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20. Dezember 2012

Armutsbericht: Arm trotz Arbeit

 Von Thomas Kröter
Immer mehr Menschen müssen ihren Arbeitslohn mit Hartz IV aufstocken, weil das Geld sonst nicht zum Leben reicht.Foto: dapd

Der Paritätische Gesamtverband legt seinen Bericht zur Verarmung in Deutschland vor. Die Sozialministerin widerspricht den Zahlen.

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Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen sieht keinen besorgniserregenden Anstieg der Armut in Deutschland. „Man sollte die Probleme weder dramatisieren noch kleinreden“, sagte die CDU-Politikerin. Sie widersprach dem jüngsten Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes, demzufolge 12,4 Millionen Menschen also 15,1 Prozent der Deutschen von Armut bedroht sind. “Das mit Abstand größte Armutsrisiko in Deutschland ist die Arbeitslosigkeit“, sagte von der Leyen. Die Langzeitarbeitslosigkeit aber sei seit 2007 um 40 Prozent gesunken. Deutschland habe die geringste Jugendarbeitslosigkeit in Europa.

Regionale Unterschiede

Eine Dreiteilung Deutschlands legt zumindest der Blick auf das Armutsrisiko der Bundesländer nahe. Regional betrachtet, zerfranst dieses Bild jedoch.

Elf Raumordnungsregionen weisen eine Armutsrisikoquote von über 20 Prozent auf. Davon liegen vier im Westen, darunter die Regionen Hannover und Dortmund.

Mit Südthüringen (14 Prozent) liegt hingegen erstmals eine ostdeutsche Raumordnungsregion deutlich unter dem Bundesschnitt (15,1 Prozent).

Für Ulrich Schneider ist das kein Argument gegen den Befund wachsender Armut in Deutschland. Im Gegenteil: „Die guten statistischen Erfolge in der Arbeitsmarktpolitik werden offensichtlich mit einer Amerikanisierung des Arbeitsmarktes erkauft“, sagte der Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes am Donnerstag in Berlin. Wie in den USA wachse in Deutschland die Zahl der „working Poor“ – Menschen die in ihrem Job so wenig verdienten, dass sie davon nicht leben könnten.

Ost und West nähern sich an

Die zunehmende Armut sei ein „unübersehbarer statistischer Fingerzeig auf Niedriglöhne und prekäre Beschäftigungsverhältnisse“, erklärte der Geschäftsführer. In den meisten Problemregionen gebe es eine wachsende Zahl, die ihren Verdienst durch Leistungen aus Hartz IV aufstocken müssten.

Was die Entwicklung der Armut angeht wachsen Ost und West nach dem Bericht immer näher zusammen. Noch 2005 betrug die durchschnittliche Quote der Gefährdung in den alten Ländern 13,2 Prozent, in den neuen 20,4 – ein Unterschied von 7,2 Prozentpunkten. 2011 waren es noch 5,5 gewesen. Die Quote sank im Osten auf 19,5 Prozent, während sie im Westen auf 14 Prozent gestiegen ist.


Am schlimmsten sind die Befunden für Nordrhein-Westfalen und Berlin. Hier stellt der Bericht die größte „Dynamik“ der Armutsentwicklung fest. Im Kernland des Westens wie in der Hauptstadt hat die Armut in den vergangenen fünf Jahren zweistellig zugenommen – in NRW um 19,4 Prozent in Berlin sogar um 24,1 Prozent. Mit 3,5 und fünf Millionen Einwohnern leben in diesen beiden Ballungsräumen zusammen rund zehn Prozent der deutschen Bevölkerung.

Anstieg der Armut um 20 Prozent

Besonders dramatisch ist die Lage im Ruhrgebiet: In der Region stieg die Armutsquote um fast 20 Prozent seit 2006 auf einen Prozentsatz von 18,9. In Duisburg betrug die Steigerung sogar 45 Prozent, in Essen über 50 Prozent.

Dafür gibt ein ostdeutsches Bundesland den einzigen „Lichtblick“ her: Thüringen. Hier ist eine „mehrjährige, klar positive Entwicklung“ festzustellen. Die Quote sank von 19,9 Prozent 2005 auf 16,7 Prozent im vorigen Jahr. Dagegen stieg sie nach positiver Entwicklung in den Vorjahren in Brandenburg und Hamburg wieder an – die der Hansestadt sogar von 13,3 auf 14,7 Prozent.


Ein Beispiel für den Trend zu mehr Armut im Westen ist auch Rheinland-Pfalz. Von 2005 auf 2006 war die Quote noch um einen Prozentpunkt auf 13,2 gesunken. Nach kontinuierlichem Anstieg liegt sie nun bei 15,1 Prozent. Das ist der Bundesschnitt. In Hessen dümpelt die Quote seit Jahren zwischen zwölf und 12,7 Prozent. 2011 gab es wieder den Höchstwert.

Besorgt stellt der Bericht auch fest, dass sich die Entwicklung der Armut von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung abkoppelt. 2006 wuchs die Wirtschaft um rund vier Prozent, die Armutsquote ging um 0,7 Punkte auf 14 Prozent zurück. 2011 sah es dramatisch anders aus: Mit einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes um 3,9 Prozent ging eine Zunahme des Armutsrisikos um 4,1 Prozent einher. Die Politik, sei offenbar „nicht willens oder in der Lage, gute wirtschaftliche Entwicklungen so zu nutzen, dass die immer tiefere Spaltung zwischen Arm und Reich“ wenigstens ansatzweise gestoppt werde, kritisiert der Armutsbericht.

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