Eigentlich fehlen nur die Lamas, dann wäre dieser Anblick die Anden-Idylle, wie sie die Touristen schätzen. In der Ferne liegt der stahlblaue Titicaca-See, im Vordergrund warten Kühe auf die kleinen Boote, die ihnen Futter bringen – Algen aus dem See, die auf einem trägen, verlandeten Flüsschen herantransportiert werden. „Das Vieh hat immer Algen gekriegt, schon seit den Zeiten der Vorfahren“, erklärt Amalia Quispe de Condori, die mit anderen Frauen neben zu Bergen geschichteten, getrockneten Kuhfladen sitzt. Die Frauen weben, über ihnen kreischen aufgeregte Möwen, und die Kühe setzen sich wackelnd in Bewegung, als einer der Algenfischer sein Boot auf den flachen Strand schiebt.
Eine Idylle? Hier oben, auf dem fast 4000 Meter hohen Altiplano in Bolivien, ist in Wahrheit gar nichts mehr idyllisch. Die Natur hat sich verändert, sie kann die Menschen immer schlechter versorgen und ernähren. Immer mehr Hochland-Bewohner setzen sich ab in die Städte – und häufig hängen diese drastisch verschlechterten Lebensbedingungen mit dem Wasser zusammen.
„Das Ufer ist immer weiter entfernt, weil der See zurückgeht, die Algen müssen wir von immer weiter herholen, und fischen kann man in unserem Teil des Sees praktisch gar nicht mehr“, schimpft Amalia Quispe de Condori. „Forellen und Ährenfische gibt es wegen der Verseuchung gar nicht mehr.“
Südamerika beherbergt die gigantischen Wassersysteme des Amazonas-, des Orinoco- und des Plata-Beckens, aber gleichzeitig ist der Halbkontinent Schauplatz von Dürren und naturgegebener Wasserknappheit, die immer wieder dramatische Ausmaße annimmt. Die Pazifikküste Perus und Chiles ist ein von einigen Dutzend Flussoasen durchschnittener Wüstenstreifen. Brasiliens Nordosten wird seit eh und je von einer endlosen Abfolge von Dürre und Flut heimgesucht, weshalb die Regierung nun, ökologisch und wirtschaftlich umstritten, den Rio São Francisco umleitet.
Trinkwasser ist jetzt ein Menschenrecht. Die Vereinten Nationen haben am Mittwoch den Anspruch auf reines Wasser mit einer Resolution der Vollversammlung festgeschrieben. 122 Staaten – darunter Deutschland – stimmten für den von Bolivien eingebrachten Antrag.
Die Anerkennung werde aber nicht zu einer Änderung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte führen, hieß es. Die Staaten und internationalen Organisationen werden aufgefordert, allen Menschen Zugang zu Wasser und Sanitärversorgung zu verschaffen und entsprechende Mittel bereitzustellen. (dpa)
Aber wohl am übelsten ist der Altiplano dran, Boliviens trockene, von majestätischen Schneebergen gesäumte Hochebene. Selbst im jüngsten James-Bond-Film musste Boliviens Wasserknappheit herhalten als Kulisse für Daniel Craigs Heldentaten. Kein Wunder, dass die UN-Resolution, die sauberes Wasser jetzt zum Menschenrecht erklärt, von Bolivien ausgegangen ist.
Nicht weit von den webenden Frauen entfernt fließt der Rio Queca vorbei – in der Trockenzeit ein dünnes, verdrecktes Rinnsal in einem weiten Flussbett, das sich in den betonharten Boden hineingefräst hat. Zwei Pumpen, mit finanzieller Unterstützung der deutschen Caritas angeschafft, holen Wasser aus dem Boden. Aber das langt nur fürs Nötigste: „Dieses Jahr haben wir die Ernte praktisch verloren, weil das Wasser gefehlt hat“, erzählt Máximo León, einer der Anrainer. „Überlebt haben wir nur wegen dem Vieh, aber es gibt natürlich auch nicht genügend Futter, um die Herden zu vergrößern.“
Und der Fluss? Ach, seufzt Máximo, in seiner Jugend habe man daraus trinken können. Und warum geht das nicht mehr? Weil der Rio Queca zur Kloake der Stadt Achacachi geworden ist, die seit Máximos Jugend gewaltig angewachsen ist und deren Krankenhaus ebenfalls seine Abwässer in den Queca entlässt.
Im Andenraum ist das Wasser seit Menschengedenken knapp. Die Inkas bauten Terrassen und Wasserleitungen, die spanischen Kolonialherren erließen Wassergesetze, um die Verteilung zu regeln. Dass sich in diesen Wasser-Verzeichnissen die Ungerechtigkeit der Landverteilung wiederholte und verdoppelte, gehört zu den Binsenweisheiten der Geschichte des Andenraums. In Nord-Peru standen Änderung und Manipulierung des Wasserrechts am Beginn der gewaltigen Zucker-Haciendas, die im 19. Jahrhundert den Weltmarkt bedienten. Die Kleinen, die beim Zugang zum Wasser benachteiligt waren, gingen ein und verkauften ihr Land an die Großen – nach diesem schlichten, brutalen Mechanismus entstanden Zuckerrohr-Imperien von der Größe europäischer Kleinstaaten.
In Ecuador lassen sich ähnliche Prozesse bis heute beobachten. Cayambe, 70 Kilometer nördlich der Hauptstadt Quito: In einem weiten, hochgelegenen Andental konzentriert sich Ecuadors Schnittblumen-Industrie. Wegen der Äquatornähe, dem speziellen Sonneneinfall und der fast konstanten Tag- und Nachtgleiche wachsen hier, wie die Blumenzüchter prahlen, die schönsten Rosen der Welt. Das Wasser dazu führt ein 1903 gebauter, 65 Kilometer langer Kanal von den Abhängen des 5790 Meter hohen Berges Cayambe heran. Zunächst bediente der Kanal vorrangig die Viehzüchter, aber als die Blumenindustrie zu florieren begann, wanderte die Vormachtstellung bei der Wasserversorgung an die Besitzer der Treibhäuser weiter.
Die Ungleichheit bei der Boden-Verteilung wiederholt sich im ungleichen Zugang zum Wasser. Fünf Prozent der Betriebe im Versorgungsbereich des Kanals sind Blumen-Farmen, denen 20 Prozent des Landes gehören, und vier Prozent der Betriebe züchten Vieh, auf 27 Prozent des Landes. 91 Prozent der Betriebe gehören Kleinbauern, die sich die restlichen 53 Prozent des Landes teilen. So weit, so üblich – aber das trifft auch besonders auf bewässerbaren Boden zu. Wenige Große – also die Blumen- und die Viehzüchter – haben viel, viele Kleine haben wenig Wasser.
Die ohnehin knappen Ressourcen im Andenraum wurden durch das Bevölkerungswachstum noch knapper, immer mehr Menschen gingen immer schlampiger mit der Natur und dem Wasser um. Flüsse werden ohne viel Federlesen als Müllabtransport-System missbraucht – aus Unkenntnis, Desinteresse, Rücksichtslosigkeit, mit denen die Umwelt-Aufklärung nicht Schritt hält.
Nahe dem Rio Queca sind die Wasserkanäle versandet. Durch den Klimawandel transportieren die Wasserläufe mehr Sedimente. Und die Nutzer der Wasserkanäle sind meist die Alten, die zwar noch wissen, dass man die Kanäle säubern muss, denen das aber körperlich schwerfällt. Die Jungen sind in die Stadt oder ins fruchtbare Tiefland abgewandert. Oder sogar nach Argentinien und Europa.
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