Dass im Krieg die Wahrheit als Erstes stirbt, hört man oft. Dass man es von einem Soldaten hört, kommt seltener vor. "Da wird die Wahrheit verschwiegen", hat Bernhard Gertz, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes, der Neuen Osnabrücker Zeitung gesagt. Wer der Propaganda kriegführender Armeen und Nationen schon immer misstraute, darf sich durch diese Worte bestätigt fühlen. Er sollte allerdings wissen, dass Gertz einen anderen Zweck verfolgt als das Entlarven oder gar Entschärfen einer Waffe namens Propaganda. Er sagt: "Wir befinden uns in einem Krieg gegen einen zu allem entschlossenen, fanatischen Gegner." Und deshalb sei der zuletzt getötete deutsche Soldat nicht etwa ums Leben gekommen, sondern "für die Bundesrepublik Deutschland gefallen".
Davon träumt Oberst Gertz: Dass die Deutschen wie ein Mann hinter ihren Soldaten stehen. Dass der Krieg eine Sprache finde, die die Menschen im Pathos zusammenschweißt. Krieg, nicht "Einsatz"; gefallen, nicht "ums Leben gekommen". Warum so offen kriegerische Töne? Weil andernfalls "unsere Gesellschaft nicht versteht, was wir in Afghanistan wollen".
Gertz spricht keineswegs gegen Kriegspropaganda, auch wenn er so tut. Er will zuspitzen, wo andere verharmlosen. Er will die Propaganda unserer Regierung nicht ersetzen durch Wahrheitssuche. Er hofft im Gegenteil auf mehr Gefolgschaft durch feierliches Verkünden seiner längst fertiggestellten "Wahrheit", die vom echten, aber gerechten Krieg und seinen gefallenen Helden handelt. Er empfiehlt eine andere PR-Strategie.
Wer also nach der Wahrheit suchen will, kommt mit Oberst Gertz nicht weiter. Wer genau ist eigentlich der "zu allem entschlossene, fanatische Gegner"? Ein Taliban mit etwas El Kaida plus Iran und ein bisschen Pakistan, oder wie die Schlag- und Schlachtworte alle heißen? Und wie ist er zu bekämpfen: Mit einer Art Rot-Kreuzzug, also einer Veredelung alles Militärischen durch schöne humanitäre Ziele? Oder mit einem ausgewachsenen "Krieg gegen den Terror"? Und wenn ja: Darf man den dann "Krieg" nennen oder nicht? Man darf annehmen, dass auch viele Soldaten sich all diese Fragen stellen. Die Leute, die dafür verantwortlich wären, stellen sie - jedenfalls öffentlich - nicht.
Auch nicht Oberst Gertz, dem man aber eines zugute halten kann: Die regierungsamtlichen Verharmloser hat er zu einer kleinen Selbst-Entlarvung gezwungen. "Taktische Semantik" warf der Sprecher des Verteidigungsministeriums dem Offizierskollegen Gertz gestern vor. Und wiederholte wie eine Gebetsmühle in Uniform: "Man muss zwischen Kriegs- und Krisenszenarien trennen." Schon ist das Opfer von Kundus nicht mehr im Krieg "gefallen", sondern in einer Krise ums Leben gekommen. Zur Erinnerung: Vor allem ist der Mann tot.
Kriegspathos gegen verbale Fahnenflucht: Ist das die Art, wie die Repräsentanten einer offenen Gesellschaft über Sinn und Unsinn gefährlicher Militäreinsätze zu diskutieren haben? Nein, es ist der Streit zweier Propaganda-Methoden. Es ist der Streit, mit welcher von beiden man sich die Zustimmung zur Beteiligung an einem Krieg am besten erschleicht. Es ist, als hätten sie Sigmund Freuds Neffen gekannt. Edward L. Bernays hieß er, verbrachte den größten Teil seiner 103 Lebensjahre bis zum Tode 1995 in den USA und gilt als Urvater von PR und Marketing. Sein Kernsatz: "Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element der demokratischen Gesellschaft." Sollte es wahr sein, dass unsere "Eliten" diese Art Demokratiebegriff bis heute pflegen?
Es wäre all das nicht ganz so schlimm, wenn wir "nur" das Gefühl nicht loswürden, dass man uns belügt - sei es durch Beschönigen, Verschweigen oder pathetisches Überhöhen. Es wäre nicht ganz so schlimm, hätten all die Propagandisten der neuen Kriege nicht in einem Punkt recht: Es geht um existenzielle Fragen. Welche Fundamentalismen bringt die Weltunordnung des dritten Jahrtausends hervor? Wo sind die Alternativen zu militaristischen Konzepten, die wie George W. Bush immer neue Gesichter für schwer greifbare Bedrohungen erfinden, um sie als Feinde zu identifizieren? Und auch dies: Wo enden die friedlichen Mittel, wo ist militärischer Einsatz am Ende doch ein humanitäres Gebot selbst für Antimilitaristen?
Wenig hören wir von all dem. Wir hören eine Menge von "Bündnisverpflichtungen", von mehr oder weniger militanten Mandaten, die mal dem Kampf gegen den Terror dienen und mal dem segensreichen Wiederaufbau - und die die vom Tode bedrohten afghanischen Zivilisten so wenig voneinander unterscheiden können wie wir. Sollte es wahr sein, dass Deutschland für ein Konzept der Hilfe und des Aufbaus steht, dann müssten die Verantwortlichen doch eigentlich mit Zustimmung rechnen, auch wenn sie die Wahrheit sagen. Dann müssten sie sich nicht flüchten in Propaganda der einen oder anderen Art. Dann müssten sie nicht so tun, als verträten Offizier Gertz und seine Dienstherrn wirklich unterschiedliche Meinungen.
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