Kaum die 3-D-Brille aufgesetzt, geht die Zeitreise zurück an den Königshof Davids auch schon los. Willkommen in Ir David, "der Stätte, wo alles begann", verheißt die Männerstimme aus dem Off. Krächzend fliegen Vögel aus dem Nebel, den Zuschauern entgegen, die im viertelstündigen Schnelldurchgang mehr als 3000 Jahre durchleben. Und zwar möglichst hautnah. Auf dass man das Gefühl bekommt, gerade selbst auf dem Tempelberg oder in den Gärten Davids zu spazieren, mitzuleiden bei der Zerstörung des von ihm erbauten jüdischen Heiligtums im Jahr 586 vor Christi Geburt.
David war der vielleicht größte König des jüdischen Volkes. Entsprechend glanzvoll ist die Präsentation, deren Produzenten Fans von Steven Spielberg sein müssen. Ihr Hang zu Effekthascherei ist ausgeprägt. Auch inhaltlich haben sie schwer poliert. Jerusalems jüdische Geschichte wird erzählt, als habe diese Stadt nie anderes gesehen.
Das Publikum mag die Vorstellung. Einige Hunderttausend sollen es jährlich sein, die durch ein mit goldener Harfe verziertes Tor auf das Ir-David-Gelände unterhalb der südlichen Altstadtmauern pilgern. Wenn die Besucher die 3-D-Brille zurück ins Körbchen gelegt und den Kinoraum verlassen haben, schauen sie mit verklärtem Blick auf die Ruinen zu ihren Füßen. Es sind Mauerreste aus riesigen Steinen, die zu bewegen Herkuleskraft erfordert. Brücken aus Stahlgittern und Holz machen die Ausgrabungsstätte begehbar. Nach dem Film haben die meisten keine Zweifel, dass diese Fundamente zum Palast Davids gehören.
Die Zweifel des Forschers
Eine Annahme, die kaum ein ernsthafter Archäologe teilt. "Ich bin skeptisch", sagt Ronny Reich, "ein Archäologe muss skeptisch sein." Seit 1969 buddelt der Universitätsprofessor im Auftrag der israelischen Antikenbehörde in Jerusalem und seit 15 Jahren in der sogenannten Davidstadt (Ir David auf Hebräisch). Eine heikle Angelegenheit, mit der sich Reich nicht rundum identifizieren mag.
Ir David ist eigentlich ein palästinensisches Stadtviertel namens Silwan, das die ultrarechte Siedlerorganisation Elad seit Anfang der 1990er Jahre auf dem Schleichweg einzunehmen sucht. Einige hundert Siedlerideologen leben hier unter 40000 als besonders traditionell geltenden Palästinensern. Reich, der in Haifa zu Hause ist, wo auf jüdisch-arabische Koexistenz Wert gelegt wird, behagt das nicht. Der Forscher mit dem weißen, wuscheligen Haarkranz findet Ausgrabungen aus byzantinischer oder islamischer Zeit genauso interessant wie aus jüdischer. Dass König David, der gerühmte Kriegsherr und Psalmendichter, tatsächlich gelebt hat, hält er für begründet. "Aber die Entdeckung seines Palastes auszurufen, war verfrüht."
Seine Kollegin Eilat Mazar konnte indes der Versuchung nicht widerstehen, als sie 2005 bei ihren Ausgrabungen auf gewaltige Grundmauern, Tunnel und Tonscherben mit jüdischen Namen stieß. Was sonst sollte das sein als das Königshaus David? Schnell war sie bei der Hand mit der passenden Theorie. Die Spalte eines unterhalb liegenden Tunnels, durch den Bergwasser ins Kidrontal fließt, musste jene sein, durch die Davids Gefolgsmann Joab vor 3000 Jahren mit kriegerischer List in die Jebusiten-Burg Zion vorgedrungen sein soll.
Reich schüttelt den Kopf. Mazars Ansatz nennt er "eine andere Art von Archäologie. Sie glaubt, genau zu wissen, wo der Palast stand, und deshalb findet sie ihn auch in zweieinhalb Minuten. Sie kann nicht zweifeln."
Und Steine können nicht sprechen. Eine Binsenweisheit, auf die Dieter Vieweger gern verweist. Er ist Leiter des DEI, des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes. So sehr diese Stadt dreier Weltreligionen und einer 5000 Jahre alten wechselvollen Geschichte jedes Forscherherz höher schlagen lässt - sie zieht auch die Archäologie in ihre Konflikte. Vor allem der antike Bodenschatz rund um den Tempelberg wird oft politisch missbraucht. In Jerusalem folgt Vieweger einer weisen Maxime. "Wir sind politisch, indem wir nicht politisch sind."
Jonathan Misrahi geht einen Schritt weiter. Er gehört zu den Verfechtern alternativ sanfter Archäologie, die sich in der Gruppe "Emek Shaveh" (Tal der Mitte) zusammengeschlossen haben. Sie werfen der Siedlerorganisation Elad gezielte Manipulation vor. Mit ihrer Behauptung, König David habe vor 3000 Jahren an genau dieser Stelle residiert, so Misrahi, wolle sie ihre Eigentumsansprüche von heute rechtfertigen. "Archäologie mit der Bibel zu kombinieren, kann eine interessante Story produzieren. Aber es bleibt eine Story." Misrahi grinst. "In diesem Fall eine nach Hollywood-Machart."
Ir David ist sogar dabei, ein archäologisches Disneyland zu werden. Entlang der Hauptstraße in Silwan ist die Vision dafür auf eine dreißig Meter lange Bretterwand gepinselt. Dargestellt ist ein Buddelparadies für die ganze Familie, die, mit Eimer und Schubkarre bewehrt, den Boden nach antiken Münzen und Scherben durchsiebt. Erdschutt ist reichlich vorhanden. Er stammt ausgerechnet aus dem Aushub, den der islamische Wakf, der die Tempelberg-Moscheen verwaltet, bei seinen Ausgrabungen über die Altstadtmauer abkippte. Die arabische Seite geht ähnlich unverfroren mit Funden um, die für die jüdische Seite interessant sind, wie umgekehrt Elad mit Relikten aus moslemischer Zeit.
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