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29. Januar 2014

Altersforscher Thomas Klie: „Sterbehilfe senkt die moralische Schwelle“

 Foto: dpa

Altersforscher Thomas Klie lehnt die Sterbehilfe ab, er befürchtet negative Folgen für das gesellschaftliche Klima. Im Interview spricht er über die Angst vor Demenz und die Ökonomisierung der Pflege.

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Altersforscher Thomas Klie lehnt die Sterbehilfe ab, er befürchtet negative Folgen für das gesellschaftliche Klima. Im Interview spricht er über die Angst vor Demenz und die Ökonomisierung der Pflege.

Thomas Klie

Thomas Klie gehört zu den führenden Sozialexperten Deutschlands. In seinem Buch „Wen kümmern die Alten? Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft“ entwirft er ein Konzept für eine menschenwürdige Versorgung alter Menschen.

Der Freiburger Altersforscher, Jahrgang 1955, unterrichtet öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaft an der Evangelischen Hochschule Freiburg und untersucht derzeit für die Bundesregierung, welche Rolle ehrenamtliches Engagement vor dem Hintergrund des demografischen Wandels spielen kann. Der Bericht soll 2015 vorliegen.

Herr Klie, haben Sie Verständnis, wenn sich ein älterer Mensch umbringen möchte, weil er das Leben nicht mehr erträgt und niemandem zur Last fallen möchte?

Es gibt keine moralische Pflicht zum Leben „bis zuletzt“. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die etwa eine weitere Behandlung ihrer Tumorerkrankung ablehnen. Ihr Wille ist von den Ärzten zu respektieren. Auch kann ich verstehen, dass die Aussicht auf ein Leben mit schwerer Demenz Menschen die Zuversicht für ein gutes Leben nimmt. Aber wir müssen aufpassen, dass kein gesellschaftliches Klima entsteht, in dem Menschen mit Unterstützungsbedarf aus Rücksicht auf andere meinen, aus dem Leben scheiden zu müssen, um ihnen nicht zur Last zu fallen. Das wäre fatal. Die Tür für einen gesetzlich geregelten assistierten Suizid oder die Sterbehilfe weiter aufzumachen, lehne ich deshalb entschieden ab. Sie würde ein sozialverträgliches Frühableben provozieren – und Opfer kennen.

Die Mehrheit der Bevölkerung befürwortet aber die Legalisierung der Sterbehilfe.

Die aktuelle Diskussion um das „Recht auf den eigenen Tod“ verfolge ich mit Besorgnis. Die Ikonen des Freitodes, wie Wolfgang Herrndorf, dürfen das Ringen um menschwürdige Lebensbedingungen für vulnerable alte Menschen nicht entwerten. Das tun etwa ein Udo Reiter oder Hans Küng – ohne es zu beabsichtigen, wenn sie sich selbst öffentlich als „Pflegefall“ oder „Idiot“ die Würde absprechen. Das ist eitel.

Sie fürchten, eine Legalisierung der Sterbehilfe hätte Folgen für das gesellschaftliche Klima?

Ja. Das lässt sich leider auch empirisch belegen. In den Niederlanden stagniert die Zahl der gemeldeten Euthanasiefälle. Zugleich nehmen die nicht legalisierten Patiententötungen zu. Die moralische Schwelle für Tötungshandlungen wurde durch die gesetzliche Regelung gesenkt. Da denken offenbar manche Menschen: Na, da kann ich mir den ganzen formalen Kram mit der Überprüfung auch sparen. Schließlich ist die Euthanasie gesellschaftlich akzeptiert. Die moralische und psychische Bremse wurde gelockert. Das ist gefährlich.

Heißt das, es sterben auch Menschen, die sich nicht im Endstadium einer tödlichen Krankheit befinden?

Ja, es sind Fälle dokumentiert, in denen Ärzte Selbsttötungen bei beginnender Demenz unterstützten. Selbst die aktive Euthanasie bei schwer Demenzkranken ohne Einwilligung der Patienten oder ihrer Betreuer scheint keine Ausnahme mehr zu sein. Aus der Option der Euthanasie entwickelt sich schleichend so etwas wie eine Pflicht. Bedenklich ist das auch, weil in vielen Fällen nicht der Sterbewunsch des Menschen im Zentrum steht, sondern die Annahme der Umwelt, dass so ein Leben nicht mehr lebenswert ist. So geben in den Niederlanden immer mehr Ärzte als Grund für die aktive Sterbehilfe die Überforderung der Angehörigen an.

In Ihrem Buch sehen Sie in diesem Zusammenhang auch die Patientenverfügung sehr kritisch, die ja eigentlich als Errungenschaft für die Selbstbestimmung des Patienten gilt. Woher rührt Ihr Unbehagen?

Patientenverfügungen können sinnvoll sein, wenn man eine ganz bestimmte Krankheit mit ihrem Verlauf vor Augen hat. Sie können sich aber genau in das Gegenteil dessen verkehren, was sie versprechen, nämlich die Sicherung der Autonomie. Sie können zu einem Instrument werden, in dem Menschen unter dem Vorzeichen der Selbstbestimmung in ihre sozial erwartete Selbstabschaffung einwilligen, ohne zu wissen, wie sie einmal empfinden werden.

Und das ist deshalb problematisch, weil ich jetzt etwas für mich ausschließe, was ich später vielleicht anders sehen würde?

Ja. Kann ich wissen, ob ich wirklich nicht mehr leben will, wenn ich an einer schweren Demenz leide? Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen mit Demenz durchaus Zufriedenheit und Freude erleben können. Wenn ich in meiner Verfügung bestimme, dass ich bei einer schweren Demenz lebenserhaltende Maßnahmen ablehne, dann diktiert mir dies vorweggenommene Verzweiflung und Angst. Das sind keine guten Ratgeber. Wir brauchen in Lebenssituationen, die uns Angst machen, Menschen, die zu uns stehen und darauf achtgeben, dass das geschieht, was unseren Vorstellungen und Wünschen entspricht. Dazu kann es auch gehören, dass auf lebenserhaltende Maßnahmen verzichtet wird. Der verbriefte Verzicht auf ein Leben mit Demenz ist anthropologisch „schlimm“. An ihm könnte auch ein gesundheitsökonomisches Interesse bestehen. Unsere Kultur lebt davon, dass wir auch an den Grenzen des Lebens zueinanderstehen.

Viele Menschen schreckt vor allem die Vorstellung ab, ins Heim zu müssen. Lieber wollen sie sterben als dort ihre letzten Lebensmonate zu verbringen.

Die Frage: Wer sorgt sich um uns, wenn wir alt und verletzlich sind? ist eine der großen kulturellen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte: „Who cares?“. Uns werden im Jahr 2030 bis zu 500.000 Pflegekräfte fehlen. Gleichzeitig geht die Zahl der pflegenden Angehörigen zurück. Wir müssen die Sorge für einander neu organisieren. Weder Heime noch Familien sind die Lösung. Es gibt ebenso intelligente wie ökonomisch tragfähige Antworten. Das Leitbild lautet: „geteilte Verantwortung“. Ein Hilfemix mit An- und Zugehörigen, aus Nachbarn, Freunden, Profis, beruflicher Assistenz, Technik und Freiwilligen: hierin liegt eine realistische Perspektive. Leben und sterben, wo ich hingehöre, das wünschen sich die meisten Bürgerinnen und Bürger. Solche Konzepte werden schon hundertfach in Deutschland praktiziert, aber sie werden politisch nicht prioritär unterstützt.

Weil man das Geld lieber in Heime steckt?

Auch. Und in überbordende Dokumentationssysteme und „Qualitätssicherung“. Sie verschlingen heute über zehn Prozent der Ausgaben der Pflegeversicherung. Das Geld sollte in Voraussetzungen für einen effizienten Hilfe-Mix und die soziale Architektur vor Ort investiert werden. Die Ökonomisierung der Pflege in den letzten Jahren hat zu dramatischen Fehlentwicklungen geführt. Bei vielen Investoren und Betreibern steht allein die Rendite im Vordergrund. Viele Heime, auch Neubauten sind zu groß. Kein Mensch will darin wohnen. Wir werden weiter kollektive Wohnformen für Menschen im hohen Alter brauchen, aber konsequent orientiert am Bedarf vor Ort. Heime dürfen keine abgeschlossenen Welten sein, sondern müssen sich in den Dienst des Quartiers und des Ortes stellen.

Perspektivisch dürfte es aber immer weniger Freiwillige geben, die sich vor Ort so engagieren, wie Sie es sich wünschen. Die Hausfrau, die Zeit für ein Ehrenamt hat, stirbt aus. Wer soll diese Lücke füllen?

Sie haben völlig recht. Die klassische Hausfrau, die für ehrenamtliche Arbeit zur Verfügung steht, wird es bei zunehmender Berufstätigkeit der Frauen nicht mehr so wie heute geben. Aber neben der Berufstätigkeit kann Mann/Frau sich an den Sorge-Aufgaben beteiligen. Das zeigen zum Beispiel die Norweger in beeindruckender Weise. Sorge für andere zu tragen, ist ein zentraler und sinnstiftender Aspekt des Lebens. Das gilt für Männer wie für Frauen, für Jung und für Alt. Es gibt zudem ein Millionenheer an Rentnern, die bereit sind, sich zu engagieren: für Kinder, für Kultur und auch für die Sorge älterer Menschen. Das ist ein Potenzial. Das dürfen wir nicht ausnutzen, aber doch in den Blick nehmen.

Wird das ganz ohne Anreizsysteme gehen?

Nein. Voraussetzungen für die Sorgefähigkeit der Gesellschaft hat der Staat immer wieder zu bedenken und zu schaffen. Das heißt Subsidiarität. Er darf sich nicht auf die Bereitstellung normierter Dienstleistungen für Pflegebedürftige zurückziehen und den Rest dem Markt überlassen. Wenn der Staat die Sorgestrukturen vor Ort systematisch stützen würde, könnte man sich viele Heime in der Zukunft sparen.

Interview: Mira Gajevic

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