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25. Januar 2014

Alternative für Deutschland AfD: Der ideale Partner für Bernd Lucke

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Aushängeschild zu sein reicht ihm aus: Der frühere Industriepräsident Hans-Olaf Henkel kandidiert bei der Europawahl für die AfD.  Foto: dpa

Hinter Parteichef Bernd Lucke wird Hans-Olaf Henkel die eurokritische Alternative für Deutschland (AfD) in die Europawahl führen. Der frühere Präsident des BDI trifft auf dem Europaparteitag der AfD den Nerv. Für Lucke ist Henkel aber keine Gefahr.

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Der neue Star der neuen Partei braucht erst Mal Geduld - und einen Schal. In der schmucklosen „Frankenstolz“-Halle von Aschaffenburg zieht’s. Und Hans-Olaf Henkel hat es mit den Stimmbändern. Mit der Geduld hat er es weniger. Unruhig wippen seine Füße, während der Europaparteitag der „Alternative für Deutschland“ sich dahin schleppt.

Nach mehr als drei Stunden ist es endlich so weit. Er legt den Schal ab und geht ans Rednerpult. „Ich fühl‘ mich wohl bei ihnen“, sagt der schlanke König so vieler Talkshows mit den Resten seiner Stimme. Am Ende seiner kurzen Vorstellung bekommt der 73-jährige einen Befall, wie er hier normalerweise nur einem vorbehalten ist: Bernd Lucke, dem (fast) unangefochtenen Herrscher über die AfD.

Komplimente, Komplimente, Komplimente

Der frühere Präsident des BDI hat sich Zeit gelassen, ehe er sich vorbehaltlos auf das alternative Abenteuer AfD eingelassen hat. Voraus gegangen war ein kurzer Flirt mit den Freien Wählern aus Bayern. Deren Chef Hubert Aiwanger hätte ihn gern als Aushängeschild für die bundesweite Ausweitung seines Regionalvereins gehabt. Aber die beiden Alphatiere kamen nicht zusammen. Beim Gründungsparteitag der AFD in Berlin war Henkel aufgetaucht, hatte die allfälligen Interviewanfragen abgearbeitet und war wieder verschwunden. In seinem Alter Parteiarbeit wollte er sich offenbar nicht antun – und außerdem abwarten, ob die Alternative wirklich eine würde.

Die Parteitagsdelegierten, die sich seither Versammlung für Versammlung und in einem mühsamen Bundestagswahlkampf abgemüht haben, wissen um seine Zögerlichkeit. Der erfahrene Redner weiß, dass sie es wissen, und nimmt sie (nicht ohne Lucke seine Referenz zu erweisen) sofort für sich ein. Er habe zahlreichen Veranstaltungen teilgenommen und mit „hunderten“ Menschen aus der AfD gesprochen: „Ich habe keinen einzigen Neonazi, Verrückten oder Spinner getroffen.“

Er kenne keine Partei, in der das Bildungsniveau so hoch ist wie in der AfD. Außerdem habe er das höchste Bildungsniveau aller Parteien vorgefunden. Der Lohn für so viele Komplimente: Fast 80 Prozent der Delegiertenstimmen. Danach darf er endlich tun, wofür er seine Stimme so langegeschont hat: Interviews geben.

Zeit des einhelligen Jubels ist vorbei

Hans-Olaf Henkel kandidiert auf Platz zwei der AfD-Liste für die Europawahl. Mit der Nr. Eins der Partei und der Liste hat er offenbar eine besser tragfähige Beziehung entwickeln können als mit dem bullerigen Bayern. Den gebürtige und den Wahlhamburger eint der kühle analytische Blick auf Mitmenschen und Politik ebenso wie die Fähigkeit trotz der eigenen Kühle nicht nur die Köpfe, sondern auch die Herzen der Menschen zu erreichen. Henkel ist für Lucke auch deshalb der ideale Partner, weil er weiß, dass er ihm nicht gefährlich werden kann, nein, nicht gefährlich werden will: Aushängeschild zu sein reicht ihm aus. Das ist Arbeit genug.

Die Herkulesaufgabe, den Laden zusammen zu halten überlässt er gern Bernd Lucke. Welche Mühe das kostet, zeigt das Ergebnis, mit dem der Parteitag ihm zum Spitzenkandidaten wählt: 261 von 297 Stimmen. Das ist kein Rüffel. Aber die Zeit des einhelligen Jubels ist eben auch vorbei. Zu vielen hat der Professor inzwischen auf die Füßen treten müssen, um die aufkeimenden Flügelkämpfe der jungen Partei einzuhegen. Als er in seiner Begrüßung die „basisdemokratische Tradition“ der AfD lobt, erntet er von einer Minderheit höhnisches Gelächter und gellende Pfiffe.

Unruhe hinter den Kulissen

Mit eiserner Konsequenz schafft Lucke Ordnung hinter den Kulissen, denn die Einheit der Partei ist durchaus nicht ungefährdet: Konservative (sowie sehr Konservative) und Wirtschaftsliberale versuchen, einander zustechen. Alexander Gauland, einer der Wortführer der Konservativen hat in einer dramatischen Kolumne in der „Frankfurter Allgemeinen“ vor dem Parteitag zur Kompromissbereitschaft aufgerufen. Das tat auch die sehr rechtskonservative „Junge Freiheit“, der Lucke sein Interview zum Parteitag gegeben hat.

Luckes Rede ist gespickt mit den aus dem Bundestagswahlkampf bekannten Spitzen gegen die „Altparteienallianz“. Deren Europapolitik karikiert er, wie es die „heute-show“ kaum besser könnte - um schließlich in vollem Ernst den Slogan der Partei für den Europawahlkampf vorzustellen: „Mut zu Deutschland“.

Der Vorsitzende beschreibt ihn als Fortsetzung des „Mut zur Wahrheit“ bei der Bundestagswahl, mit dem die Partei ihr populistisches Potential weit über die Euro-Kritik hinaus ausgeweitet hatte. Nur dass der neue einen doppelten Boden hat, der freilich nicht wahrnehmbar ist, wenn man ihn nur hört oder in einem Bericht liest. Auf den Plakaten der AfD soll das „eu“ in „Deutschland“ mit dem europäischen Sternenkranz umrandet sein. So will sich die Partei gegen den Vorwurf des Nationalismus wappnen.

Polarisierung schafft Öffentlichkeit

Einem Profi politischer Öffentlichkeitsarbeit wie Hans-Olaf Henkel entgeht der Trick selbstverständlich nicht. Er hätte sich „auch einen anderen Slogan vorstellen können“, sagt er am Rande des Parteitags.

„Erläuterungsbedürftig“ findet er die Parole, zumal er weiß, wie die Gegner der Partei, deren Teil er nun ist, diese Strategie angreifen werden. Aber genau das ist es, was Lucke will: Polarisierung schafft Öffentlichkeit und soll den Laden nach Innen zusammen halten.

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