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29. Januar 2015

Atommüll: Neue Zwischenlager gefordert

 Von 
Immer ein bisschen wie Endzeit-Science-Fiction: ausgestellte Castorenbehälter.  Foto: REUTERS

Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister fordert den Neubau von Zwischenlagern für den Atommüll. Hier könnten jene 26 Castoren locker unterkommen, die Deutschland in den nächsten Jahren noch aus Frankreich und Großbritannien zurücknehmen muss und die nicht in Gorleben unterkommen dürfen.

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Gorleben – das ist nicht nur das vorerst gestoppte Endlagerprojekt, dort steht auch ein Atom-Zwischenlager. In die umzäunte Betonhalle im Wald im Wendland passen 420 Castoren. Belegt ist sie bisher erst mit 113 dieser Behälter. Hier könnten jene 26 Castoren locker unterkommen, die Deutschland in den nächsten Jahren noch aus Frankreich und Großbritannien zurücknehmen muss. Sollen sie aber nicht – so steht es im Endlager-Gesetz.

Die Gorleben-Gegner von der BI Lüchow-Dannenberg treibt neuerdings die Sorge um, dass der umkämpfte Standort im Wendland nun doch wieder dafür ausgedeutet werden könnte. CDU- und FDP-Politiker aus Schleswig-Holstein haben das bereits gefordert. Die BI will nun klare Zusagen, dass Gorleben für die Castor-Fuhren tabu bleibt. „Ein Eingreifen der Bundesumweltministerin ist überfällig“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke.

Eigentlich war alles klar: Bund und Länder hatten sich bei den Verhandlungen über den Atomkonsens vor zwei Jahren darauf geeinigt, Niedersachsen zu entlasten. Es sollte keine weiteren Castor-Transporte nach Gorleben geben – und damit keine neuen Schlachten zwischen Atomgegnern und Polizei. Man kam damit den Forderungen des Bundeslandes entgegen, das mit Asse, Schacht Konrad und Gorleben die Hauptlast der deutschen Atommüll-Politik trägt.

Zwei Bundesländer erklärten sich dann grundsätzlich bereit, einen Teil der mittel- und hochradioaktiven Abfälle aus der Wiederaufarbeitung in La Hague und Sellafield aufzunehmen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg. Doch nun droht Schleswig-Holstein ganz auszufallen. Und ein drittes, unionsgeführtes Land, dessen Zusage für eine Castor-Einlagerung die rot-grüne Regierung in Kiel und die grüne-rote in Stuttgart zur Bedingung machen, fehlt sowieso immer noch.

Auslöser der neuen Kalamitäten ist das jüngste Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zum Zwischenlager am stillgelegten AKW Brunsbüttel an der Unterelbe. Kiel hatte angeboten, Castoren aus der britischen Atomfabrik Sellafield dort einzulagern – das wäre vergleichsweise leicht zu machen, nämlich direkt auf dem Seeweg. Nachdem die Leipziger Richter die Betriebserlaubnis für das Lager wegen ungeklärter Sicherheitsfragen kassierten, sprach Landesumweltminister Robert Habeck (Grüne) zwar eine Duldung bis 2018 aus. Allerdings gilt sie nur für die neun bereits dort lagernden Behälter. Sie könnten schließlich „nicht einfach in Brunsbüttel auf den Parkplatz gestellt werden“, meinte er. Zusätzliche Castoren könnten in das Lager nicht eingelagert werden – also weder jene zwölf Behälter, die aus dem Reaktorkern von Brunsbüttel beladen werden sollen, noch die aus Sellafield.

Habeck sieht auch kaum Chancen, die Sellafield-Castoren an den beiden anderen schleswig-holsteinischen AKW-Standorten, Brokdorf und Krümmel, unterzubringen. Im Zwischenlager am AKW Brokdorf, wo von 100 Castor-Stellplätzen bisher 26 belegt sind, wäre zwar theoretisch noch Platz. Doch falls Brunsbüttel-Betreiber Vattenfall den Antrag stelle, seine insgesamt 21 Castoren dort unterzubringen, so Habeck, sei diese Option hinfällig.

Die restlichen Castor-Plätze werden für die abgebrannten Brennelemente gebraucht, die in Brokdorf noch bis zur Stilllegung 2021 anfallen. Das Zwischenlager am AKW Krümmel wiederum, wo 80 Castor-Plätze genehmigt sind, bietet ebenfalls nicht ausreichend Platz. Zudem müssten die Castoren dann entweder auf der Elbe mitten durch Hamburg geschippert oder auf den Zug umgeladen werden, um an den Standort zu gelangen, der 40 Kilometer südlich der Millionenstadt liegt.


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Habeck sagte, sein Land stehe zwar weiter dazu, Castoren aufzunehmen, das nütze dem Bund aber nichts, „wenn es an einem Standort kein genehmigtes Zwischenlager mehr gibt und an den anderen keine Kapazitäten mehr vorhanden sind“.

Der Druck in der Frage auf Hendricks wächst. Die Ministerin hat es wie ihr Vorgänger Peter Altmaier (CDU) bisher nicht geschafft, ein Unionsland dazu zu bewegen, einen Teil der Strahlenfracht aufzunehmen – infrage kämen Hessen und Bayern. Noch hat sie die Hoffnung, dass Schleswig-Holstein doch nicht wegbricht. Sie sei „froh, dass die Landesregierung ihre Zusage nicht grundsätzlich infrage stellt, sondern auf die nun entstandenen Schwierigkeiten hinweist“.

Man werde mit Kiel klären, „welche Optionen für eine Unterbringung von Castoren in Schleswig-Holstein bestehen“, versichert Hendricks. Denkbar wäre, dass Vattenfall eine neue Betriebserlaubnis für das Brunsbüttel-Lager beantragt oder sogar eine Verfassungsklage anstrengt, um den Entzug der alten Genehmigung zu kippen. Dann könnten die Castoren aus Sellafield eventuell doch noch dorthin kommen. Bei Vattenfall heißt es, über das Vorgehen sei noch nicht entschieden.

Habeck allerdings schwebt etwas ganz anders vor. Er forderte ein neues „nationales Zwischenlagerkonzept“. Man müsse darüber nachdenken, „größere, sicherere Zwischenlager an anderen Standorten zu bauen“. Diese könnten dann die bisher an den AKW-Standorten eingelagerten Castoren aufnehmen.

Tatsächlich erscheint der ursprüngliche Zeitplan obsolet, wonach die Zwischenlager nach maximal 40 Jahren Betriebszeit geräumt werden sollen. Das wäre in den 2040er Jahren. Bis dahin wird das geplante Atom-Endlager nach Expertenschätzung nicht betriebsbereit sein, um den Nuklearmüll aufzunehmen. Überall an den existierenden Standorten befürchteten die Anwohner, „dass Zwischenlager zu Endlagern werden“, sagte Habeck zur Begründung seines Vorstoßes.

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