Karin Puschmann war es gewohnt zu arbeiten. Seit ihrem 16. Lebensjahr. Der Bügeleisenhersteller Rowenta im südhessischen Erbach kündigte ihr 2005. Arbeitslos mit 57 Jahren.
Kein Einzelschicksal. Die Bundesregierung musste gerade einräumen, dass nur wenige Arbeitnehmer bis zu ihrem 65. Lebensjahr arbeiten. Das ruft die Kritiker der Rente mit 67 auf den Plan, allen voran die Linke. "Die Bundesregierung selbst hat erklärt, dass ein späteres Renteneintrittsalter nur dann sinnvoll sei, wenn die Menschen tatsächlich auch länger arbeiten könnten", sagte deren rentenpolitischer Sprecher Volker Schneider am Montag.
Wenn Karin Puschmann heute von ihrer Entlassung spricht, sagt sie noch immer: "Für mich ist eine Welt zusammengebrochen." Eine Auffanggesellschaft polsterte den Übergang in die Arbeitslosigkeit im ersten Jahr ein wenig ab. Am Anfang hatte sie noch die Hoffnung, eine neue Arbeitsstelle zu bekommen. "Die habe ich dann begraben", sagt die heute 61-Jährige. Sie unterschrieb die 58er-Regelung, musste keine Bewerbungen mehr schreiben, sondern konnte das Arbeitslosengeld als Vorruhestand beantragen.
Arbeit ist aber mehr als nur Geld verdienen. Arbeit bedeutet soziale Kontakte, Anerkennung, Herausforderung. "Sie sind immer unter Leuten, dann sitzen Sie alleine da", sagt Karin Puschmann.
Eine Studie hat gezeigt, dass Frührentner deutlich eher sterben als Menschen, die ganz normal in den Ruhestand gegangen sind. Der Unterschied ist bei Männern stärker als bei Frauen und beträgt bis zu drei Jahren. Dabei wurden nur die Lebensläufe gesunder Menschen berücksichtigt, also keine mit Erwerbsminderungs-Renten. Die Studienleiterin Thusnelda Tivig von der Universität Rostock erklärt den Befund damit, dass sich diese Menschen "stark über Arbeit definiert haben". Als sie wegfiel, "brach auch ein Großteil des Lebenssinns weg". Die Menschen waren ohne ihr gewohntes Arbeitsumfeld sozial isoliert, und zu Hause wussten die Männer wohl auch nicht so recht, was tun. Sie hatten sich kaum in die Erziehung von Kindern und Enkelkindern eingebracht.
Karin Puschmann engagiert sich bei der ökumenischen Arbeitsloseninitiative Kompass, geht als freiwillige Polizeihelferin durch die Straßen, hilft in der Kinderkleiderkammer Flohkiste mit. Aber sie kennt das Gefühl, auf einmal zum alten Eisen zu gehören. "Das war das Schlimmste."
Wie wichtig Arbeit für ältere Menschen ist, zeigt eine Befragung von über 58-Jährigen aus dem Jahr 2005. Nur rund zehn Prozent gaben an, nicht mehr arbeiten zu wollen, ein Drittel konnte wegen Krankheit nicht mehr, und der große Rest hätte gerne weiter gearbeitet. Insgesamt waren über 93 Prozent frustriert, keine Stelle mehr zu finden.
Neben sozialen Kontakten und Bestätigung brauchen viele Ältere schlicht das Geld. Die Zahl der Arbeitslosen mit Nebenjob steigt rasant. Seit 2003 hat sie sich mehr als verdoppelt. Rentner verdienen auch offiziell ein wenig dazu, doch diese Zahl stagniert. Wie viele schwarz arbeiten, ist unbekannt. Johannes Jakob vom Deutschen Gewerkschaftsbund sieht keine Anzeichen dafür, dass vermehrt Arbeitslose aus der Industrie schwarz arbeiten. "Das machen eher Handwerker neben ihrem Beruf", vermutet der Arbeitsmarkt-Experte.
Wer wie lange Arbeit hat, wird auch von Berufsgruppe und Ausbildung beeinflusst. Generell arbeiten mehr Menschen mit Hochschulabschluss bis zum 65. Lebensjahr (69 Prozent) als diejenigen mit beruflichem Abschluss (48 Prozent) oder ohne Abschluss (36 Prozent), wie der Mikrozensus zeigt. Die meisten Älteren arbeiten in der öffentlichen Verwaltung, die wenigsten im Gastgewerbe und auf dem Bau.
Karin Puschmann hat eine Abfindung bekommen, sie hat Ersparnisse und fährt nicht mehr so häufig in den Urlaub. Seit 1. Januar bekommt sie Rente. Gegen die Abschläge wegen Arbeitslosigkeit hat sie Widerspruch eingelegt. Sie habe schließlich drei Kinder groß gezogen und 46 Jahre und acht Monate eingezahlt. Sie sagt, sie komme über die Runden. "Aber ich kenne viele von meinen ehemaligen Arbeitskollegen, denen es heute dreckig geht."
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