Herr Glück, die neuen Vorwürfe gegen Bischof Mixa markieren einen Tiefpunkt in der Krise der katholischen Kirche. Wie schmerzhaft ist dieser Fall?
Natürlich ist das eine schwere zusätzliche Belastung. Der Vorgang zeigt aber auch, wie konsequent die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz angewandt werden, unabhängig von Rang und Person. Das ist eine positive Entwicklung, die über das Missbrauchstema hinaus bedeutsam ist.
Kann der Ökumenische Kirchentag (ÖKT) überhaupt eine fröhliche Veranstaltung werden?
Es wird trotzdem ein lebendiges Fest. Jeder Kirchentag war ja auch immer geprägt von ernsten Diskussionen. Wir werden nichts tabuisieren, aber der Kirchentag wird auch nicht auf das Thema reduziert werden.
Es gibt viel Entsetzen an der Kirchenbasis und dramatische Austrittszahlen. Wie viel von dem Frust kommt bei Ihnen an?
Die Erschütterung ist überall spürbar. Die Frage ist, ob die Krise auch ein Ausgangspunkt für eine Erneuerung ist. Aber momentan ist die Situation bedrückend. Für uns als engagierte Laien gilt: Wir leiden an der Kirche, aber es ist auch weiter unsere Kirche. Deshalb resignieren wir nicht. Die Krise ist eine Chance für notwendige Veränderungen.
Kann diese Krise überhaupt bewältigt werden?
Zunächst ist eine Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nötig und eine gute Vorsorge, damit sich solche Fälle möglichst nicht wiederholen. Aber dann muss eine tiefere Auseinandersetzung darüber stattfinden, was diese Entwicklung über die innere Situation dieser Kirche aussagt und welche Konsequenzen wir daraus ziehen.
Welche sind das denn Ihrer Ansicht nach?
Es gibt kein Patentrezept. Es geht zunächst darum, dass wir das kirchliche Personal besser auswählen und ausbilden. Die Aufarbeitung kann sich aber nicht begrenzen auf die Betrachtung vom Versagen Einzelner. Wir brauchen eine Erneuerung.
Wie kann die Erneuerung aussehen?
Die Kirche muss die Menschen in der heutigen Lebenssituation besser erreichen. Es gibt die Gefahr des Rückzugs in eine Wagenburgmentalität, in der die moderne Welt nur als Bedrohung gesehen wird. Das wäre fatal.
Gehört zur Erneuerung auch eine andere Sexualmoral?
Wir müssen uns offen damit auseinandersetzen, dass zum Beispiel in der Frage der Verhütung 90 Prozent der Katholiken aus Verantwortung anders handeln, als die kirchliche Lehre ist. Wir müssen uns offener damit auseinandersetzen, was heute verantwortungsvoller Umgang mit Sexualität und Partnerschaft heißt. Wir müssen uns auch mit der Möglichkeit des Scheiterns befassen. Viele Geschiedene erleben die Kirche als unbarmherzig.
Ist der Zölibat noch zeitgemäß?
Die Aufhebung des Pflichtzölibats ist keine Wunderlösung. Aber durch den Druck, der durch den Priestermangel entsteht, gibt es das große Bedürfnis, andere Lösungen zu finden.
Welche Lösungen?
Es gibt ja in anderen christlichen Kirchen die Wahlmöglichkeit für Geistliche, ob sie zölibatär leben wollen oder nicht. Wir müssen den Weg öffnen für ein Priesteramt ohne Zölibat. Die Diskussion ist voll im Gange, die Äußerung von Erzbischof Schick ist dafür ein Beispiel.
Beim ersten ÖKT gab es eine Aufbruchstimmung und eine lebhafte Debatte über das gemeinsame Abendmahl. Inzwischen scheint das Verhältnis zwischen Protestanten und Katholiken erkaltet. Der Papst hatte etwa erklärt, dass die Protestanten keine Kirche im eigentlichen Sinne seien. Wie beschädigt ist das Verhältnis?
Es gab auf beiden Seiten Vorfälle, die das Verhältnis belastet haben - auch das Bemühen auf evangelischer Seite, mit einer "Ökumene der Profile" die eigene Identität zu stärken. Im theologischen Dialog gibt es eine Stagnation.
Stagnation oder Rückschritt?
Es wäre ein großer Fehler, die Ökumene etwa auf Fragen wie das gemeinsame Abendmahl zu begrenzen. An der Basis gibt es eine eigene Dynamik.
Der Papst legt einen Schwerpunkt auf die Beziehungen zur Orthodoxie, weniger zu den Protestanten. Der ÖKT hat eine zentrale Veranstaltung mit den Orthodoxen. Ist das auch eine Verlagerung des Schwerpunktes?
Nein. Im Land der Reformation ist die orthodoxe Kirche im Vergleich zur evangelischen Kirche eine kleine Minderheit. Das eine steht nicht gegen das andere. Es ist eine Bereicherung.
Interview: Wolfgang Wagner
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