Abends um acht ist es in Malabo dunkel. Doch die achtspurige Umgehungsstraße der Hauptstadt von Äquatorialguinea ist hell beleuchtet – ein Umstand, den Carin Bienvenido zum Studium der afrikanischen Geschichte nutzt. Der 20-jährige Schüler sitzt auf dem Rinnstein und liest im Schein der Straßenlaternen einen Aufsatz, es geht um die Ausbreitung der Bantu-Bevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent. Er lebt zehn Fußminuten entfernt, in einer Hütte, zusammen mit seinen Eltern und vier Brüdern. Dort ist es ihm zu eng und zu laut zum Lernen. Der Gymnasiast ist nicht der einzige, der die Prachtstraße als Studierstube nutzt: Ein Kommilitone sitzt an einer Bushaltestelle, ein anderer auf den Stufen einer Überführung, wieder ein anderer liest im Gehen das Unterrichtsmaterial. "Ich komme jeden Tag hierher", sagt Carin. "Wir nennen es unsere Open-Air-Universität."
Autos fahren selten auf der Umgehungsstraße. Manchmal rast ein Taxi vorbei, auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt oder umgekehrt. Der Weg führt vorbei an monumentalen Regierungsburgen, an verglasten Hauptquartieren von Mineralölfirmen und an brandneuen vierstöckigen Apartmentblocks. Immer wieder taucht ein Poster auf, es hängt von Brücken und an Gebäuden, ist quer über die Straße gespannt: Ein älterer Herr lächelt milde, in den Händen hält er einen Ball, "Afrika-Cup" steht über seinem Kopf. Äquatorialguinea, nicht gerade als Fußballnation bekannt, trägt dieser Tage den Afrika-Cup aus. Und dass nicht die Mannschaft des zentralafrikanischen Staates, sondern der Staatspräsident Teodoro Obiang Nguema für das Turnier der afrikanischen Fußballnationalverbände wirbt, sagt schon viel. "Wir wollen mit dem Cup unser Image verbessern", sagte der Präsident zuvor unumwunden.
Folter im Stadion
Das hätte der winzige, 1,2 Millionen Einwohner zählende Staat tatsächlich nötig. Äquatorialguinea gilt seit Jahrzehnten als Inbegriff eines afrikanischen Operettenstaates, in dem Menschenrechte nicht viel zählen. Auf der Straße zum Flughafen ließ Francisco Macias Nguema in den Siebzigerjahren seine politischen Gegner kreuzigen. Das Fußballstadion diente dem Diktator als Folterzentrum; um die Schreie der Gequälten zu übertönen, wurde über Lautsprecher "Those where the days, my friend" gespielt. Mehr als 50.000 Menschen soll Macias umgebracht haben. Zwar machte Teodoro Obiang der Schreckensherrschaft seines Onkels mit dessen Ermordung 1979 ein Ende, viel besser wurde es allerdings auch unter ihm nicht. Statt im Stadion werden Regierungsgegner seitdem im berüchtigten Gefängnis "Black Beach" gefoltert, und demokratisch ist auch Obiangs Partei bloß ihrem Namen nach. Alle fünf Jahre lässt sich Afrikas dienstältester Autokrat mit aberwitzigen Wahlergebnissen von über 90 Prozent im Amt bestätigen. Äquatorialguinea sei "ein hochkorruptes Regime mit einem der schlimmsten Menschenrechtsprofile in Afrika", urteilt das US-Institut "Freedom House".
Nur eines wurde Ende der Neunzigerjahre schlagartig anders. In den Gewässern der aus einem Festlandteil sowie zwei Inseln bestehenden Urwaldnation wurde Erdöl gefunden, aus dem bettelarmen Staat wurde das reichste Land Afrikas. Ein Äquatorialguineer verdient heute mit durchschnittlich 35.000 Dollar im Jahr mehr als ein Belgier. Nur, dass es den Durchschnittsäquatorialguineer nicht gibt. Es gibt Präsident Obiang und seine Familie, deren Mitglieder in jeder größeren Ansiedlung des Landes über mindestens einen Palast verfügen. Und es gibt Menschen wie Carin Bienvenido, der am Straßenrand lernt, oder wie Custer Justino, der seit Wochen nicht mehr zur Schule geht, weil sein Vater, ein Maurer, das Geld für die Schuluniform nicht aufbringen kann.
Familie Justino lebt in einer Holzhütte in Malabos Armenviertel, knapp einen Kilometer von der Umgehungsstraße entfernt. Der zehnjährige Custer schläft mit seinen drei Brüdern in einem knapp sechs Quadratmeter kleinen und mit Schaumstoffmatratzen bedeckten Raum, die zweite Kammer teilen sich die Eltern und seine Schwester. Wasser wird mit einem Eimer aus einem sechs Meter tiefen Loch geholt. Fügt man der bräunlichen Flüssigkeit Chlortabletten hinzu, kann man sie sogar trinken. Ab und zu bekommt Custer allerdings Durchfall: "Typhus", sagen dann lakonisch die Schwestern im staatlichen Krankenhaus, in dem Patienten wegen Überfüllung auf dem Boden liegen. Bei den höchsten Raten der Kindersterblichkeit liegt der reichste Staat Afrikas auf Platz 16. Zwei Drittel der Äquatorialguineer müssen wie Familie Justino mit zwei Dollar am Tag auskommen.
Den Namen "Sipopo" hat Custer noch nie gehört, dabei wohnt er nur ein paar Kilometer von dem Ort entfernt, der der ganze Stolz des Präsidenten ist und aus einer anderen Welt zu stammen scheint. Ein luxuriöses Neubauprojekt am Meer, dort wo der Dschungel einst auf eine steinige Küste stieß. Jetzt gibt es hier mit feinstem Sand aufgefüllte Strände, ein Fünf-Sterne-Hotel, ein Konferenzzentrum für tausend Gäste, und 52 identische Villen. Sie wurden für die 52 Präsidenten des Kontinents errichtet, die sich hier im vergangenen Juni zum Gipfel der Afrikanischen Union trafen. Im Hintergrund noch ein zweites Hotel sowie ein Krankenhaus .
Unmittelbar nach seiner Eröffnung fiel das mehr als 800 Millionen Dollar teure Projekt in einen Dornröschenschlaf, aus dem es selbst zum Afrika-Cup nicht wieder erwachte. Das Hotel La Paz ist leer, vor dem Krankenhaus sind lediglich ein paar Luxuskarossen geparkt, was in den Präsidentenvillen vor sich geht, weiß keiner zu sagen. Gemunkelt wird, der berüchtigte Präsidentensohn Teodorin bewohne gleich drei der Villen. Der Ortsetter und designierte Nachfolger seines Vaters kann derzeit seine Heimat nicht verlassen, weil sowohl in Frankreich wie in den USA wegen Unterschlagung gegen ihn ermittelt wird. Nur im Fünfsterne-Hotel Sofitel regt sich etwas Leben: Dort ist die Nationalelf der Elfenbeinküste untergebracht – zum Preis von 500 Dollar pro Mann und Nacht.
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