Unter dem Druck eines starken Polizei-Aufgebots mussten rund 600 Demonstranten in der Nacht zu Freitag die Baustelle des brasilianischen Kraftwerks Belo Monte verlassen, die sie 15 Stunden lang besetzt gehalten hatten. Die Besetzer, – Indianer, Fischer und andere Betroffene – wollen mit ihren Aktionen den Bau des weltweit drittgrößten Wasserkraftwerks stoppen.
„Wir müssen gerade jetzt aufschreien, wir sind Krieger und werden kämpfen“, sagte Juma Xipaia, einer der Indianerführer. „Wir wollen doch nur das, was die Verfassung garantiert.“ Die Betroffenen hätten bereits viele Gespräche mit den Behörden geführt, aber „geändert hat sich nichts, die Maschinen kommen nach wie vor“.
Norte Energía, das Konsortium, das das Kraftwerk am Rio Xingu im östlichen Amazonasbecken baut, erwirkte eine richterliche Anordnung, die die Besetzung für illegal erklärte. Daraufhin rückte ein starkes Polizeiaufgebot an – und in der Nacht gaben die Besetzer auf. Den beteiligten Baufirmen zufolge konnten etwa 2000 Angestellte und Arbeiter nicht arbeiten. Die Demonstranten hatten im Verlauf ihrer Aktion auch die „Transamazônica“ gesperrt, eine Überlandstraße, über die das Werksgelände zu erreichen ist.
30000 Menschen umsiedeln
Das Kraftwerk mit einer Leistungskapazität von über 11000 Megawatt – das entspricht in etwa der von zehn deutschen Atommeilern – ist seit 1975 im Gespräch. Seit einigen Jahren betreibt die Regierung das Projekt verstärkt mit der Begründung, dass es damit die künftige Energieversorgung sichern wolle.
Kritiker führen dagegen die sozialen und ökologischen Kosten an: Mehr als 30000 Menschen müssten umgesiedelt werden, über 500 Quadratkilometer Fläche würden überschwemmt. Ortsansässige Indianer, Fischer und Kleinbauern verlören ihre Existenzbasis. Die Abholzung der Wälder könnte sich auf bis zu 5000 Quadratkilometer belaufen: Diese Zahl bezieht Rodungen von Menschen ein, die zunächst einen Job auf der Baustelle haben, danach aber in der Region siedeln. Der Umweltschutzbehörde Ibama wird vorgeworfen, sie habe Teil-Abholzungsgenehmigungen erteilt, ohne zu wissen, wie viel Wald für das Projekt gefällt wird.
Das Ausland soll schuld sein
„Die Besetzung zeigt, dass sich die Spannungen täglich verschärfen“, sagte Cleber Busatto, Geschäftsführer des Indianer-Missionsrates Cimi der katholischen Kirche, der sich hinter die protestierenden Indianer gestellt hat. „Eine Schande, wie uns unsere eigene Regierung behandelt hat, mit den ewigen Lügen und der Verweigerung des Dialogs“, schimpfte Sheila Juruna von „Xingu lebendig für immer“, eine der Gruppen der Staudamm-Gegner.
Norte Energía stellte die Demonstranten als vom Ausland Verführte dar: Es sei „verwunderlich, dass eine Gruppe von Demonstranten, mehrheitlich aus anderen Regionen zusammengekarrt und geführt von Personen, die von anderen als den nationalen Interessen geleitet werden“, privates Land besetzten. Das Projekt stehe „in völliger Übereinstimmung mit der örtlichen Bevölkerung und den Indianervölkern der Region“.
Gegen das Staudamm-Projekt, das mehr als acht Milliarden Euro kosten soll, laufen indianische Ureinwohner und Umweltschützer seit Langem Sturm.
In ihrem Protest werden die Ureinwohner von der katholischen Kirche sowie Prominenten wie dem US-Regisseur James Cameron („Avatar“) unterstützt.
Das Wasserkraftwerk wird der drittgrößte Staudamm der Welt hinter dem Drei-Schluchten-Wehr in China und dem Itaipu-Staudamm an der Grenze zwischen Brasilien und Paraguay .
Die Formulierung und Gleichsetzung der Firmeninteressen mit denen der Nation zielt offenkundig auf die Unterstützung, die der Widerstand gegen Belo Monte im Ausland findet. Präsident des Cimi ist der örtliche Bischof Erwin Kräutler, ein gebürtiger Österreicher, der seit 33 Jahren die brasilianische Staatsbürgerschaft hat.
Während die Demonstranten das Gelände besetzten, wurden Vertreter der Belo-Monte-Gegner in Washington von der Menschenrechtskommission der Organisation Amerikanischer Staaten OAS empfangen. Die brasilianische Regierung weigert sich, an den Anhörungen der Kommission zu Belo Monte teilzunehmen. Man verbitte sich Einmischung in seine Angelegenheiten, hieß es.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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