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Politik
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07. September 2012

Alfred Neven DuMont: Von der Pflicht, wachsam zu sein

Alfred Neven DuMont.  Foto: dapd/Archiv

In einem offenen Brief wendet sich Verleger Alfred Neven DuMont an Charlotte Knobloch. Die schweren Belastungen, die Knobloch zwischen dem jüdischen Volk und Deutschland sieht, stimmen ihn traurig.

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Sehr verehrte Frau Knobloch,

Ihre dringliche Sorge in der „Süddeutschen Zeitung“ über schwere Belastungen, die zwischen dem jüdischen Volk und Deutschland in den letzten Wochen losgetreten worden sind, macht traurig. Aber es ist mehr als eine Sorge, es ist ein prinzipieller Aufruf, der Ihre Frage zulässt: Wollt Ihr uns Juden noch? Dieselbe Frage von einem jüdischen Repräsentanten, beispielsweise in Frankreich oder in England, in der Öffentlichkeit gestellt, wäre aus der Geschichte heraus von einer unendlich weniger dramatischen Brisanz. Da maßt sich ein Richter aus Köln an, Beschneidungen von Knaben generell als Strafdelikt darzustellen, ohne nach rechts und links zu schauen, ohne die jahrtausendealte jüdische Kultur und Tradition wahrzunehmen, sie zu achten, ja, sie zu schützen, wie unsere Verfassung es vorsieht. Wie würden wir Christen aufschrecken, wenn ein deutscher Richter Riten und Traditionen unserer Religion an den Pranger stellen würde?

Aber der Richter, der vielleicht jetzt erst zur Kenntnis genommen hat, was er überhaupt losgetreten hat, ist nicht Ihre Hauptsorge. Es war das vieltausendfache Echo von mehr oder weniger aufgebrachten Bürgern, das aufgeschreckt hat. Auf zehn Bestätigungen des Richterspruchs kamen eine, bestenfalls zwei Gegenstimmen, die zur Mäßigung aufriefen und auf Verständnis für die jüdische Kultur hinwiesen. Es wäre falsch, die Mehrheit der Äußerungen als antisemitisch abzutun.

Zur Person

Alfred Neven DuMont ist Vorsitzender des Aufsichtsrates der Mediengruppe M. DuMont Schauberg und Anteilseigner der israelischen Tageszeitung Haaretz.

Aber, und da folge ich Ihnen, Frau Knobloch, die nicht endende Schwemme der Leserbriefe und Äußerungen ließen einen nicht zur Ruhe kommen. Die meisten hielten sich bedeckt, führten verständliche oder weniger verständliche Gründe an. Nur wenige Personen wagten sich hervor mit Andeutungen, die jemand als Kritik an Juden empfinden konnte. Wie kommt es dazu, dass keine Frage einen erheblichen Teil der Deutschen so sehr bewegt wie die Beschneidung von Knaben, ein über die Jahrtausende akzeptierter und ausgeübter Vorgang anderer Religionen? Einen amerikanischen Richter, der wie sein Kölner Kollege zu demselben Ergebnis gekommen wäre, hätte man in seinem Land als Witzbold abgetan, weil ein erheblicher Teil der Jungen in den Vereinigten Staaten aus hygienischen Überlegungen den kleinen Schnitt über sich ergehen lässt.

Aber die unglückselige Lawine rollt weiter. Erst dieser Tage versuchte das Land Berlin eine Kompromisslösung anzubieten, die alles andere als tragfähig ist und keinen Bestand haben kann. Wer den israelischen Präsidenten Shimon Peres kennt, weiß, wie umsichtig und klug er seine Worte abzuwägen versteht, wenn er es für angebracht hält, sich sorgenvoll in der Frage der Beschneidung an seinen deutschen Kollegen, den Bundespräsidenten, zu wenden. Das sollte Anlass genug in unserem Land sein, eine Besinnung herbeizuführen.

Menschen, die nicht betroffen sind, erwarten oft genug von den Betroffenen Zurückhaltung und Bescheidung, bis sie selbst betroffen sind. Frau Knobloch, in Ihren Äußerungen zählen Sie all die Fragen auf, die Juden in Deutschland in der Vergangenheit bedrückt haben und die Sie dennoch zurückstellten. Nun schließen Sie in Ihren Äußerungen nach dem Erleben der letzten Wochen, dass Sie dies so nicht mehr stillschweigend akzeptieren wollen. Dünnhäutig, so scheint es. Aber Sie haben nicht nur das Recht dünnhäutig zu sein, nein, Sie müssen es sein. Und Sie müssen es auch für uns Deutsche sein, wenn den einen oder anderen die Orientierung verlässt.

Die größte Bombe, die während des letzten Weltkrieges in der Nazizeit auf deutschem Boden hinterlassen wurde, war nicht von den Alliierten über uns ausgeschüttet worden, sondern die damalige Führung hat sie selbst hergestellt: den Holocaust. Diese Bombe ist weiter unter uns. Nicht entschärft, aber wir Deutschen haben uns nach der Annahme der Schuld gemeinsam mit dem jüdischen Volk eingerichtet, damit wir gemeinsam damit leben können – mit der Verpflichtung, darüber zu wachen, so dass die Bombe ruht.


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Aber nicht nur jüdische Repräsentanten, sondern auch das ganze deutsche Volk ist aufgerufen, wachsam zu sein, wie es im Paragraph 4 des Grundgesetzes vorgeschrieben ist: Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet. Und deshalb, verehrte Frau Knobloch, wollen wir Sie.

Ihr Alfred Neven DuMont

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