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Agassizhorn: Alpenländische Vergangenheitsbewältigung

Eine Schweizer Initiative will das Agassizhorn umbenennen, weil der Namensgeber ein Rassist war. Von Thomas Schmid

Louis Agassiz (1807-1873) war einer der bekanntesten Forscher seiner Zeit - auch ein Marskrater heißt nach ihm.
Louis Agassiz (1807-1873) war einer der bekanntesten Forscher seiner Zeit - auch ein Marskrater heißt nach ihm.
Foto: dpa

In Argentinien ist ein Gletscher nach ihm benannt, in Kanada eine Gemeinde und auf dem Mars ein Krater. Louis Agassiz (1807-1873) war einer der bekanntesten Naturforscher seiner Zeit. In der Schweiz, wo er in einem pietistischen Pfarrhaus aufwuchs, trägt ein 3952 Meter hoher Berg seinen Namen: das Agassizhorn.

Doch nun will der St. Gallener Historiker Hans Fässler den Berg umbenennen. Er ist Gründer der Bürgerinitiative "Démonter Louis Agassiz", was man auch als "dé-mont-er Agassiz" lesen kann, frei übersetzt: "Nehmt Agassiz den Berg weg". Denn der war nicht nur ein großer Gletscherforscher und Fischkundler, sondern auch ein Rassist. Er teilte die Menschen in Rassen auf, vermaß Schädel, Nasen, Lippen, Rumpf und Beine, um die Menschen richtig zuordnen zu können. Und er sprach von niedrigeren und höheren Rassen.

Zwar waren diese Ansichten damals unter Wissenschaftlern durchaus verbreitet, doch räumte selbst die Schweizer Regierung auf Anfrage Fässlers vor zwei Jahren schriftlich ein, dass Agassiz rassistische Ansichten vertrat, "die weit über das in jener Zeit übliche rassische Interpretationsparadigma hinausgingen".

So berichtete der Forscher 1846 seiner Mutter: "In Philadelphia hatte ich erstmals längere Berührung mit Negern. (...) Dennoch empfand ich Mitleid beim Anblick dieser verderbten und entarteten Rasse."

Vier Jahre später schrieb er in einer amerikanischen Zeitschrift: "Der unbezwingbare, mutige, stolze Indianer - in welch anderem Licht steht er neben dem unterwürfigen, kriecherischen, nachahmerischen Neger!"

Später, als Agassiz längst zu den berühmtesten Wissenschaftlern seiner Zeit zählte, plädierte er für eine scharfe Rassentrennung: "Die Erzeugung von Mischlingen ist eine ebensolche Sünde wider die Natur wie der Inzest in einer zivilisierten Gemeinschaft eine Sünde wider die Reinheit des Charakters ist."

Darf so einer seinen Berg behalten? Nein, findet der Schweizer Historiker Fässler und verweist auf ein Vorbild in den USA. In Cambridge gab es bis vor sieben Jahren sogar eine Agassiz School. Heute heißt sie Maria L. Baldwin School, benannt nach der ersten schwarzen Rektorin einer Schule mit Schwarzen und Weißen in Neu-England. Sie hatte die Agassiz School von 1889 bis 1922 geleitet.

Zwar teilte die Schweizer Regierung Fässler bereits vor zwei Jahren mit, sie sei nicht zuständig für Umbenennungen von Bergen. Doch der Historiker gibt nicht auf. Am 5. September legte er den Vertretern der betroffenen Gemeinden rund um den Gipfel sowie einem Funktionär der Unesco, die das gesamte Bergmassiv zum Weltkulturerbe erklärt hat, die Unterschriften von mehr als 2500 Personen aus 75 Ländern vor, die sein Anliegen unterstützen. 164 Unterschriften stammen aus Deutschland, eine aus dem Vatikan.

Sollte Fässler seinen Kampf gewinnen, wird das Agassizhorn bald Rentyhorn heißen. Renty war ein Sklave aus dem Kongo, den Agassiz auf einer Plantage in South Carolina ablichten ließ. Die Bilder dienten als Anschauungsmaterial für die Behauptung, dass Weiße, Schwarze, Rote und Gelbe unabhängig voneinander an verschiedenen Orten der Welt entstanden seien, also nicht ein und derselben Menschheit angehören.

Autor:  Thomas Schmid
Datum:  12 | 9 | 2009
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