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Politik
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24. Juli 2014

Antisemitismus: „Junge Muslime, altes Feindbild“

 Von 
Ein Teilnehmer der Demonstration für Frieden und Gerechtigkeit in den Palästinensergebieten in Bremen hat sein Gesicht in den palästinensischen Nationalfarben bemalt.  Foto: dpa

Am Al-Kuds-Tag demonstrieren tausende Muslime gegen Israel. In Deutschland fürchten die Behörden anti-jüdische Ausschreitungen. Die muslimischen Verbände und Moscheegemeinden tun zu wenig gegen Antisemitismus in ihrer Community, sagt der Islamismus-Experte Ahmad Mansour.

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Herr Mansour, ist der Gaza-Krieg schuld an den antisemitischen Ausbrüchen hier, oder entlädt sich da etwas, was bei uns schon längst da ist?
Das ist ein Antisemitismus, der in Teilen der muslimischen Jugend schon seit Jahren verbreitet ist.

Aber jetzt entlädt er sich mit besonderer Wucht.
Der Gaza-Konflikt ist hoch emotional. Er fällt in den Ramadan, wo die Menschen viel in ihren Familien und in den Moscheen sind, Fernsehen konsumieren und all diese Bilder sehen. Und noch etwas: Mit dem Syrien- und dem Irakkonflikt waren die Feindbilder verschwommen, weil sich da Muslime bekämpfen – jetzt aber können junge Muslime wieder auf das alte Feindbild, nämlich Israel, zurückgreifen.

Welche Rolle spielen Salafisten bei den Protesten? Sie üben ja auf muslimische Jugendliche eine wachsende Anziehungskraft aus.
Salafisten sind natürlich dabei. Ihre einfachen Feindbilder passen genau dazu. Aber im Protest gegen Israel treffen sich viel mehr Gruppen. Bisher haben Salafisten keine gemeinsame Sache mit säkularen Muslimen oder Schiiten gemacht. Jetzt aber eint alle das gleiche Feindbild. Wir haben Demonstrationen in Berlin, Hannover, Frankfurt, wo Salafisten mit Säkularen, mit Rechten, Linken und Schiiten zusammen laufen.

Wann sind junge Muslime besonders anfällig für Judenhass?
Es gibt keine spezifische Betroffenengruppe. Wir finden Antisemitismus bei sehr gebildeten Muslimen, bei Muslimen unterschiedlicher Herkunft und sozialer Schichten. Aggressiven Judenhass finden Sie bei jungen Menschen, die hier in der dritten Generation leben, genauso wie bei Erwachsenen, die gerade hergekommen sind.

Zur Person

Ahmed Mansour (38) ist palästinensischer Israeli und Diplompsychologe. Studiert hat er in Tel Aviv und Berlin, wo er seit zehn Jahren lebt. Er war bis 2013 Mitglied der Arbeitsgruppe „Präventionsarbeit mit Jugendlichen“ der Deutschen Islamkonferenz und arbeitet für die Gesellschaft Demokratische Kultur und in anderen Projekten zu den Themen Islamismus und Antisemitismus.

Das heißt, Bildungsdefizite und Ausgrenzungserfahrungen sind nicht entscheidend?
Man kommt nicht weiter, wenn man die Verantwortung immer nur der Mehrheitsgesellschaft zuweist. Natürlich wird ein Jugendlicher, der in der Schule nicht erfolgreich ist oder diskriminiert wird, eher rebellieren wollen. Aber das allein greift zu kurz. Wir haben es hier mit stark ideologischem Denken zu tun, das in manchen Familien noch verbreitet ist. Da wird der Nahostkonflikt völlig einseitig betrachtet, Israel ist nur böse, und so wird es weitergegeben. Daraus können dann ganz schnell antisemitische Haltungen werden.

Und diese Israelfeindschaft hat auch nicht unbedingt damit zu tun, dass man selbst Verwandte oder Freunde in Gaza hat?
Nein, nur teilweise. Unter den Demonstranten sind ja ganz viele türkischstämmige Menschen, deutsche Konvertiten und so weiter.

Wie wirkt sich die Israelkritik des türkischen Premiers Erdogan auf die Migranten hier aus?
Erdogan ist nicht israelkritisch, er ist antisemitisch. Er hat ja zum Beispiel von einer Verschwörung der Zionisten gesprochen und sie für die Gezi-Proteste verantwortlich gemacht. Bei türkischstämmigen Jugendlichen hier merke ich immer wieder, dass sie sehr anfällig sind für Verschwörungstheorien, wo die Juden angeblich die Welt beherrschen. Ich habe schon in der Deutschen Islamkonferenz immer wieder darauf hingewiesen, das Antisemitismus unter Jugendlichen ein großes Problem ist. Darauf habe ich von muslimischen Verbandsvertretern nur gehört, dass Studien anderes besagen und dass es auch Antiislamismus bei Juden gibt.


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Al-Kuds-Tag

Am heutigen Freitag wollen Islamisten zum Al-Kuds-Tag (Jerusalem-Tag) mit einem antiisraelischen Aufmarsch durch Berlin ziehen. Der Tag wird in islamischen Ländern bereits seit 1979 für Massendemonstrationen gegen Israel genutzt.

Ausgerufen wurde er vom iranischen Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Khomeini, im Iran ist er auch ein gesetzlicher Feiertag. Bei den Kundgebungen wird die „Befreiung Jerusalems von den zionistischen Besatzern“ gefordert. Häufig werden antijüdische Parolen gerufen. Teilweise drohen die Demonstranten auch mit der Vernichtung Israels.

Nicht nur im Iran, sondern auch in anderen Ländern des Nahen Ostens, die einen hohen schiitischen beziehungsweise palästinensischen Bevölkerungsanteil aufweisen, wird der Tag begangen.

Auch in den USA, Kanada, Großbritannien, Schweden und Deutschland gehen Islamisten und Israelhasser an diesem Tag auf die Straße. In Deutschland wird der Al-Kuds-Tag seit den 1980er Jahren begangen. Seit 1996 zieht die Hauptkundgebung durch Berlin.

Zu den Organisatoren gehörten unter anderem das vom Iran gesteuerte Islamische Zentrum Hamburg (IZH). Auch das schiitische Webportal Muslim-Markt ruft regelmäßig zur Teilnahme auf. Seit 2003 ist die vom Verfassungsschutz beobachtete islamistische Gruppe „Quds-AG“ des Berliner Vereins Islamische Gemeinde der Iraner in Berlin-Brandenburg Veranstalter.

Im Jahr 2013 beteiligten sich etwa 800 Demonstranten. Diesem Jahr werden etwa doppelt so viele Teilnehmer erwartet.

Was könnten die muslimischen Verbände und Moscheegemeinden jetzt tun?
Leider haben sie viel versäumt. Sicher kann man nicht alle gleichsetzen; aber wenn in muslimischen Communitys eine einseitige Sicht auf den Nahostkonflikt gepflegt oder geduldet wird, wenn man sich nicht kritisch mit Erdogan auseinandersetzt, dann legt man die Basis, aus der Ausbrüche wie jetzt entstehen können. Das, was jetzt auf der Straße passiert, können die Verbände nicht mehr kontrollieren. Viele Gemeinden merken ja seit langem, dass sie ihre Jugendlichen nicht mehr erreichen.

Was müsste denn geschehen?
Vor allem die Schulen sind gefragt, aber die pädagogischen Konzepte erreichen die Jugendlichen nicht. Man muss natürlich weiter über das Dritte Reich reden, aber auch über den Nahostkonflikt, über Verschwörungstheorien, über die Hamas. Und über islamistischen Antisemitismus: Ein Drittel des Korans beschäftigt sich mit Juden und Judentum, und wenn man die Stellen nicht sachkundig auslegt, sondern wörtlich nimmt, kann man schnell antisemitische Haltungen entwickeln. Deshalb brauchen wir auch eine mutige islamische Theologie. Und es geht auch nicht, was ich schon oft erlebt habe: dass Lehrer oder Schulleiter verbieten, dass palästinensische Jugendliche nach Auschwitz mitfahren. Die müssen dahin! Natürlich besteht die Gefahr, dass sie da provokante Äußerungen machen, aber da muss entsprechende Vorbereitungsarbeit geleistet werden. Und es muss auch mehr getan werden, um Jugendlichen kritisches Denken und Hinterfragen zu vermitteln. Die Betroffenen wachsen oft in patriarchalen Strukturen auf, wo Gehorsam und teils auch Gewalt eine große Rolle spielen.

Aber die Schule kann nicht alles heilen.
Natürlich. Wir brauchen auch mehr und bessere außerschulische Projektarbeit, die den Antisemitismus direkt und offen thematisiert. Das können Workshops sein, Begegnungsarbeit mit Vorbildern. Die muslimischen Verbände müssen dafür gewonnen werden und auch andere, unabhängige muslimische Stimmen. Es braucht deutlich mehr Fördermittel dafür, als die Bundesregierung bereitstellt.

Sie selbst machen Begegnungs- und Beratungsarbeit. Wie bringen Sie sich da persönlich ein?
Ich bin in Israel aufgewachsen als Araber, ich war in Gaza, ich kenne beide Seiten. Ich hatte schon eine Art islamistischen Hintergrund. Ich war auf Demonstrationen, ich habe an der Al-Aksa-Moschee israelische Soldaten beschimpft, ich war antisemitisch. Ich habe als Jugendlicher vor Freude auf den Dächern getanzt, als Saddam Hussein Israel angegriffen hat, wie ich es bei meinen Nachbarn gesehen habe. Ich versuche den Jugendlichen heute zu vermitteln, wie ich dazu kam, das zu hinterfragen. Wie waren meine Begegnungen mit Juden? Was für Vorurteile hatte ich? Wenn es so persönlich wird, wenn man sie in ihrer Emotionalität anspricht, sind die Jugendlichen viel zugänglicher. Das heißt aber nicht, dass nur jemand wie ich diese Arbeit machen kann. Auch ein deutscher Lehrer kann das, und er muss das können. Dazu braucht er Fortbildungen, und es braucht dazu eine andere, bessere Lehrerausbildung.

Könnten auch die jüdischen Gemeinden mehr tun?
Natürlich, da gibt es auch die ein oder andere Einseitigkeit im Blick auf den Nahost-Konflikt. Aber ich habe sehr viele jüdische Freunde, wie auch palästinensische. Und es macht mich unendlich traurig, dass Leute ernsthaft darüber nachdenken auszuwandern, und dass sie Angst haben, hier über die Straße zu gehen. Das darf nicht sein.

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