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Anschlag im Kosovo: Solche Dilettanten haben keine Feinde bei der Mafia

In Pristina hält man viele der deutschen Spekulationen über die Motive hinter dem Anschlag und der Verhaftung für unsinnig.

Auch in Pristina rätselt man über die möglichen Hintergründe des Anschlags auf das Büro des EU-Gesandten im Kosovo. Die in deutschen Sicherheitskreisen geäußerten Spekulationen, die drei Agenten seien Opfer eines Machtkampfs innerhalb der Führung des Kosovo geworden, ergibt aus Kosovo-Sicht nur wenig Sinn.

Zwar sind die beiden Koalitionsparteien, die aus der Untergrundarmee UKC stammende PDK von Premier Hashim Thaci und die LDK von Präsident Fatmir Sejdiu, einander keineswegs immer wohlgesonnen. Doch antieuropäische Fraktionen gibt es in keiner der beiden Parteien. Beide Koalitionspartner sind pro-europäisch und begrüßen im Prinzip die für Dezember geplante Einsetzung der neuen EU-Polizei- und Justizmission der EU (Eulex) - auch wenn sie die Zugeständnisse an Serbien als zu weitgehend empfinden. Einträchtig haben denn Präsident Sejdiu und Premier Thaci den Anschlag denn auch als "Werk der Feinde des Kosovo verurteilt".

Eulex

Die Rechtsstaatlichkeitsmission der Europäischen Union im Kosovo ist die größte zivile Mission der EU. Bis zu 3000 Mitarbeiter soll sie einmal haben, davon 1900 aus dem Ausland (neben den EU-Staaten auch Norwegen, Schweiz, Türkei und USA), 1100 aus dem Kosovo. Bisher sind erst 400 ausländische Beamte im Kosovo. Ziel der Mission, die im Dezember offiziell eingesetzt werden soll, ist es, gemeinsam mit den Behörden des Kosovo Polizei, Justiz und Zoll aufzubauen. Das Budget für die ersten 16 Monate beträgt 205 Millionen Euro. Aus Resolution 1244 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen von 1999 leitet die EU ihr Mandat ab. Das war aber für die UN-Polizeimission Unmik gedacht. Um die Zustimmung Serbiens und damit des Sicherheitsrates zu erlangen, in dem das mit Serbien befreundete Russland ein Vetorecht hat, akzeptierte die EU kürzlich, dass Eulex sich neutral zum völkerrechtlichen Status des Kosovo verhält.

Kritik an der faktischen Teilung

Denkbar wäre allerdings, dass mit dem Anschlag ein Zeichen gesetzt werden sollte, dass Pristina keineswegs bereit ist, alle Kröten zu schlucken, die die befreundeten Schutzmächten so servieren. In der Regierung wie in der Opposition gibt es Kritik daran, dass mit der Festschreibung der faktisch geteilten Administration des Landes - das überwiegend serbische Nordkosovo entzieht sich weitgehend der Kontrolle Pristinas - die Souveränität des Kosovo weiter untergraben werde. In Pristina wurde sogar die Beschuldigung laut, der Anschlag habe eine Verschärfung der Sicherheitslage simulieren sollen, um Gegner der Eulex-Mission zum Einlenken zu bewegen.

Im Kosovo vermutete man die Täter zunächst im Dunstkreis der anti-kolonialen Bewegung Vetevendosje (Selbstbestimmung) des früheren Studentenführers Albin Kurti, der schon seit Jahren - auch mit gewalttätigen Demonstrationen - gegen die internationale Fremdbestimmung des Kosovo streitet. "Jo Eulex" (Eulex nein) lautet die von seinen Anhängern gepinselte Losung auf roten Lichtern der Hauptstadt-Ampeln.

Aber auch nationalistische Politiker der Kosovo-Serben wehren sich vehement gegen die Einsetzung der EU-Mission. Eine Zustimmung Belgrads kommt in ihren Augen einer Anerkennung der von Serbien abgelehnten Unabhängigkeit des Kosovo gleich. Serbien hatte die Mission lange als "illegal" bezeichnet und seine Zustimmung verweigert, weil diese als Anerkennung der Unabhängigkeit der ehemaligen Provinz verstanden werden könnte.

Lästige Auslandsschnüffler

Eine weitere in Berlin kolportierte These lautet, einflussreiche Mafia-Bosse hätten die drei Deutschen in die Falle gelockt, um sich lästiger Auslandsschnüffler zu entledigen. Das eher dilettantische Auftreten der Verhafteten lässt indes Zweifel aufkommen, ob sie in der Lage gewesen wären, sich derart mächtige Feinde zu machen.

Denkbar wäre aber, dass Pristina mit der Verhaftung der drei mutmaßlichen BND-Agenten den zahlreichen im Kosovo operierenden ausländischen Geheimdiensten ihre Grenzen aufzeigen will. Offenbar waren sie nicht beim Gastland registriert. Gegen Undercover-Agenten aber könnte die Regierung durchaus etwas haben.

Der junge Sicherheitsapparat des neuen Staates feiert jedenfalls die Ergreifung der drei angeblichen Terroristen als großen Erfolg. Die Zeitung Kota Dihore zitierte einen Informanten aus Sicherheitskreisen, demzufolge es sich bei dem Anschlag "um einer der schwierigsten Fälle" der Anti-Terror-Einheit der Kosovo-Polizei handle. Weiter sagte er: "Die Art und Weise, wie es zu der Verhaftung kam, mag vielleicht zufällig gewesen sein. Doch in jedem Fall ist das einer der größten Fälle, mit dem es unsere Polizei jemals zu tun hatte."

Autor:  THOMAS ROSER
Datum:  25 | 11 | 2008
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