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19. September 2012

Analphabetismus: Keine Frage der Intelligenz

Funktionaler Analphabetismus: Millionen Deutsche verstehen zusammenhängende Texte nicht.  Foto: imago

Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Wie kommt das, wo es hierzulande doch eine Schulpflicht gibt? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Wie kommt das, wo es hierzulande doch eine Schulpflicht gibt? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Wie kommt das, wo es hierzulande doch eine Schulpflicht gibt? Liegt es an den Lehrern? Oder haben die Betroffenen das Lesen und Schreiben verlernt? Nachfolgend die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Hilfe im Netz

Weitere Informationen gibt es im Internet beim Portal der Volkshochschule oder beim Bundesverband Alphabetisierung .

Gibt es verschiedene Arten von Analphabetismus?

Ja. Menschen, die zwar die Schule besucht und das Alphabet gelernt haben, aber dennoch die Schrift nicht wirklich nutzen können, nennt man funktionale Analphabeten. Sie können vielleicht ihren Namen und einzelne Wörter schreiben, verstehen aber zusammenhängende Texte nicht. Die Ursachen können in einer Störung oder Behinderung liegen, aber auch sozial, familiär, psychisch und schulisch begründet sein. Primäre Analphabeten hingegen haben Schreiben und Lesen nicht gelernt, weil sie nie eine Schule besuchten. 59 Prozent dieser Analphabeten leben in Entwicklungsländern. Sekundärer Analphabetismus bedeutet, dass man das verstehende Lesen und Schreiben wieder verlernte – oft durch übermäßigen Konsum visueller Medien und jahrelangen Nicht-Gebrauch der Fähigkeiten.

Sind Analphabeten dumm?

Nein, viele von ihnen sind sogar ziemlich clever, um ihren Alltag zu bewältigen. Sie lernen Texte auswendig, fotografieren im Geiste Schilder und Pläne, erfinden eigene Zeichen, Tricks und Ausreden, um Situationen zu bewältigen. Sie suchen sich Hilfe bei anderen. So schaffen es immerhin 57 Prozent, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Viele sind Hilfskräfte auf dem Bau oder in anderen Bereichen. Jeder vierte Koch, Maler oder Lkw-Fahrer ist ein funktionaler Analphabet. Das ergab die Studie „Leo. –Level-One“ der Uni Hamburg.

Wie ist es überhaupt möglich, dass es in einem Land mit Schulpflicht so viele Analphabeten gibt?

Schulpflicht bedeutet nicht, dass ein Schulsystem alle Kinder zum Erfolg führt. Schon die Pisa-Studie zeigte 2001, dass fast zehn Prozent der 15-jährigen Schüler nicht einmal einfachste Fähigkeiten im Lesen besitzen. Die meisten besuchten Haupt- oder Förderschulen.


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Hinzu kommen schlechte familiäre Bedingungen, Bildungsarmut, fehlende Anregung und Unterstützung, häufiger Schulwechsel und anderes mehr. Auch beim Thema Analphabetismus zeigt sich, dass Deutschland ein Land ist, in dem sich die Herkunft eines Schülers stark auf dessen Bildungschance auswirken.

Hat es auch mit Migration zu tun?

Unter den Betroffenen sind viele Migranten. Manche können zwar in ihrer Sprache lesen und schreiben, aber nicht in Deutsch. Von den 12 Prozent funktionalen Analphabeten, die sogar Abitur oder einen anderen höheren Abschluss haben, stammt mehr als die Hälfte aus dem Ausland. Sie sprechen oft passabel Deutsch, lesen und schreiben aber sehr fehlerhaft.

Wie unterscheidet sich Analphabetismus von Legasthenie?

Forscher aus Magdeburg haben jüngst einen engen Zusammenhang entdeckt. Sie bezeichnen funktionalen Analphabetismus als besonders schweren Fall von Lese- und Rechtschreibschwäche, die im Erwachsenenalter fortbesteht. Offenbar sorgt ein Gendefekt dafür, dass Hörreize nicht schnell genug verarbeitet werden, um Laute in Wörtern unterscheiden zu können. Die Betroffenen lernen daher nur sehr schlecht lesen und schreiben.

Sind Männer und Frauen gleichermaßen betroffen?

Es fällt auf, dass 60 Prozent der Analphabeten Männer sind. Ein Politiker vermutete, dass Mädchen einfach zielstrebiger seien und deshalb Defizite schneller ausglichen. Schon die Pisa-Studie nannte Jungen eine Risikogruppe. Sie zeigte, dass Jungen im Lesen weit hinter Mädchen zurückliegen und seltener zum Vergnügen lesen. Der Umgang mit Sprache und Schrift zählt nicht zu den Dingen, die bei Jungen am höchsten im Kurs stehen.

Sind Lehrer an Schulen nicht genug ausgebildet, um das Problem zu erkennen?

Genau das wird immer wieder beklagt. Es kommt vor, dass Grundschüler in der 3. Klasse noch kein einziges Wort selbstständig schreiben können. In der Ausbildung von Deutschlehrern, so forderte jüngst ein Lehrerverband, müssten die rechtzeitige Diagnose und der Umgang mit Problemschülern trainiert werden. Daneben beklagen Sprachforscher, dass Erkenntnisse aus der Analphabetismus-Forschung nicht in die Ausbildung einfließen. Das möglichst frühe Erkennen von Legasthenie ist entscheidend. Bereits in der Kita könnten spielerische Tests Hinweise darauf geben.

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