Berlin. Nach einem Jahr Wirtschaftskrise macht ausgerechnet Hartz IV Mut. Im Aufschwung waren die Langzeitarbeitslosen die Letzten, die vom Wachstum profitierten - jetzt aber, im konjunkturellen Tief, nimmt ihre Gruppe kaum zu. Das größte Problem am deutschen Arbeitsmarkt, die Langzeitarbeitslosigkeit, hat sich nur unwesentlich verschärft, betont das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in seiner Bilanz zu fünf Jahren Hartz IV.
Seit die Lehman-Pleite die Wirtschaftswelt an den Abgrund führte, stieg die Zahl der Arbeitslosengeld-Bezieher um 18,5 Prozent oder 170.000. Vergleichsweise glimpflich fällt dagegen die Zunahme der Hartz-IV-Empfänger um 2,8 Prozent oder 60.000 aus.
Doch schon im kommenden Jahr werden sich die Beschäftigungschancen von Langzeitarbeitslosen laut IAB-Prognose deutlich verschlechtern. Einerseits gibt es mehr Arbeitslose, denen der Fall in Hartz IV droht, wenn sie nicht bald eine neue Stelle finden. Andererseits wird der Absprung aus Hartz immer schwerer, wenn die Unternehmen nicht einstellen.
Lieber sechs Euro die Stunde
Insgesamt werten die Forscher die Hartz-Reformen trotz einiger Vorbehalte als Erfolg. Die starken Beschäftigungsgewinne im zurückliegenden Aufschwung und die außergewöhnliche Stabilität jetzt in der Krise führen sie zum großen Teil auf die umstrittenen politischen Weichenstellungen zurück. Die Bereitschaft, auch schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen, sei deutlich gewachsen. Und die Betroffenen werten dies positiv, wie eine Befragung des IAB ergab. "Wer sechs Euro in der Stunde verdient, ist zufriedener als jene, die in Hartz IV verbleiben", berichtet IAB-Forscher Mark Trappmann.
Defizite sieht IAB-Direktor Joachim Möller bei der individuellen Förderung und bei Problemgruppen. Zwar beginne sich "ein ganzheitlicher Ansatz" in der Betreuung der Hartz-IV-Empfänger durchzusetzen, meint Möller. Doch im Einzelfall hapere es. So würden unsinnige Trainingsmaßnahmen verordnet oder junge Leute in Ein-Euro-Jobs gesteckt, obwohl diese für Menschen ohne Chancen auf reguläre Beschäftigung gedacht seien.
Alleinerziehende scheitern oft
Mehr Unterstützung fordert das IAB, die Forschungsstätte der Bundesagentur für Arbeit, für Alleinerziehenden ein. Sie seien häufig gut qualifiziert und schafften dennoch kaum den Einstieg ins Berufsleben, weil die Kinderbetreuung fehle. Für Möller ist dies ein Beispiel dafür, dass "viele Probleme am Arbeitsmarkt sichtbar werden", sich aber nicht durch Reformen am Arbeitsmarkt allein lösen ließen.
Hauptmanko bleiben die hohen Hürden für Hartz-IV-Bezieher, den Ausstieg aus der Unterstützung zu schaffen. Einmal Hartz IV, immer Hartz IV - das gilt für viele noch immer. Rund drei Viertel beziehen Arbeitslosengeld II mindestens zwölf Monate durchgängig. Von denen, die kein Hartz IV mehr bekommen, wechselt nur jeder Zweite in eine Beschäftigung. 14 Prozent nehmen eine Aus- oder Weiterbildung oder ein Studium auf. Je sechs Prozent gehen in Rente oder werden Hausfrau/-mann. Immerhin 17 Prozent derer, die kein Arbeitslosengeld II mehr bekommen, sind weiter arbeitslos. Dass sie keine staatliche Hilfe mehr beziehen, liegt zum Beispiel daran, dass ihr Partner eine Stelle gefunden hat. Seite 11
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