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04. Dezember 2013

Atomkraftwerke : Schlecht auf Unfälle vorbereitet

 Von 
Sogar für Kinder sicher: Ein Modell des AKW Biblis.  Foto: Sascha Rheker

Fukushima zeigt, dass Deutschland nicht richtig auf Atomunfälle vorbereitet ist. An Vorschlägen für eine Verbesserung mangelt es nicht, aber das verantwortliche Ministerium hat es offenbar nicht eilig.

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Fukushima zeigt, dass Deutschland nicht richtig auf Atomunfälle vorbereitet ist. An Vorschlägen für eine Verbesserung mangelt es nicht, aber das verantwortliche Ministerium hat es offenbar nicht eilig.

Experten der Strahlenschutz-Kommission (SSK) warnen davor, dass ein schwerer Unfall in einem deutschen Atomreaktor deutlich mehr Menschen in Mitleidenschaft ziehen könnte als bisher erwartet. Sie dringen daher auf eine Ausweitung der Evakuierungszonen um die AKW-Standorte. Allerdings könnte es noch Jahre dauern, bis eine solche Regelung in Kraft treten würde. Kritiker halten das für fahrlässig.

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Die Kommission hat eine Empfehlung zu größeren Evakuierungszonen bereits im Oktober diskutiert, wie das Bundesumweltministerium jetzt bestätigte. Die zuständige SSK-Arbeitsgruppe hatte nach FR-Informationen vorgeschlagen, die Katastrophenschutzbehörden im Umkreis der Atomkraftwerke sollten eine zügige Evakuierung der Anwohner nicht mehr nur im Umkreis von zehn, sondern von 20 Kilometern sicherstellen. Außerdem sollen Jodtabletten für Kinder, Jugendliche und Schwangere für das gesamte Bundesgebiet vorgehalten werden, bisher gilt das nur im 100-Kilometer-Umkreis der Atomanlagen. Dies soll Schilddrüsen-Schäden vorbeugen, die durch radioaktiven Fallout entstehen können. Die Kommission berät die Bundesregierung.

Entscheidung erst im Februar

Die SSK traf im Oktober noch keine Entscheidung, sondern beschloss, zuerst noch „die Überarbeitung der radiologischen Grundlagen“ abzuwarten, wie das Ministerium in einer Antwort auf eine Grünen-Anfrage mitteilte. Derzeit wird der Entwurf zur Ausweitung der Zonen im Medizinausschuss der Kommission beraten.

Eine Entscheidung könnte die SSK frühestens auf der nächsten Sitzung im Februar treffen. Wenn die Kommissionsempfehlung vorliegt, werde das Ministerium dann „auf dieser Basis einen Entwurf für ein Konzept für Notfallschutzmaßnahmen erarbeiten“, sagte eine Sprecherin der FR. Das kann dauern. Bei der jüngsten Veränderung der entsprechenden Rahmenempfehlungen im Jahr 2008 vergingen laut Ministerium rund zwei Jahre vom SSK-Beschluss bis zur Veröffentlichung im „Gemeinsamen Ministerialblatt“.

Die Evakuierungsempfehlungen müssen formal von der Innenministerkonferenz beschlossen werden, die zweimal im Jahr zusammentritt. Beim nächsten Treffen der Innenminister, das am morgigen Donnerstag beginnt, steht das Thema AKW-Notfallschutz zwar auf der Tagesordnung, ein Beschluss ist aber mangels Vorgaben nicht geplant.

Enormer Planungsaufwand


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Die Empfehlungen der SSK-Arbeitsgruppe beruhen auf einer Neubewertung des Risikos, die das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) nach der Erfahrung mit Fukushima vorgenommen hatte. Das BfS befasste sich nach dem Super-GAU in Japan 2011 mit der Frage, wie weit und wie stark sich die radioaktiven Emissionen verteilen, wenn – wie im Fall Fukushima geschehen – radioaktive Stoffe über einen längeren Zeitraum freigesetzt werden, und führte entsprechende Berechnungen für die hiesigen Verhältnisse rund um die AKW-Standorte durch.

Die Folgen waren einschneidend: Der Radius der sogenannten Zentralzone für die Evakuierung, die im Katastrophenfall binnen sechs Stunden komplett geräumt sein muss, soll laut SSK-Arbeitsgruppe von zwei auf fünf Kilometer erweitert werden. Die bisher in zwölf Sektoren eingeteilte „Mittelzone“ würde durch die Ausweitung von zehn auf 20 Kilometer flächenmäßig vervierfacht. Sektoren, die in Windrichtung liegen, sollen innerhalb von 24 Stunden evakuiert werden.

Die Folge wäre, dass mehr Landkreise als bisher Pläne erstellen müssten, um die Bevölkerung aus der Gefahrenzone zu bringen und ihnen Notunterkünfte zur Verfügung stellen zu können. Langfristige Umsiedlungen würden zudem künftig in Regionen um AKW-Standorte vorgeschrieben sein, in denen eine jährliche Strahlendosis von über 50 Millisievert (mSv) erwartet wird. Bisher gilt hierfür ein Wert von 100 mSv. Entsprechend größer würden die Sperrzonen. In Japan gelten bereits Gebiete ab 20 mSv als unbewohnbar.

Einheitliche Vorgehensweise angestrebt

Das Bundesumweltministerium setze sich dafür ein, die Diskussionen über eine Anpassung des Notfallschutzkonzeptes „zügig zu führen“, hieß es. Es lasse sich derzeit aber nicht genau sagen, wann der Prozess abgeschlossen sein wird.
Man habe auch angestoßen, dass auch in anderen europäischen Ländern darüber gesprochen werde – „insbesondere in den Nachbarstaaten, die Kernkraftwerke betreiben“. Man strebe „eine möglichst einheitliche Vorgehensweise für Maßnahmen bei kerntechnischen Unfällen“ an.

Der SSK-Vorsitzende, der Essener Professor Wolfgang-Ulrich Müller, hatte gegenüber der FR unlängst bemerkt, Deutschland sei das einzige Land in Europa, „dass sich Gedanken in diese Richtung macht“. Dies sei zwar kein Grund, die Evakuierungszonen falls nötig nicht auszuweiten, müsse aber trotzdem in die Überlegungen einbezogen werden.

AKW werden störanfälliger

Atomgegner halten es für nicht nachvollziehbar, dass über zweieinhalb Jahre nach Fukushima „immer noch keine Konsequenzen für den Katastrophenschutz gezogen wurden“, wie Jochen Stay von der Organisation „ausgestrahlt“ der FR sagte. „Eine weitere Verzögerung darf es nicht geben, denn die Atomkraftwerke werden immer älter und störanfälliger.“ Es dränge sich der Verdacht auf, dass durch bürokratisches Klein-Klein die Veröffentlichung der neuen Pläne verzögert werden solle, um Kosten für die Vorbereitung großflächiger Evakuierungen zu sparen. „Der Schutz der Bevölkerung hat offensichtlich keinen Vorrang“, befürchtet Stay.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl kommentierte, Verbesserungsbedarf beim AKW-Katastrophenschutz habe schon vor Fukushima bestanden. Umso mehr stehe die Bundesregierung nun in der Pflicht, schnelle Abhilfe zu schaffen. „Wenn sie weiter so im Schneckentempo arbeitet, sind einige AKW bereits abgeschaltet, bevor die Verbesserungen Realität werden.“

Die Grüne vermutet, dass zunächst wieder Jahre ins Land gehen werden, bis die neuen Regeln in die Praxis umgesetzt sind. Schon allein die notwendige bundesweite Vorhaltung von Jodtabletten sei eine Herkulesaufgabe.

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