Berlin. Zum ersten Mal ohne die Spitzen des Zentralrates der Juden hat die Feierstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag stattgefunden. Der Generalsekretär der Organisation, Stephan Kramer, begründete das Fernbleiben damit, dass die Vertreter des Zentralrates seit Einführung des Gedenktages durch Bundespräsident Roman Herzog 1996 noch nie begrüßt worden seien. Dabei seien sie doch Überlebende des Holocaust.
Es mute "schon ein wenig bitter an, dass die Überlebenden an der Spitze dieser Spitzenverbände nur als Zaungäste betrachtet werden", kritisierte Kramer. Wiederholte Anfragen seien mit der Begründung zurückgewiesen worden, das Protokoll sehe eine solche Begrüßung nicht vor. Er frage sich, ob es "nicht ein vernünftiges, ein gutes, ein sinnvolles Signal" wäre, wenn vom Protokoll Abstand genommen werde, sagte der Generalsekretär, "und die anwesenden Überlebenden, solange sie noch leben, begrüßt werden".
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Kramer beklagte darüber hinaus eine "fortschreitend um sich greifende Feindschaft gegen Juden, mehr und mehr auch in der Mitte der Gesellschaft". Während des Krieges in Gaza habe die Zahl der "Hass-Mails an den Zentralrat um 40 Prozent auf 200 bis 300 pro Woche zugenommen".
Bundestagspräsident Norbert Lammert bedauerte die Absage. Er habe davon aus der Zeitung erfahren, sagte der CDU-Politiker, und finde sie unverständlich. Bundespräsident Horst Köhler erklärte in seiner Ansprache, er sei dankbar, wenn er erlebe, wie Juden und Angehörige anderer Opfergruppen des NS-Regimes "uns die Hand zur Versöhnung reichen". Köhler: "Ich bin froh darüber, dass die Präsidenten der Lagergemeinschaften der ehemaligen Konzentrationslager heute hier sind."
Der Bundespräsident zeigte sich erfreut, dass in Deutschland die jüdischen Gemeinden wüchsen und neue Synagogen gebaut würden. Es sei jedoch eine Schande, "dass die Orte jüdischen Lebens von der Polizei vor alten und neuen Extremisten geschützt werden" müssten. Köhler: "Stellen wir uns an die Seite unserer jüdischen Landsleute. Wer sie angreift, greift uns alle an."
Die Verantwortung, die aus den Verbrechen während der Nazizeit erwachse, sei heute Teil der deutschen Identität, betonte das Staatsoberhaupt. Der erste Artikel des Grundgesetzes, "die Würde des Menschen ist unantastbar", sei die direkte Antwort auf die Erfahrung der Hitler-Diktatur. Die Lehren aus dieser Vergangenheit gehörtem "zum Fundament unseres Selbstverständnisses als Nation".
Köhler und Bundestagspräsident Lammert unterstrichen in ihren Reden die Bedeutung der Erinnerung durch Zeitzeugen, aber auch durch Geschichtsprojekte junger Menschen. Diese Art der Erinnerung werde immer wichtiger, da es bald keine unmittelbar Überlebenden der Unterdrückung und Verfolgung mehr geben werde. Lammert erinnerte an ein Wort des jüdischen Schriftstellers Eli Wiesel, dass jeder, der einem Zeitzeugen zuhöre, selbst zum Zeitzeugen werde.
Am Holocaust-Gedenktag werde aller NS-Opfer gedacht, hob der Parlamentspräsident hervor, der Juden, Sinti und Roma, der Zwangsarbeiter, Homosexuellen, der politischen Gefangenen, der Kranken und Behinderten sowie aller "zu Feinden des Nationalsozialismus erklärten Menschen". Der 1996 in Deutschland eingeführte Gedenktag wurde 2005 von den Vereinten Nationen zum internationalen Holocaust-Gedenktag erklärt. Es ist der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.
Im Rahmen der Feierstunde im Plenarsaal des Bundestages trugen Abiturientinnen der Berliner Sophie-Scholl-Oberschule aus dem Buch "Kinder über den Holocaust" vor. An der Feierstunde nahmen unter anderem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, der amtierende Bundesratspräsident Peter Müller sowie der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier teil.
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