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14. Januar 2016

Agrarpolitik: Große Höfe werden „krass begünstigt“

 Von 
Viel und eng: Milchkühe auf einem Hof bei München.  Foto: REUTERS

Die Landwirtschaft ächzt – nicht nur wegen der Milchkrise. Ökolandwirte aber verdienen immer mehr. Der Agrarbericht kritisiert falsche EU-Förderpolitik.

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Die Vorboten zeigten sich im Herbst 2014: Das Ende der ohnehin kaum ein Jahr währenden Hoch-Preis-Phase für Milch kam näher und ging in einen Tiefflug über. Statt bis zu 40 Cent für den Liter gibt es seither nur noch zwischen 26 und allenfalls 30 Cent. „Vermutlich“, meint der Agrarwissenschaftler Onno Poppinga, „hätte das Einbrechen der Erzeugerpreise bereits einige Monate früher eingesetzt und wäre noch stärker ausgefallen, wenn nicht zahlreiche Milchviehbetriebe versucht hätten, die Milcherzeugung zu bremsen.“ Gleichwie: Die Krise, deren Ende nicht absehbar ist – weil der russische Markt versperrt ist, die Hoffnung China trügt, die europäischen Bauern nach Aufhebung der Quote immer mehr melken und obendrein Länder wie Neuseeland oder die USA die Märkte fluten –, wird dauerhafte Folgen für die Milchbauern haben.

Schon zuletzt hatten erheblich mehr Milch- als Ackerbauern ihren Job an den Nagel gehängt. Nun droht ein Schub. Das jedenfalls deutete der schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Rande der Grünen Woche in Berlin an: Noch gibt es keine neuen Zahlen, das Wirtschaftsjahr endet erst am 30. Juni, doch kann die Zahl der gestrandeten, weil finanziell in den Ruin getriebenen Milchviehhöfe 2015 womöglich auf über zehn Prozent steigen. Hält die Milch-Krise an, dann würde sich damit die Zahl der Bauern nicht mehr alle 20 Jahre halbieren – sondern alle fünf. Die Milchbauern stehen mit dem Rücken zur Wand: „Viele wissen nicht, wie sie die Kredite bedienen sollen, die sie bei der letzten Milchkrise aufgenommen haben,“ sagt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Martin Schulz. Drei Milchkrisen in acht Jahren – das packen viele nicht mehr.

Sterben kleiner und mittlerer Agrarbetriebe beschleunigt sich

Damit nimmt der Strukturwandel in der Landwirtschaft insgesamt wieder Fahrt auf. Er lag vorläufigen Zahlen zufolge 2015 bei 2,3 Prozent, im Jahr zuvor war es nur ein Prozent. 2013 wiederum hatten vier Prozent der Landwirte aufgegeben, und im Schnitt der weiter zurückliegenden Jahre waren es etwa drei Prozent. Heute gibt es noch 280 000 Höfe mit mehr als fünf Hektar in Deutschland, 1999 waren es noch 400 000 und 1970 noch fast 1,1 Millionen. Nur ein Beispiel: Europaweit hat in den vergangenen Jahren die Hälfte der Schweinebauern die Produktion aufgegeben – doch die Menge erzeugten Fleischs bleib gleich oder, in Deutschland etwa, stieg sogar an.

Nicht nur die Nebenerwerbs- und Kleinbauern lassen den Traktor in der Garage, auch Großbetriebe geraten ins Straucheln: Wer aber heute weniger als 50 Hektar unterm Pflug hat, der ist, falls er seinen besonderen Weg etwa der Direktvermarktung noch nicht gefunden hat, fast zum Scheitern verurteilt. Es wächst nur noch die Gruppe der Landwirte, die mehr als 100 Hektar beackern, besonders aber die, die zur Gruppe der mehr als 200 Hektar großen Höfe gehören. Da gab es zuletzt ein Plus von sieben Prozent.

Die Großen wachsen, die Kleinen weichen: Die Diskrepanz im Wachstum hängt offenbar trotz des Paradigmenwechsels, wonach in der EU früher die Produkte, heute die Flächen bezuschusst werden, ganz eng mit der europäischen Subventionspolitik zusammen. Schon in dem legendären, 1985 erschienenen Buch „Die subventionierte Unvernunft“ wies der Frankfurter Agrarwissenschaftler Hermann Priebe nach, dass die EU-Subventionspolitik schon immer nur einer Gruppe von Bauern half: den Großbetrieben.

Wer viel hat, bekommt mehr Fördermittel

„Das hält bis heute an“, sagt der Europaabgeordnete Martin Häusling (Grüne). So zahlt Deutschland zwar infolge der letzten Agrarreform 2013 für die ersten 46 Hektar einen Aufschlag von 50 bis 80 Euro. Doch Deutschland hat eine andere wichtige Möglichkeit der Reform zur Beendigung der Unwucht nicht mitgemacht: Die Zahlungen werden nach oben hin nicht gekappt. Egal um wie viel Hektar es geht, es gibt 280 Euro je Hektar. Ergo: „Wer viel hat, bekommt noch mehr. Kleine Betriebe bekommen Almosen, große Millionen“, sagt Häusling. Profiteure sind danach vor allem die ostdeutschen Betriebe, auf denen dann mit finanziellem Rückenwind aus Brüssel doppelt so viel verdient wird wie im kleinstrukturierten Hessen. Poppinga rechnet das im am Donnerstag publizierten Kritischen Agrarbericht 2016 vor: So bekommt die zahlenmäßig immer noch starke Gruppe der Höfe mit 20 bis 50 Hektar je Arbeitskraft und Jahr einen Scheck aus Brüssel in Höhe von 8143 Euro (Ökos bekommen 9440 Euro). Bei den Großbetrieben mit mehr als 1000 Hektar aber ist es mit 22 466 Euro fast das Dreifache, wobei auch hier (die wenigen in dieser Gruppe befindlichen) Öko-Höfe mit 50 000 Euro je Mann sogar mehr als das Fünffache aus Brüssel bekommen.

Mit einer „Grundsicherung für das Jahreseinkommen der Landwirte“, meint er, „lässt sich das keinesfalls in Übereinstimmung bringen“. Stattdessen lasse die EU eine „krasse Begünstigung der flächenstarken Betriebe“ zu. Wachstum findet also nicht nur statt, weil der Landwirt angesichts eines Milchpreises, der sich in 30 Jahren nur minimal verändert hat, von 15 Kühen nicht mehr leben kann. Sondern auch, weil die Höhe der Zuschüsse stark von der Betriebsgröße abhängt.

Damit liegt auch nahe, wem es leichter fällt, mit technologischen Entwicklungen Schritt zu halten. Melkroboter, GPS-gesteuerte Traktoren, automatisierte Fütterung, Mähdrescher, die den Hektar nicht in fünf, sondern in einer Stunde ernten, Maschinen, die in einem Arbeitsgang eggen und säen: „Ein Ergebnis der technologischen Entwicklung ist die Massenproduktion und deren oberstes Prinzip: die möglichst vollständige Automatisierung der von Menschenhand ausgeführten Arbeitsschritte“, schreiben die Wissenschaftler Thomas Hentschel und Theodor Fock im Kritischen Agrarbericht. Wer nicht mithalten kann, wer kein Geld für Investitionen in Maschinen und Gebäude hat, der scheidet aus.

Mit dem agrarindustriellen Wachstum der Betriebe aber wachsen die Probleme beim Tierschutz, bei der Nährstoffversorgung der Böden, bei der Vergiftung des Grundwassers mit Pestiziden, beim Schutz der biologischen Vielfalt, aber auch bei der Arbeitssituation der Menschen auf den Betrieben.

Und ökonomisch? Auch Wachstumsbetrieben fällt es immer schwerer, sich auf die ständig schwankenden und in der Tendenz eher sinkenden Erzeugerpreise einzustellen. Wachstum ist auch in der Landwirtschaft kein Indikator mehr für Wohlstand.

Denn Wachstum ist eine Kapitalfrage geworden. Die Arbeitsplätze in der Milch- oder Fleischerzeugung sind extrem teuer. Da ist in einem Milchbetrieb pro Arbeitskraft rasch eine halbe Million Euro Kapital gebunden. Wachsen kann also nur, wer auch ans Kapital kommt. Wachstum aber ist gebunden an Sicherheiten: Mit 20 Hektar Land kommt der Bauer dann nicht weit, da winken die Banken ab. Die Alternative kann darin liegen, sich entweder von Fremdinvestoren oder von den Abnehmern wie Molkereien und Schlachtbetrieben mit Investments helfen zu lassen. Damit entstehen Abhängigkeiten, die das Ende des freien Bauern sind.

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„Bauer Willi“, der anonyme Kolumnist des Fachblatts Topagrar, weiß um diese Gefahr: Wählt der Landwirt „Wachstum, begebe er sich ins Hamsterrad, in Abhängigkeiten“, ob von der Bank oder vom abnehmenden Unternehmen. Wählt er „Weichen“, dann empfinde er „persönliches Scheitern“, obwohl die Entscheidung unternehmerisch klug gewesen sein mag. Bauer Willi wählte mit seinem Sohn eine dritte Lösung: „Wir gehen den kurzen Weg“, der Erzeuger beliefert nun den Verbraucher direkt, „und schaffen so das Vertrauen in unsere Arbeit.“

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