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Atomenergie in den USA: Klimaschutz mit Kernkraft

Präsident Barack Obama mag viel von Windrädern und Solarzellen reden. Doch im Zeichen des Klimaschutzes ist in den USA auch die Kernkraft im Aufwind. Den Traum von der Wiedergeburt der Kernenergie träumen einige. Seit 2007 sind 26 Genehmigungsanträge für neue Meiler gestellt worden. Von Andreas Geldner

Der Crystal River Energy Complex Nuclear Power Plant ist eines der größten Atomkraftwerke in den USA. Es befindet sich in Florida.
Der Crystal River Energy Complex Nuclear Power Plant ist eines der größten Atomkraftwerke in den USA. Es befindet sich in Florida.
Foto: dpa

Das Echo in der 100 Meter hohen Betonkuppel klingt wie in einer Kathedrale. Wer die Stahltreppen zur höchsten Plattform hochklettert und Richtung Reaktor blickt, blickt tief hinunter in die leeren Wasserbecken für die Brennstäbe. An manchen Stellen sieht die einstige Kathedrale des Fortschritts wie eine halb aufgeräumte Baustelle aus. Rampen aus Sperrholz, eilig gezimmerte Holzzäune und Plastikfolien erinnern daran, dass hier schon seit 21 Jahren Zwangspause herrscht.

Und noch immer ist die Zukunft des Kraftwerks Bellefonte im Norden von Alabama offen. Vier Milliarden Dollar sind hier zwischen 1979 und 1988 verbaut worden. Dann wurde die nie in Betrieb genommene Anlage als unrentabel eingemottet. Ende 2005 hatte ihr Eigentümer, die einst von Franklin Roosevelt in der Weltwirtschaftskrise gegründete Tennessee Valley Authority (TVA), Pumpen und Leitungen teils zum Schrottwert verscherbelt. "Wiedergewinnung von Investitionen" hieß das Abrissprogramm, das ein paar Millionen Dollar einbringen sollte - für ein neues Atomkraftwerk.

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Das Archivbild zeigt eine von Barack Obama genutzte Maschine, die über Harrisburg zum Middletown Flughafen in Pennsylvania fliegt.
Das Archivbild zeigt eine von Barack Obama genutzte Maschine, die über Harrisburg zum Middletown Flughafen in Pennsylvania fliegt.
Foto: dpa

Die immer noch in Staatsbesitz befindliche TVA hatte nämlich beschlossen, in Bellefonte ein Atomkraftwerk der neuesten Generation zu bauen. Dann explodierten die Kosten. Den Traum von der nuklearen Renaissance konnte das nicht stoppen: Nun denkt man darüber nach, die Atomruine aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Eine Wiederinbetriebnahme würde mit vier bis fünf Milliarden Dollar (rund 2,7 bis 3,4 Milliarden Euro) eine Milliarde weniger als ein Neubau kosten und wäre früher am Netz.

Präsident Barack Obama mag viel von Windrädern und Solarzellen reden. Doch im Zeichen des Klimaschutzes ist in den USA auch die Kernkraft im Aufwind. 2013 wird in Tennessee das seit 1988 eingemottete TVA-Kernkraftwerk Watts Bar 2 ans Netz gehen. Fünf Jahre später könnte Bellefonte folgen. Ob als Neubau oder "recycelte" Anlage ist noch nicht entschieden. Den Traum von der Wiedergeburt der Kernenergie träumen in den USA einige. Seit 2007 sind 26 Genehmigungsanträge für neue oder zu entmottende Meiler gestellt worden.

Ein Rundgang in Bellefonte ist eine Zeitreise in die 70er Jahre. Die vergilbten Zettel über den Schaltern in der Steuerungszentrale sind mit mechanischer Schreibmaschine geschrieben. Daneben stehen graue Telefone mit Wählscheiben und ein Telexgerät. "Ein Museum hat angefragt, ob es die Ausstattung bekommen kann", sagt Anlagenmanager Jim Chardos. Doch in vielen Kernkraftwerken auf der Welt, die aus derselben Zeit stammen, sehen die Steuerpulte nicht anders aus. "Bellefonte würde alle aktuellen Sicherheitsstandards erfüllen", sagt Projektleiter Dan Pratt. Die US-Atomindustrie wirbt eigentlich damit, dass neue Reaktoren sicherer seien. Aber am Ende entscheidet das Geld.

Angst vor einem öffentlichen Aufschrei müssen die Betreiber nicht haben. Der aus Tennessee stammende republikanische Senator Lamar Alexander forderte kürzlich den Bau von 100 neuen Kernkraftwerken, ohne dass sich großer Protest regte. Die größte Bremse ist der enorme Kapitalbedarf, der nach der Finanzkrise schwer zu stillen ist. "Es braucht sieben Milliarden Dollar, um einen Kernreaktor in Betrieb zu nehmen", sagt der Physiker Don Safer von Chattanoogas kleiner Anti-Atombewegung. Er würde das Geld lieber in Windräder und Solaranlagen investieren.

Doch der Traum von der billigen Energie ist in den USA nicht ausgeträumt. Die Verbrauchsprognosen der Stromkonzerne weisen nach oben. "Wir haben nie Energiesteuern wie in Europa gehabt. Alle Bundesstaaten konkurrieren um die niedrigsten Preise - und niemand will die Kosten für die Umwelt bezahlen", sagt der Journalist Harry Austin von Chattanoogas Tageszeitung.

"Wir Amerikaner sind eben große Energieverbraucher", sagt Ron Littlefield, der Bürgermeister der Stadt. "Was haben sie denn gegen Kernenergie? Es ist doch ungeheuer wirtschaftlich, so Strom zu produzieren", fragt Claude Ramsey, der Verwaltungschef der die Stadt umschließenden Hamilton County. Alternative Energie sei nur etwas fürs gute Gewissen. "Energie muss billig sein, dann bekommen sie Arbeitsplätze", sagt er - und denkt da auch an das Werk, das Volkswagen in Chattanooga aufbaut. Dank der TVA haben die von ihr versorgten Bundesstaaten mit die niedrigsten Stromkosten der USA - und den höchsten Verbrauch.

Chattanooga profitiert davon, dass man immer an die Zukunft der Atomenergie glaubte. Der Kraftwerkshersteller Westinghouse hat in einem neuen Trainingszentrum einen originalgetreuen Reaktor nachgebaut. Die Ausbildung zum Reaktortechniker war an der Universität der Stadt bisher ein Geheimtipp - nun stehen die Bewerber Schlange. In der Schar der jungen Gesichter im Klassenzimmer fällt ein älterer Mann auf. In den 80er Jahren hat Boyd Stetson in Kernkraftwerken gearbeitet. Dann stieg er aus: "Es ging nur noch abwärts." Doch nun lässt sich der 48-Jährige wieder zum Reaktortechniker umschulen. "Kohle zerstört unsere Erde, Erdöl zerstört sie - und Uran gibt es gerade genug in unserem Land", sagt er.

Das Personal der Kraftwerke ist überaltert, der Nachholbedarf enorm. Auch die Altanlagen sollen weiterlaufen - zwanzig, vielleicht vierzig Jahre länger als geplant. Das Atommüllproblem wird damit erst einmal um ein paar Jahrzehnte vertagt. Verbrauchte Brennstäbe kommen in Zwischenlager bei den Kraftwerken. Das einst geplante Endlager in Nevadas Yucca-Bergen ist politisch so tot wie Gorleben in Deutschland.

Unter George W. Bush wurden die Genehmigungsverfahren vereinfacht und er machte den Weg für Staatsbürgschaften frei. Barack Obama hat daran nichts geändert. Im September forderte sein Energieminister Steven Chu, die Bürgschaften zu verdoppeln. Ausgerechnet Obamas Abrüstungspolitik könnte der US-Nuklearindustrie billig Brennstoff sichern. Wie jüngst die New York Times enthüllte, stammt zurzeit die Hälfte des US-Atomstroms aus dem Material abgerüsteter russischer Sprengköpfe.

Autor:  Von Andreas Geldner
Datum:  23 | 11 | 2009
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