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Atomendlager Asse: A wie ahnungslos

Warum ein Leukämiekranker die Ex-Betreiber des Atomlagers Asse vor Gericht sehen will. Von Jörg Schindler

A wie Anklage -  das Zeichen seines Aufbegehrens hat Eckbert Duranowitsch an seinen Gartenzaun genagelt. Duranowitsch hat Leukämie. Er glaubt, dass die Krankheit mit seiner Arbeit im Atommülllager Asse zusammenhaengt. Beweisen kann er das nicht.
A wie Anklage - das Zeichen seines Aufbegehrens hat Eckbert Duranowitsch an seinen Gartenzaun genagelt. Duranowitsch hat Leukämie. Er glaubt, dass die Krankheit mit seiner Arbeit im Atommülllager Asse zusammenhaengt. Beweisen kann er das nicht.
Foto: ddp

Er zieht jetzt wieder ein Blatt aus seiner Mappe, es ist die Kopie eines Lieferscheins vom 31. Januar 1974. "Hier, sehen Sie!", ruft Eckbert Duranowitsch, und zeigt auf eine Spalte mit radioaktiven Strahlungswerten. 0,1 Curie stand da ursprünglich. Die Zahl aber ist durchgestrichen und durch eine 10,8 ersetzt worden. Noch später wurde sie dann offiziell auf 130 korrigiert. Von wem, ist unklar. "Eigenartig, oder?"

Eckbert Duranowitsch hat alles in seinen Ordnern gesammelt. Es sind Unterlagen aus vier Jahrzehnten, und es werden täglich mehr. Er hortet sie längst nicht mehr in seinem Familienheim am Rande von Wolfenbüttel, er hat sie ausgelagert, er ist misstrauisch geworden. Er bereitet sich vor auf einen zähen Kampf. Es geht um nicht weniger als um sein Leben. An seinen Gartenzaun hat er ein hölzernes gelbes A genagelt. A wie Anklage. A wie Angst. A wie Asse.

Der Asse-Skandal

Das frühere Salzbergwerk Asse wurde 1965 zum Versuchsendlager für radioaktiven Müll. Tatsächlich wurde es so genutzt, als sei es ein Endlager, teilte das Umweltministerium jüngst mit.

Die Gesellschaft für Strahlenforschung, später Helmholtz-Zentrum, lagerte 126 000 Fässer mit Atommüll ein. Bis Ende 2008 wurde der Schacht nach Bergrecht geführt. Nun betreibt es das Bundesamt für Strahlenschutz nach Atomrecht. Schließungstermin ist 2017. Offen ist, was mit dem Atommüll passiert.

Im Januar 1999 teilten Ärzte dem Maschinenschlosser mit, dass er Blutkrebs habe. "Leukämie, die Arschkarte", sagt Duranowitsch. Neun Jahre war es da her, dass er zuletzt im zwölf Kilometer entfernten berüchtigten Atommülllager Asse gearbeitet hatte. Er sah keinen Zusammenhang. Bis im Sommer 2008 erstmals Nachrichten auftauchten über einen kontaminierten "Laugesumpf", der sich tief unten im Berg, vor einer Kammer mit strahlenden Fässern, gebildet hatte. Bis die Öffentlichkeit anfing, Fragen zu stellen, auf die sie bis heute täglich seltsamere Antworten bekommt. Bis ihn Zweifel beschlichen, dass in dem ehemaligen Salzbergwerk wirklich alles so sicher war, wie man es ihm drei Jahre lang sagte.

Eckbert Duranowitsch ist 46 Jahre alt, ein stämmiger Mann mit Halbglatze und durchdringendem Blick. Er ist sich inzwischen sicher, woher seine Krankheit stammt. Am Montag hat er seine Strafanzeige und mehr als 300 Seiten brisanter Dokumente der Staatsanwaltschaft Braunschweig übergeben. Die reagierte ungewöhnlich schnell: Duranowitschs Angaben seien "so schlüssig, dass wir unmittelbar nach der ersten Sichtung die bisherigen Vorermittlungen auf förmliche Füße gestellt haben". Soll heißen: Im Skandal um das atomare "Versuchslager" Asse, das immer schon ein Endlager war, droht nun doch ein gerichtliches Nachspiel.

Es wird höchste Zeit, findet Duranowitsch. Nach wie vor führen ja täglich Kumpel ein in das Bergwerk, in dem zwischen 1967 und 1978 rund 126 000 Fässer schwach- und mittelaktiver Nuklearschrott entsorgt wurden. Und nach wie vor weiß niemand genau, welche Gefahr von dem Atommüll ausgeht, der bisweilen einfach nur mit Baggern über eine Böschung gekippt und danach mit Salz "eingepökelt" wurde.

Duranowitsch aber hat recherchiert - und festgestellt, dass er nicht der einzige krebskranke Ex-Kumpel ist. Seinem damaligen Kollegen Hans-Peter Behnke, einem 60-Jährigen mit dunkler Brille und Meckifrisur, haben sie Anfang 2006 ein Karzinom aus der Rachenwand geschnitten. Ein anderer Ex-Kollege, Hans-Jürgen B., ist 2001 an Leukämie gestorben. Und im Herbst, sagt Behnke, hätten sie einem, der noch einfährt in die Asse, eine Niere entfernt. "Auch 'n Tumor." Weitere Krebsfälle soll es gegeben haben. Aber sie reichen nach Ansicht des Münchner Helmholtz-Zentrums, das den Schacht bis Ende 2008 betrieb, nicht für eine "aussagefähige" Statistik.

Duranowitsch und Behnke sind indes "ins Nachdenken gekommen". Die beiden Ex-Kumpel wissen noch genau, wie das damals war, Ende der 80er Jahre, als sie täglich gemeinsam in den Untergrund gingen. Der Atommüll, neben dem sie regelmäßig Konvergenz- und Neigungsmessungen durchführten, sei in der Belegschaft "kein Thema" gewesen. War ja schon viele Jahre her, dass die letzten Atomfässer im Salz eingelagert worden waren.

"Groß abgesperrt war da nix", sagt Behnke. "Es hieß immer, eine Wanderung auf dem Brocken sei gefährlicher, als hier unten zu arbeiten", sagt Duranowitsch. Auch die Lauge, die damals schon von außen eindrang in den Schacht, sei für niemanden ein Problem gewesen. Auf manchen Sohlen sei die Brühe meterhoch gestiegen. Unten, auf der 750-Meter-Sohle, habe er mehrmals mit dem Schlauchboot durchfahren müssen. "Wird schon alles in Ordnung sein", dachte er damals.

Heute denkt er das nicht mehr. Heute kennt er Dokumente, wonach die Lauge stellenweise mit bis zu drei Millionen Becquerel Tritium pro Liter kontaminiert war - das ist das 20-fache des seinerzeit zulässigen Grenzwertes. Heute ahnt er, dass auch die Grubenluft, die er drei Jahre atmete, nicht so rein gewesen sein kann, wie man ihm sagte. Er will, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Deswegen hat er Anzeige erstattet: gegen die früheren Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums, gegen einen Professor, der bemerkenswerte Gutachten anfertigte, und gegen drei Strahlenschutzbeauftragte, von denen er glaubt, dass sie zu seinem Schutz nie etwas unternahmen.

Ob sein Fall aber je vor Gericht landen wird, darauf will in Niedersachsen niemand wetten. Außer bei Grünen und Linken herrsche im ganzen Land "eine gewisse Unlust an der Aufklärung", sagt BUND-Mann Tobias Darge. Der vom Landtag eingesetzte Untersuchungsausschuss, der am Donnerstag mit der Beweisaufnahme beginnt, habe Monate auf sich warten lassen. Die Befragung wichtiger Zeugen - darunter eine ehemalige Bundesumweltministerin namens Angela Merkel - werde von CDU und FDP blockiert.

Auch an der Unabhängigkeit der Justiz müsse "gezweifelt werden", sagt Darge. Es gebe Hinweise auf merkwürdige Kontakte zwischen Justizminister und Staatsanwaltschaft. Immerhin: Ein halbes Dutzend Anzeigen gab es bislang wegen der seltsamen Vorgänge in der Asse. Eine Anklage gab es noch nicht.

Autor:  JÖRG SCHINDLER
Datum:  24 | 6 | 2009
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