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Atomkraft: Das Terror-Risiko vor der Haustür

Nach dem Gipfel wird die Welt sicherer, sagen die Regierungschefs - und ignorieren die Gefahr von Anschlägen auf Atomanlagen. Von Steven Geyer und Franziska Schubert

Castor-Behälter  im Forschungszentrum  Jülich.
Castor-Behälter im Forschungszentrum Jülich.
Foto: dpa

Schon die kleinste Menge Plutonium, "ungefähr so groß wie ein Apfel", genüge, um Hunderttausende unschuldiger Menschen zu töten. So eindrucksvoll hatte US-Präsident Barack Obama gewarnt, als am Dienstag die Regierungsvertreter aus 47 Ländern zu einem Nukleargipfel in Washington zusammenkamen. Stolz verkündeten sie, die von ihnen vereinbarten Regeln helfen, den Zugriff von Terroristen auf hoch gefährliches Atommaterial zu verhindern. So werde man, triumphierte Obama, die "Welt sicherer machen".

Doch beim Blick auf die konkreten Vereinbarungen zweifeln Atomexperten in Deutschland an diesem großen Versprechen. Allein hierzulande könne weder das gesamte kursierende Atom-Material, noch der Umgang mit Atomexporten im Ausland kontrolliert werden. Vor allem seien die laufenden Atomkraftwerke völlig unzureichend gegen Terrorismus gesichert. "Echten Schutz bietet nur eins: der schnellstmögliche Ausstieg aus der Atomenergie", bilanziert die Vorsitzende der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW, Angelika Claußen.

Washingtoner Atomgipfel

Atomschmugglern drohen schärfere Strafen, Nuklearmaterial soll weltweit sicherer gelagert werden und in Reaktoren soll weniger hoch angereichertes Uran benutzt werden. Auf dieses Ziel einigten sich am Montag und Dienstag führende Politiker aus knapp 50 Staaten auf dem Atomgipfel in Washington.

Innerhalb von vier Jahren soll alles spaltbare Material sicher verwahrt sein, damit es nicht in die Hände von Terroristen und politischen Fanatikern fallen kann. Allerdings handelt es sich bei den Ergebnissen des Gipfels nicht um verbindliche Beschlüsse, sondern lediglich um Absichtserklärungen.

Mehrere Länder legten sich bei der Konferenz bereits auf konkrete Schritte fest. So wollen etwa die Ukraine, Mexiko und Kanada ihr hoch angereichertes Uran entsorgen. Die USA und Russland unterzeichneten ein Abkommen zur Vernichtung von je 34 Tonnen Plutonium vom Jahr 2018 an. Italien, China, Japan und Indien wollen Zentren zur Förderung von Technologien schaffen, die der nuklearen Sicherheit dienen.

Am Rande des Gipfels wurde zugleich deutlich, dass die Staatengemeinschaft entschlossener gegen den Iran und dessen Atomprogramm vorgehen will. US-Präsident Obama und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werteten es dabei als Fortschritt, dass der chinesische Staatspräsident Hu Jintao in Washington im Ringen um Iran-Sanktionen Zusammenarbeit signalisierte.

Die Nachfolgekonferenz des Atomgipfels soll 2012 in Südkorea stattfinden, was Merkel als "Symbol" wertete. Diese Region habe mit der Weiterverbreitung von Atomwaffen "ihre ganz besonderen Probleme", erklärte die Bundeskanzlerin in Washington. (dpa)

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace verweist auf zwei voneinander unabhängige Studien, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die deutschen Kraftwerke untersuchten. "Beide kamen zu dem Schluss, dass die meisten Atommeiler in Deutschland dem Aufprall einer Linienmaschine nicht standhalten würden", sagte Greenpeace-Atomexperte Mathias Edler der FR. Es gebe Berechnungen, dass ein derartiger Unfall oder Anschlag noch 25 Kilometer entfernt tödlich wirken würde.

Und längst brauche es dazu kein Flugzeug mehr, warnt Gerd Rosenkranz, Atompolitik-Experte der Deutschen Umwelthilfe. Inzwischen gebe es leicht zu transportierende Waffen, die man vom Boden abschießen könne und gegen die viele AKW ebenfalls nicht ausreichend gesichert seien.

Dagegen wirkt es fast banal, apfelgroße Stücke Plutonium erfassen zu wollen, damit sie kein Terrorist entwenden und für eine "schmutzige Bombe" nutzen kann - also einen konventionellen Sprengsatz, der radioaktiv belastet ist. Dennoch nahmen sich die Regierungschefs laut Abschlusserklärung vor, strahlende Materialien weltweit binnen vier Jahren zu erfassen und zu schützen. Das ist selbst im inzwischen gut konrollierten Deutschland aussichtslos, sagen die Experten.

"Allein beim Transport in den Rohrsystemen von Wiederaufbereitungsanlagen lagert sich stets Plutonium ab", sagt Umwelthilfe-Experte Rosenkranz. "Die Ein- und Ausgänge an einer solchen Anlage können also gar nicht auf so kleine Mengen geprüft werden, wie sie für eine schmutzige Bombe schon ausreichen würden." Hinzu kämen Forschungsreaktoren und Zwischenlager wie das Ex-Bergwerk Asse bei Wolfenbüttel. Gerade in den Anfangsjahren der Atomnutzung habe man dort stets nur mit geschätzten Mengen operiert - daher auch die Überraschung, was sich so alles Strahlendes in der Asse befunden habe."Allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, dass Terroristen ausgerechnet in Deutschland nach Plutonium suchen", sagt Greenpeace-Experte Edler. "In vielen Ex-Sowjetrepubliken könnten sie leichter daran gelangen, als hier in einen Schacht zu steigen." Man dürfe die Terror-Gefahr deshalb nicht vorschieben, wie es einige AKW-Befürworter tun, um eine Rückholbarkeit des Atommülls zu verhindern - wofür Greenpeace plädiert, falls es neue Erkenntnisse zur Endlagerung gibt.

Dennoch sei Fakt, dass früher die Gefährdung durch den Atommüll unterschätzt wurde, sagt auch Beate Kallenbach-Herbert, Abteilungsleiterin für Nukleartechnik und Anlagensicherheit beim Öko-Institut in Darmstadt. "Nach heutigen Maßstäben ist die Art und Weise nicht mehr zulässig, wie in den 60er Jahren atomare Abfälle eingelagert wurden." Heute sind jedoch die Vorschriften zur Dokumentation so genau, dass auch noch nach Jahrzehnten klar sei, was wo gelagert wird.

Gerade von vielen Schwellenländern, die jetzt AKW bauen wollen, sei dies jedoch anders, warnt Rosenkranz. "Als einer der ersten Schritte beendete Schwarz-Gelb nach fast zehn Jahren die Praxis, keine Bürgschaften für Atomexporte zu vergeben."

Wer aber gefährliches Material in Länder exportiere, deren Standards oder gar deren Absichten "wir nicht kontrollieren können", so Rosenkranz, "der trägt nicht zu einer sicheren Welt bei, sondern zu mehr Risiko".

Autor:  Steven Geyer und Franziska Schubert
Datum:  14 | 4 | 2010
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