Jahrelang ging es beschaulich zu, wenn das Deutsche Atomforum zu seiner Wintertagung nach Berlin lud. Man traf sich jeden Februar im Hotel Maritim, aß gut, traf Geschäftspartner, fühlte sich ungestört im Kreis einiger hundert Mitstreiter - und war sich einig: die Atomkraft, hier auf den wohlklingenderen Namen Kernenergie hörend, ein Segen für die Menschheit!
In der Hochzeit des AKW-Nee-Proteste schaltete man hier auf Konfrontation. Doch dann, unter Rot-Grün, wurde es kleinlaut auf den Podien des zweitägigen Forums der Atomlobby. Auch die Proteste vor dem Tagungsort waren angesichts des besiegelten Atom-Ausstiegs fast verstummt.
Seit aber eine CDU-Kanzlerin das Land regiert, der Klimawandel droht und die Strompreise explodieren, fühlt sich die Atomgemeinde wieder hoffähig. Selbstbewusst kündigt sie an, bei nächstbietender politischer Gelegenheit den Ausstiegskonsens kippen zu wollen. Vor genau einem Jahr konnte sich die Lobby im Ruf nach "Revision" des Ausstiegs sogar vom nunmehr gewesenen Sozialdemokraten Wolfgang Clement bestärken lassen. An diesem Mittwoch jedoch sah sich die Wintertagung von einer Kette von Ballon- und lichterschwenkenden Demonstranten umzingelt. In vorderster Reihe des Protestzugs, vorbei an den Hauptstadt-Dependancen der Stromkonzerne, hatte auch die gesamte Grünen-Spitze von Claudia Roth bis Jürgen Trittin die Demo-erprobten langen Unterhosen wieder hervorgeholt - auf dass sich die Gäste des Atomforums politisch warm anziehen müssten.
Der anschwellende AKW-Protest mit Polit-Prominenz ist Vorbote des Wahlkampfs. Denn die Bundestagswahl im Herbst wird für die 17 AKW hierzulande entweder längere Laufzeiten bringen oder das sukzessive Aus für sieben Meiler innerhalb einer Regierungsperiode. Wie schon bei den letzten Castor-Protesten versuchen AKW-Gegner deshalb jetzt der Renaissance der Atomkraft ein Revival ihrer Bewegung entgegen zu setzen. Nicht ohne Beifall: Einer aktuellen Greenpeace-Umfrage zufolge macht der Ausstiegskurs den Deutschen keine Angst. 59 Prozent fürchten nicht, dass dann eine Stromlücke droht oder die Lichter ausgehen. Seiten 18/19
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