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13. September 2012

Al-Kaida in Bengasi: US-Geheimdienst vermutet Anschlag

Auch am Mittwoch demonstrierten in Kairo wieder Hunderte Muslime gegen die USA. Vorläufiger Höhepunkt der Ausschreitungen war der Tod des libyschen US-Botschafters am Dienstag. Foto: dpa

Nach dem tödlichen Angriff auf einen US-Botschafter am 11. September wachsen in den USA Zweifel, ob tatsächlich nur ein islamkritischer Film der Anlass war. Das Pentagon verlegte unterdessen zwei Kriegsschiffe vor die libysche Küste.

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Nach dem tödlichen Angriff auf einen US-Botschafter am 11. September wachsen in den USA Zweifel, ob tatsächlich nur ein islamkritischer Film der Anlass war. Das Pentagon verlegte unterdessen zwei Kriegsschiffe vor die libysche Küste.

Bengasi/Washington –  

Nach dem Angriff auf das US-Konsulat in der libyschen Stadt Bengasi gehen die US-Geheimdienste Hinweisen auf einen gezielten Terroranschlag nach. Der „geplant, koordiniert und organisiert ausgeführte“ Angriff trage „klar“ die Handschrift des Terrornetzwerks Al-Kaida, sagte der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im US-Repräsentantenhaus, Mike Rogers, dem Sender CNN.

Ein Sprecher des Weißen Hauses sagte dagegen, es sei noch zu früh für ein klares Urteil. Bei dem Angriff war der Botschafter der USA in Libyen, Chris Stevens, getötet worden. Rogers erklärte weiter, die US-Geheimdienste hätten noch nicht ermittelt, wer hinter der Tat stecke, aber „unsere Liste wird kürzer“. Sicher habe es sich nicht um eine spontane Tat gehandelt. Das FBI schickte nach Angaben aus Behördenkreisen Teams nach Libyen, die die Ermittlungen unterstützen sollen.

Das Pentagon verlegte unterdessen zwei Kriegsschiffe vor die libysche Küste. Aus US-Regierungskreisen verlautete, der Zerstörer „USS Laboon“ habe seine Position bereits am Mittwoch erreicht. Die „USS McFaul“ sei auf dem Weg und werde innerhalb weniger Tage ihr Ziel erreichen. Weiter hieß es, die Schiffe hätten keine konkrete Aufgabe. Sie gäben den Kommandeuren jedoch die Möglichkeit, flexibel auf jeden Einsatz zu reagieren, die der US-Präsident anordne.

Proteste als Ablenkung

Der TV-Sender CNN berichtete unter Berufung auf US-Quellen, die Angreifer hätten die Proteste vor dem Konsulat als Ablenkungsmanöver genutzt. Ob die Angreifer die Proteste initiiert oder nur für ihr Vorhaben ausgenutzt hätten, sei allerdings unklar. Die Gewährsleute schlossen jedoch aus, dass der Angriff Botschafter Stevens galt, wie CNN am Mittwoch auf seiner Website berichtete.

Ein weiterer ranghoher US-Vertreter sagte CNN demzufolge, dass das Weiße Haus voraussichtlich Drohnen nach Libyen schicken werde, um Extremisten aufzuspüren, die womöglich mit dem Angriff zu tun hätten. Die Informationen sollten dann den libyschen Behörden ausgehändigt werden, hieß es.

Das Konsulat war am Dienstag mit Raketen und Granaten angegriffen worden. Der US-Botschafter Chris Stevens und drei Mitarbeiter wurden getötet, auch mehrere libysche Sicherheitskräfte starben. Der Angriff ereignete sich am Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001, ein für islamistische Terroristen symbolisches Datum. Zunächst hatte es geheißen, dass es sich um einen spontanen Angriff gehandelt habe.

Seit Dienstag gibt es in zahlreichen Ländern Proteste gegen einen US-Film, in dem der Prophet Mohammed verunglimpft wird. Auch in Kairo hatten militante Islamisten die US-Botschaft gestürmt. Am Mittwoch versammelten sich dort erneut etwa 200 Islamisten vor der Botschaft. Dem Sender CNN zufolge kam es zu Zusammenstößen mit Vertretern der Sicherheitskräfte.

Auch in Casablanca in Marokko gingen bis zu 400 Menschen auf die Straßen. Einige dutzend Menschen protestierten zudem im Gazastreifen gegen die USA und zündeten vor dem Sitz der UNO US-Fahnen an. Das iranische Außenministerium verurteilte den Film als „schändlich“. Mehrere iranische Medien kündigten für Donnerstag eine Demonstration in Teheran an.

Kritik von Mitt Romney

Unterdessen erreichten die Vorfälle auch den US-Wahlkampf. US-Präsident Barack Obama Obama warf seinem Herausforderer Mitt Romney eine Taktik nach dem Motto „erst schießen und dann zielen“ vor, nachdem dieser seine Reaktion auf die Attacken kritisiert hatte. Romney hatte Obama vorgeworfen, nach den Angriffen vom Dienstag zunächst Verständnis für die Angreifer gezeigt zu haben, statt die Attacken sofort zu verurteilen.

Bei einer Veranstaltung in Las Vegas sagte Obama am späteren Mittwoch, dass kein Terrorakt es schaffen werde, die „Werte der USA“ zu trüben. „Kein Gewaltakt wird die Entschlossenheit der USA erschüttern“, sagte er. Er verurteilte den Angriff auf die Botschaft und kündigte an, die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen.

Inzwischen hat der US-Präsident auch mit den Präsidenten von Ägypten und Libyen telefoniert, und diese zur weiteren Zusammenarbeit beim Schutz des diplomatischen Personals aufgefordert. Obama habe dem libyschen Präsidenten Mohamed Magariaf für dessen Anteilnahme gedankt, teilte das Weiße Haus mit.

Beide Politiker wollten zusammenarbeiten, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Bei einem weiteren Anruf habe Obama dann dem ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi zugesichert, dass man seine Bemühungen um die Sicherheit der US-Mitarbeiter zu schätzen wisse, teilte das Weiße Haus mit.

Flaggen auf Halbmast

Die Flaggen an Regierungsgebäuden und militärischen US-Einrichtungen in der ganzen Welt wurden auf Halbmast gesetzt. US-Außenministerin Hillary Clinton zeigte sich schockiert. Sie betonte, der Angriff sei von einer kleinen Gruppe und nicht von Vertretern der libyschen Volks begangen worden.

Der stellvertretende libysche UN-Botschafter Ibrahimi Dabbaschi machte „eine extremistische Gruppe“ für den Angriff verantwortlich. Er bekräftigte vor dem Weltsicherheitsrat in New York die Zusicherung seiner Regierung, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden würden.

„Dieser Angriff dient nicht den Interessen des Volkes oder der libyschen Behörden und kann auch nicht als Verteidigung des Islams betrachtet werden“, sagte Dabbaschi. „Dieser Angriff beschädigt das Ansehen des Islams beträchtlich.“ Der Sicherheitsrat und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilten den Angriff aufs Schärfste. (AFP/dapd)

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