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Auch andere hoffen auf Unabhängigkeit

Russlands Anerkennung der abtrünnigen georgischen Provinzen hat im Vielvölkerstaat Hoffnung geweckt - nicht allein Tatarstan träumt von mehr Autonomie


Foto: FR-Infografik

Hat Russlands Präsident Dmitri Medwedew da vielleicht einen Fehler gemacht? Eduard Schewardnadse glaubt das. Der frühere sowjetische Außenminister und georgische Präsident gab vorige Woche ausdrücklich zu Protokoll: "Wenn man Abchasien und Südossetien anerkennt, dann kann man einer Republik wie Tschetschenien nicht vorwerfen, dass sie das auch haben will. Oder Dagestan. Oder Tatarstan. Kann man die dann nicht auch anerkennen?", fragte er im niederländischen Rundfunk.

Zu diesem Zeitpunkt zirkulierte im Internet bereits ein Aufruf der nationalistischen tatarischen Partei Ittifak (Einheit). Die Organisation, die in den Wendejahren in Tatarstan als erste aktiv wurde, bezichtigt darin die russische Führung des Imperialismus nach innen und außen; die kleinen Völker fielen ihm zum Opfer. Tatarstan müsse nun endlich, erstmals seit 1552, unabhängig von Moskau werden. Ittifak ist eine kleine Partei. Sie genießt aber Sympathien, nicht nur unterschwellige.

Auch der Präsident der Republik an der Wolga (knapp vier Millionen Einwohner, davon 53 Prozent Tataren, Hauptstadt Kasan), Mintimer Schajmijew, wird nicht müde, die Direktwahl der Republik-Präsidenten und Gouverneure wieder einzufordern. Wladimir Putin hatte sie 2004 abgeschafft.

Freilich hat Schajmijew den Unabhängigkeitstendenzen seit Jahren die Spitze genommen. Tatarstan erfreut sich eines "Kompetenzabgrenzungsvertrags" mit Russland, den es noch in der Jelzin-Zeit fast von gleich zu gleich mit Russland abgeschlossen hat, und der erst vor einem Jahr - etwas reduziert - erneuert wurde.

In Tschetschenien ist Ramsan Kadyrow durch Putins Machtpolitik ans Ruder gekommen. Er waltet, gestützt auf einen brutal kämpfenden Miliz-Apparat, so unabhängig von Moskau, dass seine tschetschenischen Gegenspieler ihm gewisse Anerkennung zollen.

Etwa Ahmed Sakajew. Der Exilvertreter des - 2005 ermordeten - regionalen Ex-Präsidenten Aslan Maschadow, erklärt "den Entkolonisierungsprozess für abgeschlossen". Er fordert für die kaukasische Republik (1,1 Millionen Einwohner, 93 Prozent Tschetschenen, Hauptstadt Grosny) Demokratie; dann würde er vielleicht mitspielen.

Sakajew hat es im Widerstand längst mit einer anderen Kraft zu tun, den radikalen Islamisten. Deren Führer Dokku Usmanow will ein "Emirat Nordkaukasus" und agitiert - auch mit Sprengstoff - unter anderem in Dagestan (2,6 Millionen Einwohner, mehr als dreißig Nationalitäten, Hauptstadt Machtschkala). Auch in Dagestan sind die Russen längst eine Minderheit (zwölf Prozent), doch die ethnische Zersplitterung und die Rivalität verschiedenster Clans verhindert eine einheitliche Unabhängigkeitsbewegung.

Dagestan, Tschetschenien und Tatarstan haben eins gemeinsam: Sie verfügen über Erdöl und Erdgas oder wichtige Pipelines. Das stärkt Verhandlungspositionen, macht aber auch abhängig. Dies erfährt der unumstrittene Herr der an Tatarstan grenzenden Republik Baschkortostan (Baschkirien, vier Millionen Einwohner, je eine Million Baschkiren und Tataren, Hauptstadt Ufa). Murtasa Rachminow und sein Clan herrschen unangefochten wie Tataren-Chef Schajmijew und liebäugeln mit der Idee, den bestehenden Vertrag mit Moskau erheblich zu erweitern. Dann könnten aber auch die (russischen) Nachbarregionen im Ural und in Sibirien mitziehen. Und das an Diamanten reiche Jakutien (Hauptstadt Jakutsk).

An der Wolga wiederum sehnt sich ein kleines finno-ugrisches Volk, die Mari, nach dem Recht auf eigene Wege. In Mari-El (727 000 Einwohner, knapp die Hälfte Mari) leben Naturreligionen weiter, deren Anhänger wie die dortigen Muslime und Protestanten unter russisch-orthodoxer Repression leiden. Schewardnadses rhetorische Frage wird dort gehört.

Autor:  KARL GROBE
Datum:  2 | 9 | 2008
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