täglich die Angst vor neuen Anschlägen. Das Attentat auf das Nato-Hauptquartier ist nur ein weiterer trauriger Höhepunkt. Eine Reportage aus Kabul von Christine Möllhoff

Bombenterror in Afghanistan. Der afghanische Präsident Hamid Karsai, der als Favorit bei der Abstimmung gilt, kann nur hoffen, dass der Plan der Aufständischen nicht aufgeht.
Bombenterror in Afghanistan. Der afghanische Präsident Hamid Karsai, der als Favorit bei der Abstimmung gilt, kann nur hoffen, dass der Plan der Aufständischen nicht aufgeht.
Foto: afp

Kabul. Wenn sich die Dunkelheit über Kabul senkt, leeren sich die Straßen. Nur wenige Autos sind unterwegs. An Straßenecken rosten die Wracks russischer Panzer. Obdachlose Familien wohnen in sowjetischen Bauruinen. Ohne Heizung. Ohne Fenster.

Ganz in der Nähe haben Drogenbarone ein Nobelviertel hochgezogen. Nun vermieten sie die Villen an internationale Organisationen und Konzerne - angeblich für 20.000 Dollar im Monat.

Stichwort Bundeswehr in AfghanistanSpezial: Afghanistan

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Wahlkampf. Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Ramazan Bashardost mit der afghanischen Flagge.
Wahlkampf. Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Ramazan Bashardost mit der afghanischen Flagge.
Foto: afp

Am 20. August wählen die Afghanen einen neuen Präsidenten, erst zum zweiten Mal in ihrer Geschichte. Die Angst vor Anschlägen verdunkelt auch schon vor dem Attentat auf das Nato-Hauptquartier den Wahlkampf. Acht Jahre nach dem Sturz der Taliban ist von Frieden keine Spur. Die Rebellen versuchen immer öfter mit Gewalt die Wahl zu stören. Kabul gleicht einer belagerten Stadt mit Stacheldraht und Straßenkontrollen. Alle sind bewaffnet. Soldaten, Polizisten oder Türsteher.

Stanley McChrystal ist seit Juli Chef der Nato-Truppe Isaf und der US-Truppen in Afghanistan. Der General malt ein düsteres Bild. Der Krieg werde blutiger. Die Taliban seien auf dem Vormarsch - gerade auch im Norden, wo die Deutschen sitzen. Hinter Kabul erheben sich die kargen Bergketten des Hindukusch, der Himmel ist wolkenlos blau.

Einsatz in Afghanistan

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Ein bayrischer Biergarten mitten in Afghanistan

Im Gartencafe des Isaf-Hauptquartiers sitzen Soldaten an Holztischen. Die Kulisse wirkt surreal: Ein bayrischer Biergarten mitten in Afghanistan. Doch die Idylle ist trügerisch. Allein im Juli starben 74 ausländische Soldaten - so viele wie noch nie in einem Monat seit dem Sturz der Taliban. Bald 100.000 ausländische Soldaten aus 40 Ländern sind in Afghanistan stationiert.

Vor allem Amerikaner und Briten besorgen die tödliche Drecksarbeit im unruhigen Süden. Beim Bier spotten die "harten Jungs" über die Deutschen, die immer ins Bett müssten, wenn´s gefährlich wird. Die Deutschen mokieren sich über die Amerikaner, die auf Verdacht bombardieren und so ganze Familien auslöschen. Allein im ersten Halbjahr 2009 starben mehr als 1000 Zivilisten. Das schürt viel böses Blut. "Der Hass wächst", sagt ein Deutscher.

Auch die Deutschen werden immer mehr in diesen endlosen Krieg hineingezogen. In Kundus im Norden, das lange als relativ sicher galt, wird es ungemütlich. Die Taliban attackieren das deutsche Lager nun jede Woche mehrfach. Mit Raketen und Selbstmordattentätern. McChrystal ist besorgt. Kundus drohe zum neuen Brandherd zu werden. Die Deutschen müssten offensiver kämpfen. Washington und London stimmen die Bevölkerung auf weitere Todesopfer ein. Berlin will das lieber nicht offen sagen.

"Ich liebe die Deutschen, die Kultur, das Land", schwärmt Parwana Fazly. Die 33-Jährige ist eine schöne Frau mit hohen Wangenknochen. Ihr dicker, hellblauer Lidstrich passt farblich perfekt zu Handtasche und Kopftuch. Für westlichen Geschmack mag das Make- up zu grell sein. Aber hier, wo Frauen sich lange unter Burkas verstecken mussten, ist Schminke ein Stück Freiheit. Im Garten des Goethe-Instituts trifft sie den 26-jährigen Mirwais Wardak.

"Es ist nicht richtig, dass Frauen arbeiten gehen"

Er kommt aus der Provinz Wardak, 35 Kilometer von Kabul entfernt. Er würde gern wählen am 20. August. Aber er hat zu viel Angst. Nicht vor den Taliban, sondern vor den Gangstern. "Es ist sehr gefährlich. Ich bin sicher, dass ich entführt werde, wenn ich zurückgehe." Und dann sagt er, was viele nur denken: "Sagen wir doch die Wahrheit, unter den Taliban war es jedenfalls sicher. Damals konnten wir die Haustür die ganze Nacht offen lassen."

Der Satz fasst den Frust vieler Afghanen zusammen. "Aber die Taliban waren gegen die Frauen", wendet Parwana ein. "Aber nicht gegen die Männer", kontert Mirwais. Natürlich müsse seine künftige Ehefrau Burka tragen und im Haus bleiben: "Es ist nicht richtig, dass Frauen arbeiten gehen." Parwana, die Lehrerin, widerspricht: "Warum lässt Du Deine Frau nicht selbst entscheiden?" Er druckst herum. "Ich will nicht, dass andere Männer sie sehen."

Kabul ist eine Stadt der Parallelwelten. Mit Dollars haben die Ausländer ganze Viertel kolonialisiert. In Gartencafés kann man Bier trinken und Spinatsalat mit Walnüssen essen - bewacht von Türstehern, die alle Taschen nach Waffen durchsuchen. Meist sind es ehemalige Soldaten, die nun Politiker, Geschäftsleute, Bauprojekte oder Soldaten schützen. Ihr Tod zählt nicht in den Statistiken. Dafür bekommen sie viel Geld. "Das ist doch Irrsinn", sagt Sicherheitsmann Bruce, der seinen richtigen Namen nicht nennt.

Das Kabul ihrer Jugend ist verschwunden

Nach vier Jahren in Afghanistan ist der Mittdreißiger desillusioniert. Entführungen und Erpressungen seien gang und gebe, die Arme der Drogenmafia reichten bis in die Regierung. Gerichte und Polizei seien korrupt oder überfordert. "Viele Menschen wenden sich deshalb wieder den Taliban zu", sagt Bruce. "Raus hier", rät er.

Zahira wartet schon auf ihren Flieger. Mit ihrem Mann ist sie in die USA ausgewandert, als die Russen 1979 das Land besetzten. Einen Monat lang war sie jetzt wieder hier. Das Kabul ihrer Jugend ist verschwunden. Die alten Freunde, die liberale Elite sei längst weg. Auch sie ist ratlos. "Die Afghanen mögen keine Ausländer", sagt sie. Sie würden die Fremden als Besatzer empfinden.

Doch um diesen Krieg selbst zu gewinnen, brauche das Land eine schlagkräftige Armee und Polizei. Ohne die Hilfe der Ausländer sei deren Aufbau aber unmöglich. "Afghanistan", sagt sie, "ist auf einer Straße ins Unbekannte."

Autor:  Christine Möllhoff
Datum:  16 | 8 | 2009
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