Ein Frauenprojekt in Bosnien", fragte ein deutscher Diplomat im Kriegs-Dezember 1992: "Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?" Die Kölner Gynäkologin Monika Hauser ließ sich davon nicht abschrecken. Jetzt hat ihr diese Unbeirrbarkeit und was daraus in den nächsten 15 Jahren noch so alles folgen sollte, den Alternativen Nobelpreis eingetragen.
Damals, 1992, waren bei Hauser und vielen anderen Schock und Ungläubigkeit die ersten Reaktionen, als die Berichte über das Schicksal der bosnischen Frauen bekannt wurden. Eine Flugstunde von Frankfurt entfernt wurden Zehntausende meist muslimische Frauen und Mädchen vergewaltigt, geschlagen und gefoltert.
Asha Hagi ist eine Friedensaktivistin aus Somalia. Die 46-Jährige habe unter großem persönlichem Risiko "die Mitwirkung von Frauen im Friedensprozess ihres vom Krieg zerrissenen Landes organisiert und angeführt", betont das Preiskomitee der Right-Livelihood-Award-Stiftung.
Unter Lebensgefahr ermutigt Hagi Frauen, zwischen den verschiedenen Kriegsparteien und Clans zu vermitteln. "Dank ihres Mutes, Mitgefühls und ihrer Hartnäckigkeit sind die Frauen in Somalia heute in einer weit stärkeren Position", heißt es in der Würdigung. Seit Mai beteiligt sich die Ökonomin an den von den UN unterstützen Gesprächen zwischen hochrangigen Vertretern von Regierung und Rebellen. Wegen der aktuellen Gewalt in Mogadischu lebt Hagi derzeit im kenianischen Nairobi.
Krishnammal Jagannathan setzt sich in Indien gemeinsam mit ihrem Mann für die Ärmsten der Armen ein. Die Stiftung ehrt das Ehepaar für ihr lebenslanges Engagement für die Verwirklichung der "gandhischen Vision von sozialer Gerechtigkeit".
Der 96-jährige Sankaralingam kann wegen seines Alters nicht zur Preisverleihung nach Stockholm kommen. Das Komitee hebt hervor, dass er sich zusammen mit seiner 82-jährigen Frau stets für die Menschen auf den "untersten Stufen der sozialen Leiter" einsetze. Dazu zählten zum einen die Kleinbauern, deren Rechte gegen die Großgrundbesitzer sie mit ihrer Organisation Lafti verteidigten. Zum anderen unterstützt das Ehepaar die Dalit, die im indischen Kastensystem als Verstoßene gelten.
Amy Goodman ist US-Journalistin und bringt nach Angaben der Stiftung politische Aufklärung ins Fernsehen. Die 51-Jährige ist die Gründerin und Moderatorin der in über 700 Radio- und TV-Sendern ausgestrahlten Nachrichtensendung "Democracy Now".
Das Politmagazin wird in der Preisbegründung als "innovatives Modell wahrhaft unabhängigen politischen Journalismus" bezeichnet. Goodman bringe "jene alternativen Stimmen, die von den Mainstream-Medien so oft ausgegrenzt werden", hieß es weiter. Damit erfülle die Journalistin die Rolle der vierten Staatsmacht, die in vielen Ländern "kommerziellen und politischen Interessen" geopfert werde. Goodman setzt sich für Demokratie und Menschenrechte ein. (gam)
Die Frauenzeitschrift "Emma" hatte als erste über eine Textilfabrik in Prijedor berichtet, wo die Arbeiterinnen wie in einem großen Bordell gehalten wurden. Dann folgte das Frauenmagazin "Mona Lisa" mit einer Reportage aus den Flüchtlingslagern von Zagreb. Hunderte apathischer Frauen, die mit leeren Gesichtern in die Kamera blickten, zeugten von dem Grauen, das niemand und vor allem sie selber nicht beim Namen nennen wollten.
"Da ist es aufgebrochen in mir. Von einer Woche auf die andere habe ich alles mobilisiert," erinnert sich die heute 49-jährige Ärztin. Monika Hauser war sich sicher: Den Frauen in den Flüchtlingslagern wurde nicht richtig geholfen. Auf verständnisvolle, therapeutisch geschulte Ohren müssten sie treffen, wollten sie je wieder Zugang zu ihrem Körper und ihrer Seele finden. "Ich verfaule innerlich", werden ihr die Frauen später anvertrauen. Hauser sucht zunächst Unterstützung bei den etablierten Hilfsorganisationen. Doch die winken ab.
Die angehende Gynäkologin, die während ihrer Ausbildung und in einer Klinik im Ruhrgebiet viel über die körperlichen und seelischen Auswirkungen sexualisierter Gewalt erfahren hatte, setzt sich alleine in Bewegung. Auf abenteuerlichen Wegen fährt sie in einem Hilfslaster mit, spricht Psychologinnen und Ärztinnen in Zenica an und bricht dann im April 1993 erneut in die bosnische Enklave auf, um dort ein Therapiezentrum für die Frauen aufzubauen.
Mit Spendengeld und 20 Tonnen zusammengebettelten Hilfsgütern, einem ausrangierten gynäkologischen Stuhl, einem OP-Tisch, einem Anästhesiegerät, Computern, Schreibtischen, Zahnbürsten, Tampons - mit allem, was in Kriegszeiten unmöglich zu bekommen ist.
Heute sagt Monika Hauser: "Meine Unbedarftheit hat mich davor geschützt, Zweifel zu hegen". Die hartnäckige Südtirolerin kommt aus der Frauenbewegung. Ihre Eltern, die vor den Faschisten aus Italien geflohen waren, dachten freiheitlich.
Auch die Frauen vor Ort, wie die Psychologin Marijana Senjak erzählen später, dass sie sich zunächst nur gewundert haben über die unkonventionelle deutsche Ärztin, mit den bunten Pumphosen. Vor allem über die Art, wie sie mit den örtlichen Honoratioren umging. Das Zentrum wurde Vorbild.
Mehr als 93.000 Frauen wurden dort seit 1992 oder bei Hausbesuchen mit der mobilen Ambulanz gynäkologisch behandelt und psychologisch betreut. Die Traumabehandlung, wie sie von den Ärztinnen und Psychologinnen in Zenica weiterentwickelt wurde, genießt mittlerweile international einen herausragenden Ruf.
1999 weitet Hauser die Arbeit der mittlerweile als "medica mondiale " firmierenden Hilfsorganisation auf den Kosovo aus. Inzwischen ist die Frauenorganisation in Afghanistan, im Kongo, in Liberia, in Uganda und im Irak tätig. Vor allem im Kongo und in Afghanistan kämpft sie für Frauenrechte und hilft beim Aufbau von Rechtsstrukturen.
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