kalaydo.de Anzeigen

Amnesty-Bericht: Die Polizei, Dein Feind und Quäler

Misshandlung und Gewalt durch Polizisten kommen zu häufig vor, um ignoriert zu werden. Die Hilfsorganisation Amnesty dokumentiert, wie leicht prügelnde Beamte sich der Strafverfolgung entziehen. Von Jörg Schindler

Harter Griff bei einer  Demonstration gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007.
Harter Griff bei einer Demonstration gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007.
Foto: Axel Schmidt/ddp

Die Fälle, so scheint es, häufen sich. Am 7. Januar 2005 stirbt der Asylbewerber Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle unter bis heute ungeklärten Umständen. Im Prozess lügen Polizisten oder schweigen, bis das Gericht kapituliert - zwei angeklagte Beamte werden in erster Instanz freigesprochen.

Am 30. April 2009 wird der Berufsfachschüler Tennessee Eisenberg in Regensburg von acht Polizisten gestellt und mit zwölf Schüssen getötet. Das Ermittlungsverfahren wird eingestellt, die Polizisten, so heißt es, schossen aus "Notwehr". Eisenberg war mit einem Messer bewaffnet.

Polizeigewalt

Amnesty International (AI) führt in dem aktuellen Bericht Fälle von "mutmaßlicher Misshandlung und unverhältnismäßiger Gewaltanwendung" durch Polizeibeamte auf. Drei davon werden hier kurz beschrieben.

Auf dem Bahnhof: Beim "Fall TC" geht es um eine 28-jährige türkischstämmige Jurastudentin, die im Februar 2007 zusammen mit einem Freund auf dem Lübecker Bahnhof war, um nach Hamburg zurückzufahren. Weil sie drei Zivilbeamten angeblich nicht ihren Ausweis zeigte, wurde sie auf die Wache der Bundespolizei mitgenommen. TC und ihr Freund gaben an, dass sie durchaus ihren Ausweis zeigte. Auf der Wache wurde TC von einem männlichen Beamten durchsucht (angeblich, weil sie wie ein Mann gekleidet und aufgetreten war). Als sie dagegen protestierte und auch auf ihren kürzlich operierten Arm hinwies, erhielt sie Faustschläge auf die Brust und wurde mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen. Außerdem bekam sie einen weiteren Schlag an den Kopf. 2007 wurden die Ermittlungen gegen die Beamten eingestellt, 2008 wieder aufgenommen. Der Ausgang des Verfahrens ist AI nicht bekannt.

In der Diskothek: Beim "Fall MM und andere" geht es um die Durchsuchung der Berliner Diskothek Jeton im August 2005. Die Polizei wollte ein angebliches Treffen von Fußball-Hooligans auflösen. Der brutale Einsatz mit 300 Beamten machte bundesweit Schlagzeilen. Neben dem 33-jährigen Kommunikationsingenieur MM, der in der Disko seinen Junggesellenabschied feierte, wurden 21 Personen verletzt. MM wurde mit einem Schlagstock und mit Fäusten geschlagen sowie getreten. Er erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma und Platzwunden. Keiner der beteiligten Polizisten wurde angeklagt, die Ermittlungen im November 2006 eingestellt. Das Land Berlin zahlte jedoch in mindestens sechs Fällen - auch bei MM - Schadensersatz.

Bei der Demonstration: Beim "Fall KI" geht es um eine 27-jährige Fotojournalistin, die während des G8-Gipfels im Juni 2007 in Rostock Demonstranten fotografierte. KI wurde, obwohl als Journalistin erkennbar, von Polizisten umgerannt und mit Schlagstöcken traktiert. Das Ermittlungsverfahren wurde 2007 erstmals eingestellt. Zahlreiche Beschwerden KIs führten nicht weiter, im März 2010 gab sie auf. (hahe)

An Silvester 2008 erschießt ein Polizist im brandenburgischen Schönfließ einen unbewaffneten Kleinkriminellen, der in einem geparkten Auto sitzt. Letzten Samstag erfolgte das Urteil: zwei Jahre auf Bewährung wegen Totschlags in einem "minderschweren Fall".

Das sind die spektakulären Fälle. Diejenigen, die tödlich endeten und deshalb an die Öffentlichkeit gelangten. Daneben gibt es Hunderte, in denen Menschen von Polizisten schikaniert, verprügelt und gedemütigt wurden. 869-mal wurde allein Amnesty International (AI) in den vergangenen sechs Jahren von mutmaßlichen Opfern kontaktiert. Etlichen Vorwürfen ist die Menschenrechtsorganisation nachgegangen. Am Donnerstag nun präsentierte Amnesty einen für die Strafverfolgungsbehörden wenig schmeichelhaften Bericht. Sein Titel: "Täter unbekannt - Mangelnde Aufklärung von mutmaßlichen Misshandlungen durch die Polizei in Deutschland".

Die einzige gute Nachricht: "Es gibt keine systematischen Menschenrechtsverletzungen durch Polizisten", so Monika Lüke, die hiesige AI-Generalsekretärin. Und doch kommen sie vielfach vor, und sie laufen nach AI-Erkenntnissen oft nach demselben Muster ab. Demnach werden auffällig häufig Angehörige von Minderheiten Opfer von Polizeigewalt. Ermittlungen, so sie überhaupt beginnen, werden zu spät, schlampig und parteiisch geführt. Da können schon mal Beweismittel verschwinden oder Polizeizeugen sich an nichts mehr erinnern. Den Opfern ist eine Identifizierung der Täter häufig unmöglich gemacht, weil diese weder durch Nummern noch durch Namen gekennzeichnet sind.

"Kultur der Straflosigkeit"

Und wenn es dann doch mal zu einer Anklage kommt, dann meistens ohne Folgen. 2008 wurden etwa in Berlin 638 Polizisten wegen Körperverletzung angezeigt; 615-mal wurden die Ermittlungen eingestellt - Verurteilungen gab es keine. Man könne meinen, bei der Polizei herrsche eine "Kultur der Straflosigkeit", rügte der AI-Europaexperte David Díaz-Jogeix. Dass es in anderen EU-Ländern - etwa Spanien, Frankreich oder Österreich - nicht anders aussehe, mache die Sache nicht besser.

Um die Missstände zu beheben, sei vor allem eines nötig, so Lüke: dass die Polizei sich an Recht und Gesetz halte. Das nämlich verpflichte die Polizei zu umfassenden und unverzüglichen Ermittlungen. Zudem fordert Amnesty International eine Kennzeichnungspflicht von Beamten. Gegen diese Kennzeichnung wenden sich die Polizeigewerkschaften jedoch seit langem vehement. AI fordert auch die Schulung der Beamten in Menschenrechtsfragen, eine unabhängige Kommission, die Polizeigewalt untersucht, und schließlich Kameras in Polizeizellen und Verhörräumen.

Letzteres empört Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD): "Welches Bild von der Polizei in einem Rechtsstaat hat Amnesty eigentlich?", fragt er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. "Es gibt zwar auch bei der Polizei, wie überall sonst, rechtswidrige Vorgänge, aber man kann daraus keinen Generalverdacht ableiten." In Berlin, so Körting, werde von der Polizei "ohne Ansehen der Person ermittelt". Für eine Kennzeichnungspflicht sei er allein aus "Gründen der Bürgerfreundlichkeit und nicht, weil wir Polizisten als potenzielle Straftäter betrachten".

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  9 | 7 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


Ressort: Politik
Die Linkspartei berät über eine neue Führung. Gysi spricht sich für Oskar Lafontaine aus.
Machtkampf bei der Linken 
        

Die griechischen Parteien lehnen Fachleute ab.
Griechenland in der Krise 
Spezial: NRW-Wahl

Alle Hoffnungen der SPD ruhen auf Ministerpräsidentin Kraft. CDU-Mann Röttgen kämpft im Wesentlichen mit sich selbst. Dennoch ist Rot-Grün keineswegs auf der sicheren Seite. Die Entscheidung fällt am Sonntag. Das Spezial.


Prognosen und Ergebnisse

Analysieren Sie die Ergebnise aus allen Wahlkreisen in unserer lnteraktiven Grafik

Spezial: NRW-Wahl
Redet Tacheles: CSU-Chef Horst Seehofer.
Seehofer über Röttgen im ZDF 
FDP-Chef Philipp Rösler mit Wolfgang Kubicki und Christian Lindner.
FDP nach der NRW-Wahl 
Rot-grün passt eigentlich doch ganz gut zusammen, finden die Genossen nach der NRW-Wahl.
SPD setzt auf Rot-Grün 
Spezial: NRW-Wahl

Alle Hoffnungen der SPD ruhen auf Ministerpräsidentin Kraft. CDU-Mann Röttgen kämpft im Wesentlichen mit sich selbst. Dennoch ist Rot-Grün keineswegs auf der sicheren Seite. Die Entscheidung fällt am Sonntag. Das Spezial.


Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 
US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Anzeige

 

Kolumne

Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über einen Misserfolg von Heino, eine Pleite von Horst Seehofer und eine Freundschaftsgeste von Gerhard Schröder. Außerdem gibt es einen Verlierer der Woche.

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (290 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!