Wohin mit dem Atommüll? (Symbolbild)
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Die SPD-geführten Bundesländer kritisieren die Pläne des Bundesumweltministeriums. Zudem moniert die Grünen-Ministerin Lemke per Brief die Bewertungskriterien - und beklagt die Ausklammerung von Gorleben.
Bei den Vorbereitungen für eine neue Atomendlager-Suche, die Bund und Länder gemeinsam verabredet haben, knirscht es heftig. Die SPD-geführten Bundesländer haben jetzt die Pläne des Bundesumweltministeriums in mehreren Punkten kritisiert: Die Öffentlichkeitsbeteiligung bei dem Neustart der Suche komme zu kurz, die Finanzierung der neuen Standortauswahl sei unklar, und es fehlten Aussagen, wie mit dem Salzstock in Gorleben umgegangen wird.
Das Haus von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) hat jüngst der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Endlagerung“ den ersten Entwurf für das neue Endlagersuch-Gesetz vorgelegt, das bis zum Sommer verabschiedet werden soll. Die Suche würde danach in vier Phasen ablaufen, es würde eine völlig neues „Bundesinstitut für Endlagerung“ gegründet und eine begleitende „Ethik-Kommission eingesetzt.
„Strategie des Weichspülens“
In einem Brief an Röttgen kritisiert die Koordinatorin der SPD-geführten Länder, die rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Eveline Lemke (Grüne), das bisherige Verfahren. Man habe in den Sitzungen „umfangreichen Änderungsbedarf“ angemeldet, schreibt sie. In dem vom Bundesministerium angefertigten Protokoll finde sich das aber nicht hinreichend wieder, heißt es in dem Brief, der dieser Zeitung vorliegt.
Die Gorleben-Story
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Im niedersächsischen Gorleben sollte nach den Plänen von Bundes- und Landesregierung von 1977 ein komplettes atomares Entsorgungszentrum entstehen. Geplant waren ein Zwischenlager für Castor-Behälter, eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Kernbrennstoffe sowie ein Endlager tief unten im Salzstock. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) präsentierte den Standort bei einer Pressekonferenz im Februar 1977 in Hannover.
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Der gewählte Standort für das atomare Entsorgungszentrum liegt rund zwei Kilometer südlich der Gemeinde im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die Region befindet sich an der früheren Grenze zur DDR und ist dünn besiedelt.
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Entgegen der Erwartung von Ministerpräsident Albrecht bildete sich schnell eine starke Protestbewegung. 1979 nahmen an einem "Treck nach Hannover" mehr als 100.000 Menschen teil. Albrecht sah ein, dass das große Entsorgungskonzept keine Chance hatte. Er erklärte, eine WAA-Atomfabrik sei "politisch nicht durchsetzbar".
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Die Pläne für das Zwischenlager, in dem Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen und verglaste hochradioaktive Abfälle untergebracht werden sollten, und für das Endlager wurden jedoch weiter verfolgt.
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Das Zwischenlager wird seit 1984 betrieben. Die Lagerhalle für Behälter ist 4500 Quadratmeter groß und fünf Meter hoch.
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Die regelmäßigen Castor-Transporte nach Gorleben aus der französischen WAA in La Hague, wo abgebrannte Brennstäbe bis zum Jahr 2005 angenommen wurden, sind stets von starken Protesten begleitet.
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Spektakuläre Aktionen, wie hier von Robion Wood, konnten den Transport jedoch allenfalls verzögern.
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Immer wieder blockierten Demonstranten - gut bewacht von der Polizei - den Schienenweg in Richtung Gorleben.
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Die Kreativität der Demonstranten machte den Protest gegen die Transporte nach Gorleben zu regelmäßigen Medien-Aufregern.
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Mit der Hartnäckigkeit der Demonstranten hatte die Polizei oft ihre liebe Mühe.
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Auch Greenpeace gehörte immer wieder zu den wichtigen Impulsgebern der Demonstrationen.
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Menschen aus ganz Europa demonstrieren regelmäßig gegen die Castor-Transporte.
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1979 begann die Untersuchung des Salzstocks, die Aufschluss über die Eignung als Endlager geben sollte. Der Verdacht, dass Niedersachsen den Standort im Wendland nicht primär aus fachlichen, sondern aus politischen Gründen ausgesucht hatte, wurde jüngst bestätigt.
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Als damaliges Mitglied der Auswahl-Kommission sagte der heute emeritierte Geologie-Professor Gerd Lüttig, Albrecht habe Kommissionsempfehlungen nicht abgewartet, sondern sei festgelegt gewesen.
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Zitat: "Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten" (Lüttig).
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Im sachsen-anhaltinischen Morsleben hatte Ost-Berlin ein Atom-Endlager nahe der Grenze eröffnet. Nach Aussagen von Experten waren andere norddeutsche Salzstöcke nach Aktenlage mindestens ebenso oder besser geeignet als Gorleben.
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Bis 1983 lief die Voruntersuchung in Gorleben, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) bewertet wurde. Danach startete die untertägige Erkundung, die die Stromkonzerne - und damit die Stromkunden - bislang 1,5 Milliarden Euro gekostet hat. Sie wurde im Jahr 2000 gestoppt.
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Sowohl Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) als auch sein Nachfolger Sigmar Gabriel (SPD) versuchten, eine neue Endlagersuche zu starten. Dabei sollten nicht nur Salzstöcke, sondern auch Granit-Standorte einbezogen werden, die sich in Baden-Württemberg und Bayern befinden. Das scheiterte aber am Widerstand von Union und FDP sowie der Atomwirtschaft, die die Erkundungsarbeiten in Gorleben möglichst schnell wieder aufnehmen lassen wollen.
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Neue Zweifel an der Eignung Gorlebens bringt ein Gutachten des Ex-PTB-Mitarbeiters Ulrich Schneider, das die niedersächsischen Linken in Auftrag gegeben haben. "Es stellt sich die Frage, wann Gorleben absaufen wird", sagte der Geologe. Er verglich den Salzstock mit einem hohlen Zahn, in den Wasser wie Karies eindringe. Frühere Untersuchungen über Wasserläufe in dem Gestein kritisierte er als zu undifferenziert. Wasser dringe in das Steinsalz des geplanten Endlagers umgebenden Kalisalzschichten ein und weiche diese auf.
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Der Salzstock bei Gorleben wird seit 1977 als möglicher Standort zur Endlagerung hoch radioaktiven Atommülls gehandelt. Einige Geologen bezweifeln die Tauglichkeit des Salzstocks in Gorleben als Endlager. Umweltschützer vermuten, dass der Salzstock unter dem Deckmantel der Erkundung bereits seit Jahrzehnten zum Endlager für hoch radioaktiven Atommüll ausgebaut wird. Die FR erzählt die Gorleben-Story und den Protest in Bildern
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Linkspartei in der Krise
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Von einer „grundsätzlichen Zustimmung“ zu dem Gesetzesentwurf, wie es in dem Protokoll heißt, könne keine Rede sein, sagte Lemke dieser Zeitung. „Ich halte es in diesem sensiblen Prozess für grob fahrlässig, Kritik und Diskussionsbedarf der Länder so unter den Tisch zu kehren“. Die Ministerin forderte Röttgen auf sicherzustellen, dass die Forderungen der Länder berücksichtigt werden. Die „Strategie des Weichspülens“ von Konflikten werde nicht funktionieren.
Schwarz-Gelb will Gorleben im Spiel halten
Lemke moniert in dem Brief, der Bund wolle die Kriterien zur Bewertung von Endlagerstandorten „ausschließlich auf Behördenebene“ treffen lassen. Richtig sei es, sie per Gesetz zu verankern, um „größtmögliche demokratische Legitimation sicherzustellen“. Zudem müsse die Öffentlichkeit „umfassender, stärker und frühzeitiger“ einbezogen werden. Der Bund sehe das erst bei der konkreten Auswahl der Regionen zur oberirdischen Erkundung vor.
„Verwunderlich“ nennt es Lemke, dass in dem Gesetzesentwurf das Thema Gorleben „faktisch ausgeklammert“ sei. Es müsse klar geregelt werden, dass der umstrittene Standort in Niedersachsen „in jeder Phase der Suche aufgrund vorab definierter Kriterien ... ausscheiden kann“.
Demo gegen Castor-Transporte
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Demo gegen Castor-Transporte
Atomkraftgegner demonstrieren am Montagmittag in Frankfurt gegen den Ende November geplanten Atommüll-Transport von der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Deutschland und gegen ein mögliches Endlager in Gorleben. Sie ziehen mit einer Castor-Attrappe durch die Stadt - einem 22 Tonnen schweren Tieflader, der als Castor-Transporter verkleidet wurde.
Foto: Alex Kraus
Atomkraftgegner demonstrieren am Montagmittag in Frankfurt gegen den Ende November geplanten Atommüll-Transport von der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Deutschland und gegen ein mögliches Endlager in Gorleben. Sie ziehen mit einer Castor-Attrappe durch die Stadt - einem 22 Tonnen schweren Tieflader, der als Castor-Transporter verkleidet wurde.
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Atomkraftgegner demonstrieren am Montagmittag in Frankfurt gegen den Ende November geplanten Atommüll-Transport von der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Deutschland und gegen ein mögliches Endlager in Gorleben. Sie ziehen mit einer Castor-Attrappe durch die Stadt - einem 22 Tonnen schweren Tieflader, der als Castor-Transporter verkleidet wurde.
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Atomkraftgegner demonstrieren am Montagmittag in Frankfurt gegen den Ende November geplanten Atommüll-Transport von der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Deutschland und gegen ein mögliches Endlager in Gorleben. Sie ziehen mit einer Castor-Attrappe durch die Stadt - einem 22 Tonnen schweren Tieflader, der als Castor-Transporter verkleidet wurde.
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Atomkraftgegner demonstrieren am Montagmittag in Frankfurt gegen den Ende November geplanten Atommüll-Transport von der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Deutschland und gegen ein mögliches Endlager in Gorleben. Sie ziehen mit einer Castor-Attrappe durch die Stadt - einem 22 Tonnen schweren Tieflader, der als Castor-Transporter verkleidet wurde.
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Atomkraftgegner demonstrieren am Montagmittag in Frankfurt gegen den Ende November geplanten Atommüll-Transport von der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Deutschland und gegen ein mögliches Endlager in Gorleben. Sie ziehen mit einer Castor-Attrappe durch die Stadt - einem 22 Tonnen schweren Tieflader, der als Castor-Transporter verkleidet wurde.
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Alex Kraus
Fotostrecken Politik
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Gorleben dürfe „in keinem Fall als Referenzstandort etabliert werden“, fordert Lemke. Der Hintergrund: Die schwarz-gelbe Koalition will Gorleben unbedingt weiter im Spiel halten. Dort ist die Erkundung bereits weit fortgeschritten, und es sind bereits 1,6 Milliarden Euro ausgegeben worden.
Lemke verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die Finanzierung der neuen Standortauswahl „durch die Betreiber kerntechnischer Anlagen“ zu erfolgen habe – also die Stromkonzerne. Dies müsse in dem neuen Gesetz sichergestellt werden.
In der Tat geht es dabei nicht um Peanuts. Die neue Endlagersuche, die bis 2040 dauern dürfte, wird mehrere hundert Millionen Euro kosten.