Berlin. Nach der größten Anti-Atomdemonstration seit über 20 Jahren haben Umweltverbände und Kernkraftgegner weitere Protestaktionen angekündigt. Unabhängig vom Ausgang der Bundestagswahl am 27. September werde man die Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer neuen Regierung "durch eine ständige Vertretung " in Berlin "mit Protesten begleiten", kündigte das Anti-Atombündnis "ausgestrahlt" an, das die Großdemonstration am Samstag mitorganisiert hatte.
Auch das atomkritische Netzwerk "Campact" will mit Protestaktionen über den Wahltag hinaus Druck machen. Nach Angaben des Netzwerks haben bisher 100.000 Menschen eine Petition zur Stilllegung der 17 deutschen AKWs unterzeichnet.
Fast zwei Drittel der Bundesbürger fordern von der künftigen Bundesregierung eine Fortführung des gesetzlich verankerten Atomausstiegs. Das ergab eine repräsentative Meinungsumfrage von TNS-Emnid im Auftrag von Greenpeace, deren Ergebnisse die Umweltorganisation jetzt vorstellte.
59 Prozent der Befragten lehnen demnach eine in Aussicht gestellte Laufzeitverlängerung alter Atomkraftwerke ab. Vor allem die junge Generation befürwortet eine Wende in der Energiepolitik. Die Ablehnung der Bevölkerung gegen eine Laufzeitverlängerung für die ältesten Atommeiler ist in den alten und neuen Bundesländern mit jeweils 59 Prozent gleich groß.
Am Samstag waren im Berliner Regierungsviertel einige zehntausend Atomkraftgegner aus dem Bundesgebiet für den Ausstieg aus der Kernenergie auf die Straße gegangen. Die Veranstalter sprachen von über 50.000 die Polizei von 36.000 Teilnehmern.
Der Zug wurde von einer Trecker-Karawane der Gorlebener Landwirte angeführt. Dahinter lieferten sich die Demonstranten, die oft schon in der Nacht zum Samstag mit Bussen und Sonderzügen aus ihren Heimatorten aufgebrochen waren, eine karnevaleske Konkurrenz: Zweibeinige Gummi-AKWs wandelten durch den Protestzug, ein selbstironischer "weißer Block" protestierte hinter dem "schwarzen" der Links-Autonomen gegen atomare Verseuchung. Castor-Attrappen schoben sich durch die Menge. Ein Lastwagen der Solarbranche warb mit "Brüder zur Sonne" für den Umstieg auf erneuerbare Energien.
Unter den Demonstranten waren viele Ältere, die stolz die Aufkleber von dem legendären "Gorleben-Treck" gegen ein atomares Endlager vor genau 30 Jahren am Revers trugen. "Für meine Enkel - und alle Enkel dieser Welt" hielt eine grauhaarige Dame ihren selbstgemalten Protest in die Kameras. Daneben protestierten fantasievoll gekleidete junge Leute mit "Atomkraft pfui Deibel".
CDU-Slogan "Wir haben die Atom-Kraft"
Vor allem Union und FDP ernteten auf den zahllosen Plakaten Hohn und Schelte für ihre Pläne, die Laufzeiten von Atommeilern zu verlängern. Ein großformatiges Angela-Merkel-Plakat mit dem CDU-Slogan "Wir haben die Kraft" wurde von einer Doppelgängerin flugs in ein "Wir haben die Atom-Kraft" verfremdet.
In dem von gelb-roten Atomkraft-Nein-Danke-Fahnen dominierten Zug zeigten vor allem die Grünen starke Präsenz. Sie hatten für die Demo mobilisiert und waren mit ihrer gesamten Führungsriege dabei. Auch Politiker von Linkspartei und SPD marschierten mit, allerdings ohne ihre prominentesten Exponenten wie Oskar Lafontaine oder Frank-Walter Steinmeier. Auch Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) war nicht selbst vor Ort, begrüßte den Protest aber immerhin schriftlich als "Botschaft an die Bundeskanzlerin und die Union: hört endlich auf, den verlängerten Arm der Atomindustrie zu spielen. "
Parteipolitische Vereinnahmung hatten sich die Organisatoren der Demonstation, ein Bündnis von Umweltverbänden, zumindest für die Abschlusskund-gebung verbeten. Die Bühne vor dem Brandenburger Tor gehörte vor allem den Aktivisten aus Gorleben, die für ihren Widerstand gegen die Atomkraft gefeiert wurden, der jetzt bereits in die dritte Generation geht.
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