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Loveparade: Auftritt der Unschuldigen

Zum ersten Mal seit der Loveparade-Katastrophe saßen sich die Verantwortlichen der Stadt, des Veranstalters sowie der Polizei gegenüber. Aufklärung brachte der Ausschuss jedoch nicht.

        

„Keine schnellen Lösungen“: Duisburgs OB Adolf Sauerland.
„Keine schnellen Lösungen“: Duisburgs OB Adolf Sauerland.
Foto: rtr
Düsseldorf –  

Sechs Wochen nach der Loveparade gibt es noch immer keine Schuldigen. Zum ersten Mal seit der Techno-Veranstaltung Ende Juli, bei der 21 Menschen ums Leben kamen, saßen sich die Verantwortlichen der Stadt, des Veranstalters Lopavent sowie der Polizei im Innenausschuss des Düsseldorfer Landtags gegenüber. Sie würdigten einander keines Blicks. Erstmals trat auch CDU-Oberbürgermeister Adolf Sauerland auf. Mit Schweißperlen auf der Stirn saß er wortkarg im vollen Saal.

Schnell nahm der Duisburger Stadtchef die Opferrolle ein. „Alle Duisburger und ich besonders leiden entsetzlich unter diesem schrecklichen Unglück“, sagte Sauerland mit brüchiger Stimme. „21 Tote bedeuten ein immenses menschliches Leid und damit eine Bürde, die mich und meine Kollegen und Kolleginnen gewiss unser Leben lang nicht mehr verlassen wird.“ Die Aufarbeitung der Katastrophe sei zu komplex, „als dass man es bei schnellen Lösungen belassen könnte“.

Deshalb habe er sich entschlossen, trotz eines „fast beispiellosen öffentlichen Drucks mein Amt auszuüben“. Diese Form der Aufklärung sei er auch den Opfern und Hinterbliebenen schuldig. Der 55-Jährige saß geduckt neben seiner Juristin Uta Jasper, die aufrecht, mit fester Stimme und erkennbarer Überzeugung die Stadt von Verfehlungen frei sprach.

Dies tat allerdings auch erneut der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) – allerdings sprang er für die ihm unterstellte Polizei in die Bresche. Selbst wenn die Beamten Fehler gemacht haben sollten, so die Logik des Sozialdemokraten, sei daran der Veranstalter Schuld: „Es ist unrealistisch, bei dem unfassbaren Chaos auf Veranstalterseite einen fehlerfreien Polizeieinsatz zu erwarten.“

Zentraler Punkt aller Fragen der Abgeordneten sind immer noch eine Reihe von Fehlentscheidungen, die offenbar die verheerende Massenpanik im Tunnel ausgelöst haben. Dort wurden die Besucher im dichten Gedränge zu Tode erdrückt. Aber wie konnte es überhaupt zu diesem Gedränge kommen?

Laut Innenministerium hat Lopavent die Schleusen zum Hauptgelände erst um zwölf Uhr geöffnet, obwohl dort schon ab zehn Uhr morgens Menschen auf Einlass gewartet hatten. Dies habe zu einem sehr frühen Stau geführt. Der Veranstalter hingegen bemängelt die Polizeiketten, die auf den Zugangsrampen die Menschen an der Flucht gehindert und sie erst in den Tunnel gedrängt hätten.

„Lopavent hat die Loveparade nicht alleine geplant“, sagte der Anwalt des abwesenden Geschäftsführers Rainer Schaller. Es habe zahllose Sitzungen mit Experten der Landespolizei gegeben. „Die Polizei fühlte sich für die Sicherheit der Parade verantwortlich.“ Als Beweis zitierte der wie ein Staatsanwalt auftretende Jurist eine Pressemitteilung des Innenministeriums einen Tag vor der Veranstaltung, in der das Sicherheitskonzept der Polizei gelobt wird. „Wer hat den Befehl gegeben, eine Polizeikette im unteren Bereich zu bilden?“, so der Anwalt. Und wer habe befohlen, die Eingangsschleusen zu öffnen?

Das Szenario ist auch politisch motiviert: OB Sauerland gehört zur CDU, Minister Jäger zur SPD

Antworten konnte dieser Ausschuss zunächst nicht liefern. Vielmehr bot die Veranstaltung Gutachtern und Politikern eine willkommene Gelegenheit, auf den Gegner zu zeigen. Die öffentlich zelebrierte Konfrontation im Düsseldorfer Landtag war nicht zuletzt auch politisch motiviert: Der erst wenige Tage vor der Loveparade zum Minister berufene Ralf Jäger gehört der SPD an, CDU-Oberbürgermeister Adolf Sauerland ist Christdemokrat – ausgerechnet in Duisburg, im Wahlkreis von Jäger.

Bislang müssen die Betroffenen selbst darauf beharren, niemandem voreilig die Schuld zuzuweisen. Der Rechtsanwalt der Loveparade-Opfer, Gerhart Baum, rechnet noch mit monatelangen Ermittlungen bis zur juristisch sauberen Klärung der Schuldfrage. „Ich kann mir vorstellen, dass es überschneidende Verantwortungsbereiche für das Unglück gegeben hat“, sagte der FDP-Politiker und frühere Bundesinnenminister am Donnerstag. Erst nach Abschluss der Ermittlungen werde sich endgültig herausstellen, wer strafrechtlich oder zivilrechtlich zur Verantwortung gezogen werden könne.

Autor:  Annika Joeres
Datum:  2 | 9 | 2010
Kommentare:  5
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