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07. Januar 2009

Arzt Mads Gilbert im Interview: "Amputieren am laufenden Band"

Mads Gilbert (61, Bildmitte) und sein Kollege Erik Fosse sind zurzeit die einzigen westlichen Ärzte in Gaza. Foto: ap

Der norwegische Arzt Mads Gilbert versorgt Opfer im Schifa-Hospital in Gaza. Im FR-Interview schildert er die Lage als dramatisch.

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Wie ist die Situation in Gaza?

Die Situation ist mehr als dramatisch. Es wird schwer bombardiert. Es gab eine Attacke auf einen Gemüsemarkt in Gaza-Stadt mit vielen Toten und Verletzten. Allein von den 210 Verletzten, die heute in das Krankenhaus kamen, sind 35 in der Notaufnahme gestorben. Unter den Toten sind 18 Kinder unter neun Jahren. Wir amputieren am laufenden Band. Die Korridore sind voll mit Verstümmelten.

Wie viele Kinder und Frauen sind unter den Opfern?

Einem Kind habe ich heute eine Hand amputiert, das Kind verlor elf Familienmitglieder. Wir haben ein neunmonatiges Baby, dessen ganze Familie von Israelis getötet wurde. Die Zahl der zivilen Opfer steigt rapide an. Am Montagabend waren es 540 Tote und 2550 Verletzte. 30 Prozent der Toten und 45 Prozent der Verletzten sind Frauen und Kinder. Unter den Toten sind 117 und unter den Verletzten bisher 744 Kinder.

Wie gefährlich ist die Arbeit der Rettungsdienste?

Heute sind zwei Ambulanzen getroffen worden. Zwei Pfleger wurden getötet, sie wurden gezielt angegriffen. Eine Moschee neben dem Schifa-Hospital wurde bombardiert. Alle Scheiben des Krankenhauses wurden zerstört. Es sind im Moment sieben Grad Celsius draußen, alle Patienten frieren, Ärzte und Helfer natürlich auch. Das ist unmöglich zu verstehen.

Wie geht es dem Personal in dem Krankenhaus?

Eines muss ich betonen. In diesem Krankenhaus gibt es derzeit 50 Ärzte, Pfleger und freiwillige Helfer. Wir hören die Bomben und warten auf neue Wagenladungen voller Verwundeter. Ich habe noch nie gesehen, dass sich Menschen so aufopfern wie diese palästinensischen Ärzte und Helfer.

Behandeln Sie auch Hamas-Kämpfer?

Die Frage ist unangemessen. Wir als Ärzte behandeln hier jeden. Wir würden auch israelische Soldaten versorgen. Aber: Ich habe Hunderte Patienten gesehen, darunter waren nur zwei Hamas-Kämpfer.

Was brauchen Sie am dringendsten?

Vordringlich ist, dass das Bombardement aufhört, Israel die Grenzübergänge öffnet und Lebensmittel und Treibstoff nach Gaza lässt.

Wie sind Sie in den Gazastreifen hineingekommen?

Wir sind am Neujahrstag über Rafah eingereist. Die norwegische Regierung hat sehr großen diplomatischen Druck auf die ägyptische Führung ausgeübt. Ich frage mich, warum keine anderen westlichen Ärzte kommen. Seit mein Kollege und ich hier sind, arbeiten wir rund um die Uhr. Hören Sie das? Es wird wieder bombardiert. Ich muss Schluss machen.

Das Interview führte Martin Gehlen am späten Montagabend.

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