Berlin. Die Schäden im Atomkraftwerk Krümmel sind offenbar größer als bisher bekannt. Betreiber Vattenfall räumte am Donnerstag ein, dass nicht nur der Transformator defekt ist, was am vergangenen Samstag zu einer Schnellabschaltung der Anlage geführt hatte. Auch mindestens eines der rund 800 Brennelemente im Reaktor selbst sei wahrscheinlich beschädigt. Heute will das Unternehmen den Reaktordruckbehälter öffnen und sich auf die aufwendige Suche nach kaputten Brennstäben begeben.
Bundesaußenminister und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier (SPD) fordert unterdessen die Stilllegung des Pannen-Reaktors. Auch Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust (CDU) ist notfalls für ein endgültiges Abschalten. "Das Vertrauen in eine solche sichere Versorgung ist durch den jüngsten Vorfall am Kernkraftwerk Krümmel stark erschüttert worden", sagte er der Hamburger Morgenpost.
Ob der Brennelementschaden schon beim Wiederanfahren des Reaktors nach zweijähriger Reparatur- und Kontrollpause im Juni bestand und erst jetzt durch den neuen Störfall entdeckt wurde, ist offen. Vattenfall will einen "Sonderbevollmächtigten" zur Klärung einsetzen; er wird aus dem Unternehmen selbst stammen.
Vattenfall-Europe- Chef Tuomo Hatakka entschuldigte sich am Donnerstag in Berlin für die Panne im AKW Krümmel. Dass die Kieler Atomaufsichtsbehörde zu spät informiert wurde und die vereinbarte Installation eines Messgerätes am kollabierten Krümmel-Transformator unterlassen worden sei, sei ein "Fehler" gewesen. Warum das Gerät nicht - wie von der Atomaufsicht verlangt - eingebaut wurde, konnte das Management auch fünf Tage nach dem Störfall nicht beantworten. Dafür trage der inszwischen geschasste Kraftwerksleiter die Verantwortung, reagierte Vorstandschef Hatakka gereizt auf Journalistenfragen nach der Zuverlässigkeit Vattenfalls. Die Versäumnisse seien nach den Pannen Krümmel und Brunsbüttel vor zwei Jahren ein "herber Rückschlag" für die Bemühungen des Konzerns um Sicherheitskultur und Glaubwürdigkeit, gestand Hatakka ein. "Wir sind uns bewusst, das wir erneut Vertrauen verloren haben. Das müssen wir uns neu verdienen."
Am Samstag will das Unternehmen die Krümmel-Anwohner zur Diskussion laden. Er stehe mit seinem Namen dafür ein, dass nun die nötigen Konsequenzen gezogen würden", versprach der Vattenfall-Europe-Chef. Nahezu wortgleich hatte Gesamt-Konzernchef Lars G. Joseffson bereits nach dem Krümmel-Debakel vor zwei Jahren Besserung gelobt. Gestern ließ sich der oberste Boss, im Nebenjob Angela Merkels Klimaberater, nicht vor der Presse blicken.
Offen ist nach wie vor, wie es am Samstag zum Kurzschluss in dem gerade erst reparierten AKW-Transformator kommen konnte, der nach jetzigen Erkenntnissen den Störfall ausgelöst hatte. Gesichert scheint nur, dass es die gleiche Schadensursache wie 2007 gewesen ist, die für einen Brand in Krümmel gesorgt hatte.
Nun sollen die zwei Transformatoren von Krümmel durch neue ersetzt werden. Das wird nach Vattenfall-Angaben "mehrere Monate" dauern. Krümmel zumindest wird wegen des Defekts auf unbestimmte Zeit vom Netz bleiben.
Fragezeichen stehen auch hinter dem Vorgehen der Kraftwerksbelegschaft. So traf der Betriebsleiter, der Bereitschaftsdienst hatte, erst 45 Minuten nach der Störmeldung auf der Reaktorwarte ein - da hatte die Polizei schon die Atomaufsicht verständigt.
Trotz dieser Unklarheiten "gebe es keinen Grund" für eine endgültige Stilllegung des AKW, meinte Hatakka. "Was in Krümmel passiert ist, ist ein Einzelfall." Sein Fazit: "Krümmel ist sicher."
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