Ganz Brasilien erregte sich, ganz Brasilien fühlte sich diskriminiert - aber nun sieht es so aus, dass die Brasilianerin, die angeblich von Schweizer Nazis gefoltert wurde, alles fingiert hat. Warum glaubte man in Brasilien so eine Geschichte sofort? Paulo Oliveira meint, seine 26-jährige Tochter Paula sei "auf jeden Fall Opfer". Aber von wem? Von Neo-Nazis und einer Polizei, die sie deckt, wie der Vater zunächst unterstellt hatte? Oder Opfer eines Psycho-Dramas, wie er später andeutete?
Paula Oliveiras Version geht so: Sie sei am frühen Abend in Dübendorf, einem Vorort von Zürich, von drei glatzköpfigen Schwarzgekleideten überfallen, auf ein Brachgrundstück gezerrt, ausgezogen und mit einem Stilett über und über verletzt worden. SVP, das Kürzel der rechten Schweizer Volkspartei, ritzten die Täter in Oberschenkel und in den Bauch der jungen Frau, die im dritten Monat mit Zwillingen schwanger war. Auf einer nahen S-Bahn-Toilette verlor sie nach der Tat die Zwillinge.
Die brasilianischen Medien bebten vor Empörung. Die Schweizer Behörden kamen nicht zu Wort, ihre Zweifel an der Geschichte der jungen Frau wurden als Kumpanei mit den Tätern gedeutet. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva zog sofort gegen die Schweiz vom Leder, das Außenministerium drohte, den Fall vor die UN zu bringen. Leserbriefe, Blogs, Stammtische: Brasilien lamentierte sich in die kollektive Opferrolle.
Paula war nicht schwanger, sagt der Zürcher Gerichtsmediziner Walter Bär, habe sich die Ritzwunden wohl selber zugefügt. Man erinnert sich an ähnliche deutsche Fälle, zuletzt den in Mittweida, wo eine junge Frau behauptete, Neonazis hätten ihr ein Hakenkreuz in die Haut geritzt. Es wurde für möglich gehalten, weil es möglich ist - genauso möglich wie ein fremdenfeindlicher Angriff auf eine Brasilianerin, die legal und gut integriert in der Schweiz lebt, als Anwältin bei einem multinationalen Konzern erfolgreich ist und nicht in Verdacht gerät, sich so etwas auszudenken.
Übergriffe auf Brasilianer in Europa finden in Brasilien stets großen Widerhall. Als auf dem Flughafen von Madrid eine brasilianische Doktorandin rüde behandelt wurde, beschäftigte das die Öffentlichkeit wochenlang. Solche Fälle werden als Beleg dafür herangezogen, dass Brasilianer in Europa generell diskriminiert werden.
Die Fremdenfeindlichkeit in Europa ist eher die Sorge einer Mittelklasse, die es sich leisten kann zu reisen - und die die Menschenrechtsverletzungen an Brasilianern in Brasilien bestenfalls fatalistisch hinnimmt. Der Kleinbauern-Führer José Campos Braga jedenfalls, der Anfang Februar von Pistoleiros ermordet wurde, hat es nicht in die Schlagzeilen der brasilianischen Presse geschafft.
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