"Niemand", schrieb Jossi Sarid, der alte Vordenker der israelischen Linken, am Sonntag in "Haaretz", "niemand könne Alain Finkielkraut oder Bernard-Henri Levy vorwerfen, "selbsthassende Juden" zu sein. Selbst im Gaza-Krieg hätten sie Partei für Israel ergriffen. In gewisser Weise tun sie das auch jetzt.
Allerdings anders, als man sich in der Regierung Benjamin Netanyahu pro-israelische Lobbyisten vorstellt. Gemeinsam mit mehr 3100 Unterzeichnern haben Finkielkraut und Levy einen "europäisch-jüdischen Appell an die Vernunft" unterzeichnet. Die israelische Besatzung und Siedlungspolitik im Westjordanland wird darin ein "moralischer Fehler und ein politischer Irrtum" genannt. Nicht nur das, eine solche Politik trage zum "inakzeptablen Vorgang der Delegitimierung Israels als Staat bei".
Er habe, bekannte der französisch-jüdische Philosophieprofessor Finkielkraut in einem Interview mit dem Armeesender, seine Unterschrift unter die Petition "unter großen Schmerzen" gesetzt, aber "aus Sorge über Israels Zukunft". Denn die, so heißt in dem Schreiben, "bedingt notwendigerweise die Schaffung des Friedens mit dem palästinensischen Volk" auf Basis der Zwei-Staaten-Lösung. Bislang allerdings, zeigte sich Finkielkraut überzeugt, meine es Netanyahu nicht ernst, wenn er von einem palästinensischen Staat spreche.
Unter den prominenten Erstunterzeichnern findet sich ebenso Daniel Cohn-Bendit, grüner Abgeordneter im Europaparlament und Galionsfigur der 68-er Bewegung, mithin nicht unbedingt Vorbild für Israels nach rechts gedriftetes Establishment. Aber auch Avi Primor, der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, zählt zu den Unterstützern des Appells. Verfasst wurde er quasi als Gründungsaufruf einer europäischen Bewegung: J-Call genannt, analog zu J-Street in USA, die sich als pro-Israel und pro-Frieden orientiertes, Gegenmodell zu den traditionellen, amerikanisch-jüdischen Lobbyverbänden wie AIPAC versteht.
Am Montag soll der J-Call-Brief dem Europaparlament vorgelegt werden, um eine kritische Debatte zu initiieren, was aus Freundschaft zu Israel heute vonnöten sei. "Die systematische Identifizierung mit der israelischen Politik" halten die Verfasser jedenfalls für "gefährlich, weil sie im Gegensatz zu den echten Interessen des Staates Israel stehen kann". Schließlich gehe es um viel: Ohne Friedenslösung auf Basis des Prinzips "zwei Staaten für zwei Völker" blieben nur "zwei katastrophale Alternativen": entweder würden "die Juden eine Minderheit in ihrem eigenen Land sein" oder es werde "ein Regime entstehen, das Israel beschämen wird".
Cohn-Bendit drückt es noch deutlicher aus. Wenn es nicht bald einen palästinensischen Staat gebe, werde sich Israel zwangsläufig in ein "Apartheid-System" verwandeln. "Sie werden es nicht so nennen, aber darauf läuft es hinaus." Denn der Forderung "One man, one vote" - mithin gleiches Stimmrecht für alle - würden die Israelis den Palästinensern wohl sicher nicht einräumen wollen. Sein Motiv, sich für J-Call zu engagieren, bringt Cohn-Bendit auf eine griffige Formel: "Rettet Israel, bevor es zu spät ist." Internet: www.jcall.eu
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