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AGG-Prozess: Kampf gegen den Versicherungsriesen R+V

Die 38-jährige Personenversicherungsbetreuerin Sule Eisele-Gaffaroglu aus Schwaben klagt seit Mai 2007 gegen ihren Arbeitsgeber - wegen Diskriminierung. Von Jana Schulze

Die R+V-Versicherung ist von einer Angestellten der Diskriminierung bezichtigt worden. Der Prozess läuft seit Mai 2007.
Die R+V-Versicherung ist von einer Angestellten der Diskriminierung bezichtigt worden. Der Prozess läuft seit Mai 2007.
Foto: hsb

Josef Eisele hat seine Frau im Gerichtssaal noch einmal in den Arm genommen und ihr wahrscheinlich "Du schaffst das!" zugeflüstert. So, wie er ihr immer wieder Mut zuspricht, sie unterstützt, ihr schützender Baum ist. Wahrscheinlich wäre Sule Eisele-Gaffaroglu ohne ihn schon total zusammengebrochen.

So aber steht die kleine Frau mit dem Kurzhaarschnitt im Wiesbadener Arbeitsgericht, strahlt Energie aus und spricht klar und deutlich. "Ich bin so wütend und ich will, dass sie endlich die Fakten auf den Tisch packen. Das, was sie gemacht haben, sind für mich keine normalen arbeitsrechtlichen Vorgänge." Sie - das ist die R+V Versicherung. Sie - das ist ein Konzern mit 11.420 Mitarbeitern. Sie - das ist der Arbeitgeber der 38-Jährigen und gegen den klagt sie seit Mai 2007.

Die 38-jährige Personenversicherungsbetreuerin aus dem schwäbischen Saulgau ist in die Rechtsschlacht gezogen, weil sie nach dem Mutterschutz aus heiterem Himmel einen Nachfolger vor die Nase gesetzt bekam und auf einen schlechter bezahlten Posten versetzt wurde. Ihre Anwälte berufen sich auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG); in ihren Augen wurde ihre Mandantin diskriminiert - als Mutter, als gebürtige Türkin, als Frau.

Und die Summe, die sie als Wiedergutmachung und Schmerzensgeld fordern, ist gigantisch: Fast eine halbe Million Euro. 433.000 Euro Schadenersatz als Ausgleich für Einkommenseinbußen und rund 44.000 Euro Schmerzensgeld.

Der Gütetermin im Februar war gescheitert

Es ist das zweite Mal, dass Eisele-Gaffaroglu und ihre Anwälte Michael Alenfelder und Frank Jansen auf Ulrich Volk, dem R+V-Rechtsvertreter, im kalten hessischen Arbeitsgericht aufeinander treffen. Im Februar hatte der Gütetermin gerade einmal 45 Minuten gedauert - und war ungütlich geendet. Und auch dieses Mal sagt Volk, ein Mann, der rhetorisch brilliert und gern die Argumente von Jansen und Alenfelder um 180 Grad ins Gegenteil dreht, klipp und klar: "Wir werden bei dieser Sache keinen Cent zahlen. Die R+V hat nicht ansatzweise diskriminiert." Die neue Stellenbesetzung habe nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Über drei Stunden vergehen an diesem nassgrauen Donnerstagvormittag und mit jeder Minute, in der Richter Jörg Krampe nachhakt, wird die Geschichte der Sule Eisele-Gaffaroglu verzwickter und undurchsichtiger. Da geht es um einen 80-seitigen Schriftsatz, den Alenfelder und Jansen erst am 21. Oktober per Fax an Gericht und Jürgen Volk geschickt haben. Der R+V-Anwalt aber sagt, die Anlagen wären erst am 24. nachgereicht worden.

Vor allem aber schießen Zahlen durch den Gerichtssaal: 47.000 Euro? 65.000 Euro? Wie hoch ist der Einkommensverlust der studierten Germanistin, die seit fast zehn Jahren bei R+V in Baden-Württemberg als Außendienstlerin arbeitet? Und warum bekommt ihr Nachfolger mehr als sie? Liegt es an seiner vorherigen, gutdotierten Position, bei der R+V-Tochtergesellschaft Comperti?

Abschieben in den schlechteren Arbeitsbezirk

Sule Eisele-Gaffaroglu ist seit Juni krankgeschrieben, den Juli und August verbrachte sie in einer Klinik. Bei der Verhandlung aber meldet sie sich immer wieder selbst zu Wort: Man habe ihr ihren Bezirk Bad Saulgau weggenommen, in dem sie "gehobene Privat- und Firmenkunden" betreut und hohe Provisionen erzielt habe. Nun sei sie in Bad Schussenried, einem Bereich, der schlechte Umsätze einbringe.

Volk meint, dass die "Größe einer Bank nicht ausschlaggebend für die Höhe der Provisionen" sei und dass "inhaltliche Veränderung" bei der R+V üblich seien. An dieser Stelle wird es wieder etwas lauter im Gerichtssaal. Volk, Jansen und Alenfelder schaukeln sich immer wieder hoch, einer bezichtigt den anderen der Unwahrheit und oben drauf noch, Show zu machen. Richter Krampe schafft es dann immer wieder, die beiden zu beruhigen und den roten Verhandlungsfaden aufzunehmen: "Vor dem Arbeitsgericht spielen oft emotionale Dinge eine Rolle, aber wir bleiben einfach bei den Fakten."

Laptop-Freischaltung zum Beweis gefilmt

Doch die sehen beide Seiten in so vielen Punkten grundsätzlich verschieden: Da wäre noch das Dienst-Laptop der Klägerin, das fast ein Jahr gesperrt war. Als es dann endlich auf mehrfachen Klagen von R+V-Techniker freigeschaltet wurde, filmte Josef Eisele die Aktion. "Das ist unser Beweis dafür, dass das Laptop gesperrt war", sagt der Mann. Die R+V bestreitet das; Volk liefert vor dem Richter technische Argumente, die erst einmal schlüssig klingen.

Am 18. Dezember wird die Schlacht weiter gehen, dann steht der nächste Gerichtstermin ins Haus. Ob es ein Urteil geben wird, ist ungewiss. Vielleicht lädt der Richter auch erst Zeugen. Menschen, die bei der R+V arbeiten oder dort gearbeitet und für Eisele-Gaffaroglu aussagen würden, betont die Klägerin.

25 Indizien hat der Richter in den 350 Seiten der Klägerseiten gefunden. "Wenn die nicht reichen, dann brauchen wir keine Mobbing-Prozesse mehr führen", sagt Anwalt Jansen. Würde die Personenversicherungsbetreuerin gewinnen, würde das ein Meilenstein in der Geschichte sein, sagen die AGG-Spezialisten Jansen und Alenfelder immer wieder.

Autor:  Jana Schulze
Datum:  30 | 10 | 2008
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