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Politik
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29. April 2015

Armutsrisiko: Streit über den Umgang mit der Armut

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Da hilft nur noch Satire: Nürnberger Jugendorganisationen demonstrieren gegen die vorherrschende Geld-Politik und zunehmende Verarmung.  Foto: dpa

Der paritätische Wohlfahrtsverband und die Caritas streiten um die richtige Darstellung realer Probleme in Deutschland. Über das hohe Armutsrisiko sind sie sich hingegen einig.

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In der Sorge über das hohe Armutsrisiko vor allem für Langzeitarbeitslose und Alleinerziehende und der Kritik an der Vermögensverteilung in Deutschland sind sie sich einig. Gleichwohl ist zwischen Caritasverband und Paritätischen Wohlfahrtsverband ein massiver Grundsatzstreit entbrannt. Nachdem Caritas-Generalsekretär Georg Cremer dem Paritätischen in der „FAZ“ vorgeworfen hatte, dass er „real bestehende Armutsprobleme in einer Weise skandalisiert, die nicht dem gerecht wird, was der Sozialstaat leistet“, verwahrte sich der Paritätische-Vorsitzende Rolf Rosenbrock am Dienstag gegen „neoliberale“ Kritik, die Einwände seien „methodische Petitessen“.

Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Wegen seiner oftmals schrillen Alarmrufe sieht sich der Paritätische zunehmend Kritik auch aus der Wissenschaft ausgesetzt. Im Kern geht es dabei um seinen medialen Umgang mit der Armutsrisikoquote. Dieser statistische Wert beziffert, wie hoch der Anteil derer ist, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. „Noch nie war die Armut in Deutschland so hoch“, hatte der Verband vor wenigen Wochen gewarnt, der Quotient sei von 14,0 Prozent (2006) auf 15,5 Prozent (2013) gestiegen.

Studenten auch erfasst

Caritas-Mann Cremer moniert, dass von einem historischen Höchststand schlecht die Rede sein könne, da diese Statistik erst zehn Jahre erhoben wird. Allerdings stammt der erste Wert von 2005. Da lag die Quote bereits bei 14,7 Prozent. Diese Zahl fehlt beim Parität-Verband. Laut Cremer hat das Armutsrisiko zwischen 1998 und 2005 deutlich zugenommen, seither könne man aber eher „von Konstanz oder einem moderaten Anstieg sprechen“. Außerdem setze der Paritätische das statistische Risiko mit realer Armut gleich. Tatsächlich würden aber fast alle Studenten und Auszubildenden von der Statistik erfasst, weil sie unter der 60-Prozent-Schwelle (derzeit 892 Euro Einkommen) lägen, ohne im klassischen Sinne bedürftig zu sein. Schließlich gebe es ein prinzipielles Problem des relativen Werts: „Mit steigendem Wohlstand steigt auch die Armutsrisikoschwelle.“ Dies führe zu einer „absurden Konsequenz“: Unabhängig davon, wie wohlhabend eine Gesellschaft ist, bleibt der Anteil der Armen immer gleich.

Auch Satire? Entwicklungsminister Müller, UN-General Ban, IWF-Direktorin Lagarde und Weltbank-Präsident Kim (v.l.n.r.).  Foto: dpa

Rosenbrock wies die Kritik zurück: „Ich glaube nicht, dass wir dramatisieren. Die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache. Alles andere sind Geschmacksfragen.“ Dienstag legte er das zweite Jahresgutachten des Verbandes über Gewinner und Verlierer der wirtschaftlichen Entwicklung vor. „Die Befunde sind alarmierend“, sagte Rosenbrock: „Am wachsenden Wohlstand in Deutschland haben immer weniger Menschen teil. Die Spaltung im Hinblick auf Teilhabe und Ressourcen nimmt zu.“ Der wachsende Anteil von Minijobbern und Teilzeitarbeitern, die Stagnation der Langzeitarbeitslosigkeit auf hohem Niveau und die Armutsquote von 15,5 Prozent belegten das.

„Sozialer Zusammenhalt kann nur wachsen, wenn gute Arbeit zunimmt“, sagte Rosenbrock. Tatsächlich werde „das sogenannte Normalarbeitsverhältnis immer weniger normal“. Doch das lässt sich aus den vom Verband vorgelegten Zahlen nur bedingt herauslesen: Demnach kletterte die Zahl sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse 2013 auf den Rekordstand von 29,2 Millionen. Zwar war der Anteil der Teilzeitbeschäftigten mit 25,6 Prozent deutlich höher als 2009 (19). Doch weiß erstens niemand, wie hoch der Anteil von möglicherweise gut verdienenden Arbeitnehmern ist, die freiwillig ihre Zeit reduzieren. Zweitens ist die absolute Zahl der Vollzeitjobs seit 2009 mit 22 Millionen konstant geblieben, nicht zurückgegangen.

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