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08. Juni 2012

Asylbewerberwohnheime: Heftiger Protest

 Von Andreas Förster
In München demonstrieren Asylbewerber plakativ gegen die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften. (Archiv)  Foto: dpa

Dumpfe Vorurteile, Hohn und Spott: In Leipzig formt sich heftiger Protest gegen dezentrale Asylbewerberwohnheime.

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Leipzig –  

„Heiterblick“ heißt eine S-Bahnstation im Norden Leipzigs. Das nahe gelegene Asylbewerberheim an der Torgauer Straße kann nicht gemeint sein. Die beiden Wohnblöcke aus den 60er Jahren, fünf Etagen hoch, beherbergen mehr als 200 Menschen. Die hygienischen und baulichen Zustände in dem Heim sind katastrophal. „Was man jetzt im Fernsehen davon sehen konnte, ist ein Skandal, ich schäme mich für unsere Stadt, dass sie Menschen so hausen lässt“, erregt sich Hans-Georg Uhlmann. „Hier muss endlich etwas geschehen. Aber das neue Heim, das jetzt hier bei uns entstehen soll, ist dafür völlig ungeeignet.“

Uhlmann steht im voll besetzten Saal des „Anker“, einem Stadtteilzentrum in seinem Wohnort Leipzig-Wahren. Als er endet, setzt begeisterter Beifall ein von den rund 200 Anwohnern, die zur Sitzung ihres Stadtbezirksbeirates gekommen sind. Der Beirat soll an diesem Abend ein neues Unterbringungskonzept der Stadt für Asylsuchende beraten. Es sieht vor, Ende 2013 das alte Heim an der Torgauer Straße zu schließen und dessen Insassen sowie weitere rund 200 Flüchtlinge auf sieben Unterkünfte im Stadtgebiet zu verteilen. Eines davon mit 70 Flüchtlinge in Wahren. Das hat gleich Widerstand provoziert, eine Initiative gründete sich, die den Zuzug der Ausländer verhindern will.

Ähnliche Proteste hat es auch schon in Portitz gegeben, einer eher dörflich geprägten Stadtrandsiedlung im Nordosten, die von der Stadtverwaltung als Standort von gleich zwei kleineren Heimen bestimmt wurde. Wie in Portitz steht auch in Wahren das künftige Flüchtlingsheim am Rand eines beschaulichen Wohngebiets aus Ein- und Zweifamilienhäusern. Das ausgewählte Gebäude steht seit Jahren weitgehend leer, nur vier Mieter wohnen noch dort, drei von ihnen zwischen 74 und 82 Jahren alt.

Dumpfe Vorurteile

Geplante Verteilung der Asylbewerber in Leipzig.
Geplante Verteilung der Asylbewerber in Leipzig.
 Foto: FR/Infografik

Ihnen hat die Stadt jetzt neuen Wohnraum angeboten. Sie können aber auch bleiben. „Da sollen die alten Leutchen künftig zwischen Asylanten wohnen“, empört sich ein Anwohner. Es ist das erste Mal, dass sich die Wut der Wahrener öffentlich entlädt. Eine Einwohnerversammlung hat es hier, anders als in Portitz, bislang nicht gegeben. Außer den Abgeordneten des Stadtbezirks sind auch der Leipziger Sozialbürgermeister Thomas Fabian (SPD) und die Sozialamtsleiterin gekommen. Sie ernten Hohn und Spott für ihre Argumente.

So geht auch die berechtigte Kritik an der Stadtverwaltung unter, die es versäumt hat, rechtzeitig durch einen gemeinsamen Entscheidungsprozess mit den Anwohnern Vorurteile und Ängste abzubauen. Stattdessen brechen sich im „Anker“ dumpfe Vorurteile Bahn. Ein Mann bekommt Beifall, als er von der Gefahr für Frauen und Kinder spricht. „An dem Haus führt der Schulweg unserer Kinder entlang“, ruft er empört. „Ich will nicht, dass sich Kinder da mit Spritzen piksen, die von den Drogenabhängigen im Heim weggeworfen werden.“

Immer wieder wird über den vermeintlichen Wertverfall der Grundstücke lamentiert. „Sind Entschädigungen für uns Hausbesitzer vorgesehen, weil unsere Immobilien mindestens 20 Prozent an Wert verlieren“, fragt einer. Als Bürgermeister Fabian das zurückweist, kommt es fast zum Tumult.

        

Symbol für die Völkerschlacht von 1813 – das Denkmal in Leipzig
Symbol für die Völkerschlacht von 1813 – das Denkmal in Leipzig
 Foto: dpa/Waltraud Grubitzsch

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) hat aus den Protesten bereits Konsequenzen gezogen. In zwei Wochen sollte das neue Unterbringungskonzept, vom Stadtrat beschlossen werden; jetzt ist es um einen Monat verschoben. Bis dahin finden Diskussionsrunden mit den Anwohnern aller Standorte statt. Sozialbürgermeister Fabian hat aber klargemacht, dass es kein Zurück gibt. „Wir haben keine anderen Alternativen für die Torgauer Straße als die jetzt ausgewählten Häuser.“

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