Rom. Eigentlich hat Papst Benedikt XVI. vor, im Mai ins Heilige Land zu reisen. Entsprechende Pläne sind in Israel und im Vatikan bereits inoffiziell bestätigt worden. Nach der Aufhebung der Exkommunikation der Lefebvre-Bischöfe würde es freilich nicht überraschen, wenn die Reise verschoben würde.
Denn mit der Begnadigung des Holocaust-Leugners und britischen Bischofs Williamson hat sich Joseph Ratzinger den vermutlich schlimmsten Affront geleistet, der gegen das jüdische Volk und Israel möglich ist. Dies bestätigen die entsetzten Reaktionen der jüdischen Gemeinschaft in der ganzen Welt.
Ein Schisma (Spaltung) bezeichnet im römisch-katholischen Recht die Aufkündigung der Kirchengemeinschaft mit dem Papst oder einem Ortsbischof durch einen Einzelnen oder eine Gruppe. Der Schismatiker wird exkommuniziert, d.h. aus der aktiven kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen.
Zu den großen Kirchenspaltungen zählt das Schisma von 1054, das den Entfremdungsprozess zwischen östlicher Kirche und Rom besiegelte. Im Abendländischen Schisma (1378- 1449) beanspruchten mehrere Päpste gleichzeitig die oberste Gewalt in der Kirche und stürzten sie in eine schwere Krise. In der westlichen Tradition führte die Reformation im 16. Jahrhundert zu weiteren Kirchenspaltungen.
1988 entstand das jüngste Schisma der katholischen Kirchengeschichte, als Erzbischof Marcel Lefebvre gegen das Verbot des Papstes vier Priester seiner Bruderschaft zu Bischöfen weihte und sich damit die Exkommunikation zuzog.
Dabei wollte der Papst aus Deutschland den Weg des Dialogs mit den Juden, den sein Vorgänger Johannes Paul II. erfolgreich eingeschlagen hatte, weiter beschreiten. "Ich vertraue auf den Allmächtigen, dass er mir hilft, den Dialog und die Zusammenarbeit mit den Söhnen und Töchtern des jüdischen Volkes weiterzuführen und zu verstärken", versicherte Benedikt XVI. zwei Tage nach seiner Wahl zum Papst in einem Brief an den Oberrabbiner Roms, Riccardo Di Segni.
Von der versprochenen Weiterführung oder gar Verstärkung des Dialogs kann jedoch keine Rede sein, im Gegenteil: Seit Ratzinger als Benedikt XVI. auf dem Stuhl Petri sitzt, haben sich die Beziehungen zwischen dem Vatikan und der jüdischen Gemeinschaft immer mehr verschlechtert. Zu einem ersten Eklat kam es im März vergangenen Jahres, als Benedikt XVI. mit einer Neufassung der Karfreitagsfürbitte alte Wunden aufriss. In dieser lateinischen Fürbitte beten die katholischen Gläubigen, dass Gott die Herzen der Juden erleuchten möge, auf dass auch sie Jesus Christus als Herrn anerkennen.
Der Bekehrungswunsch für die Juden war 1970 abgeschafft worden. "Das Gebet für die Juden hatte seit dem Mittelalter am Karfreitag zu harten Demütigungen und gefährlichen Ausschreitungen gegen die ,perfiden\' und ,verblendeten\' Juden geführt", schrieb der katholische Gesprächskreis Juden und Christen.
Das Vokabular traditioneller Judenfeindschaft komme zwar in der neuen Fürbitte nicht vor. Aber die dort formulierte Hoffnung auf die Erleuchtung der Herzen der Juden habe alte Ängste wachgerufen.
Der jüdische Historiker Michael Wolffsohn bezeichnete die neue Fürbitte als "größten theologischen Rückschritt in Bezug auf das Judentum seit 1945". Der Zentralrat der Juden in Deutschland forderte den Papst auf, das Gebet zurückzunehmen - und zwar "möglichst schnell, glaubwürdig und total".
Das tat der Pontifex nicht. Der Streit über die Karfreitagsfürbitte zeigt vielmehr, zu welchen Konzessionen Benedikt XVI. von Anfang an bereit war, um die Fundamentalisten der Lefebvre-Gemeinschaft wieder in die Kirche zurückzuführen. Denn schon die auch unter Katholiken umstrittene Wiederzulassung der lateinischen Messe im Sommer 2007 diente in erster Linie dazu, die Ultrakonservativen wieder näher an die römische Universalkirche heranzuführen. Dies scheint nun gelungen - zu welchem Preis auch immer.
Es ist davon auszugehen, dass sich der Vatikan in Gesprächen mit der umstrittenen Bruderschaft in den vergangenen Wochen auf ein Vorgehen geeinigt hat, um die Bruderschaft wieder in die Kirche zu integrieren. Ein Schritt dazu ist die Aufhebung der Exkommunikation der Lefebvre-Bischöfe.
Zu Irritationen in der jüdischen Welt und in Israel führt auch das laufende Seligsprechungsverfahren für Pius XII. Der 1957 verstorbene Pacelli-Papst war während des Zweiten Weltkriegs Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Die Juden werfen ihm Untätigkeit und Gleichgültigkeit angesichts des Holocaust vor.
Ratzinger hingegen lobte seinen umstrittenen Vorgänger im November mit warmen Worten und weigert sich bisher standhaft, das Seligsprechungsverfahren auf Eis zu legen. Für viele Juden und Holocaust-Überlebende wäre eine Seligsprechung Pius XII. durch Benedikt XVI. eine weitere Provokation, die die fehlende Sensibilität des deutschen Papstes bei diesem heiklen Thema belegen würde.
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