Vor dem Amerika-Gipfel in Trinidad und Tobago richten sich alle Augen auf Barack Obama. Lateinamerika erwartet vom neuen US-Präsidenten, dass er sich um konstruktive Beziehungen zu den Nachbarn im Süden bemüht. Und die spannende Frage ist natürlich: Drückt er Hugo Chávez die Hand?
"Mit Obama ist eine neue Vision für Lateinamerika ins Weiße Haus eingezogen", sagt José Luis Valdés Ugalde, Leiter des Zentrums für Nordamerika-Studien an der Autonomen Universität von Mexiko-Stadt (Unam). Obama schaue auf die einzelnen Länder und versuche, dort die jeweiligen Probleme anzupacken. "Es gibt jetzt keine ideologischen Scheuklappen mehr", sagt Valdés mit einem Seitenhieb auf die Bush-Ära.
Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) wurde 1948 von 21 Staaten Mittel- und Südamerikas sowie den USA im kolumbianischen Bogotá gegründet. Heute hat sie 35 Mitglieder.
Sitz der OAS ist Washington. Generalsekretär ist seit 2005 der Chilene José Miguel Insulza.
Ziel der OAS ist die Stärkung des Friedens auf dem amerikanischen Doppelkontinent. Die Organisation soll Streitigkeiten zwischen Mitgliedsregierungen friedlich beilegen.
Themen des OAS-Gipfels sind der Aufbau einer amerikanischen Freihandelszone sowie die Bekämpfung von Drogenschmuggel und Kriminalität.
Kuba blieb unter Fidel Castro formell Mitglied, wurde 1962 aber von der Arbeit in den Gremien ausgeschlossen.
Eduardo Achilles, Politologe an der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro, meint, Bush habe die Region nur unter dem Aspekt des Terrorismus betrachtet - eine verzerrte Sichtweise, die Obama nun hoffentlich aufgebe. Washington gab dieser Hoffnung über Ostern Nahrung: Obama werde die Beziehungen zu Lateinamerika "auf null stellen", hieß es - also einen neuen Beginn anstreben.
Zentrales Thema wird das einzige Land Lateinamerikas sein, das bei dem Amerika-Gipfel am Wochenende nicht vertreten ist: Kuba. Dabei geht es nicht um die bilateralen Beziehungen zwischen Havanna und Washington. "Kuba ist von kontinentalem Interesse, es hat eine große symbolische Bedeutung für die Staaten der Region, die ja meist Beziehungen zu Havanna unterhalten", sagt Politologe Achilles.
Seit Obamas Amtsantritt ist mehr Dynamik in das Verhältnis zum kommunistischen Erzfeind gekommen als in den fast 50 Jahren seit Verhängung der US-Sanktionen. Noch kurz vor dem Gipfel versicherten daher sowohl US-Außenministerin Hilary Clinton als auch Kubas Staatschef Raúl Castro, mit der anderen Seite über jedes Streitthema sprechen zu wollen. Kuba sei offen für einen Dialog mit den USA auch über Menschenrechte, Pressefreiheit und politische Gefangene, sagte Castro am Freitag.
Als Haupt-Gesprächspartner für den Dialog mit Lateinamerika hat sich Obama allerdings Brasilien ausgesucht. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva wurde als erster Staatschef der Region im Weißen Haus empfangen, und dabei stellte sich heraus, dass die beiden sich gut verstehen. Mag sein, dass die Sympathie aus biografischer Ähnlichkeit herrührt. Obama ist der erste Nichtweiße im höchsten Amt seiner Landes, Lula der erste Arbeiter. "Brasilien sieht nun die Chance, seinen Anspruch als Regionalmacht zu verwirklichen", sagt Achilles. Zumal die Krise Brasilien größeres Gewicht verschafft.
Entwicklung, Handel, Menschenrechte und so weiter - der bereits vorliegende Entwurf für die Abschlusserklärung von Trinidad und Tobago wirkt wie ein Sammelsurium an Unverbindlichkeiten. "Aber das eigentliche Thema wird sein, welchen Ton die USA Lateinamerika gegenüber anschlagen", sagt Achilles. "Die Herren kennen sich ja noch nicht", fügt der in Brasília lehrende US-Politologe David Fleischer hinzu.
Wobei die größte Pikanterie einem Treffen zwischen Obama und dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez beigemessen wird. "Chávez' Kritik an den USA war immer an Personen gebunden", meint Fleischer. Also an Bush - inzwischen habe Chávez sein Interesse an besseren Beziehungen zu Washington signalisiert. Ob Chávez gemäßigte Töne anschlagen wird, weil der sinkende Ölpreis seinen Handlungsspielraum einengt, hält Achilles nicht für ausgemacht. Der Venezolaner hat bereits angekündigt, die Abschlusserklärung "gemeinsam mit anderen Ländern" nicht zu unterschreiben.
Stattdessen befestigte er mit einem Abkommen über eine gemeinsame Währung für den Handelsaustausch den südamerikanischen Linksblock. Venezuela, Kuba, Honduras, Nicaragua und Bolivien werden demnach 2010 den "Sucre" einführen, wie Chávez nach einem Treffen in Cumaná mitteilte. Es handelt sich um eine virtuelle Währung, in der der Handelsverkehr der beteiligten Länder abgerechnet werden soll. Namenspatron ist der Freiheitskämpfer Antonio José Sucre, der Ende des 18. Jahrhunderts im venezolanischen Cumaná geboren worden war. mit afp/dpa
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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