Herr Cywinski, ich wollte mit Ihnen über den dramatischen Zustand der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau sprechen.
Dramatisch ist übertrieben, aber die Situation ist Besorgnis erregend.
Piotr Cywinski ist seit 2006 Leiter des Museums Auschwitz-Birkenau. Er wurde 1972 als Sohn eines Exil-Polen geboren. Viele Jahre verbrachte er in der Schweiz und in Frankreich. Er studierte Geschichte und war Europavorsitzender des Weltverbands katholischer Akademiker und Künstler "Pax Romana". Der ehemalige polnische Außenminister und Botschafter in Wien Wladyslaw Bartoszewski holte ihn 2000 als Sekretär ins Internationale Auschwitz Komitee.
Das staatliche Museum Auschwitz ist eine Gedenkstätte, die an die Morde und die Lager während der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg erinnert. Sie umfasst die beiden früheren Konzentrationslager Auschwitz I und Auschwitz-Birkenau - das größte deutsche Vernichtungslager. In die Konzentrationslager in Auschwitz wurden mehr als 1,3 Millionen Menschen aus ganz Europa deportiert. Geschätzte 1,1 Millionen Menschen wurden ermordet, eine Million Opfer waren Juden. Etwa 900 000 der Deportierten wurden direkt nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet und erschossen.
Lesen Sie im Frankfurt-Blog der FR mehr über den Frankfurter Auschwitz-Prozess
Darf ich Sie als Direktor der Gedenkstätte und als Katholiken zunächst um einen Kommentar zur aktuellen Aufregung um Papst Benedikt XVI. bitten? Was halten Sie davon, dass er die Exkommunikation gegen den britischen Bischof und Holocaust-Leugner Richard Williamson aufgehoben hat?
Die Holocaust-Leugnung ist eine böse Sache, und es macht keinerlei Unterschied, ob der Leugner ein Pseudohistoriker ist oder ein katholischer Bischof. Aber gerade weil die Nazis gezielt eine religiöse Gemeinschaft ausrotten wollten, ist diese Lüge aus dem Mund eines Bischofs besonders unerträglich.
Auch der Zeitpunkt, den der Papst gewählt hat, zeugt von wenig Sensibilität. Heute, zwei Tage nach dem Gnadenakt des Papstes, wird in Auschwitz-Birkenau der Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers gedacht. In Deutschland ist der 27. Januar der offizielle Holocaust-Gedenktag. Und nun vermelden Sie, dass die Gedenkstätte vom Verfall bedroht ist.
So ist es. Wenn wir nicht bald mit umfassenden Sanierungsarbeiten beginnen, werden wir in zehn Jahren über einen gefährlichen Zustand reden müssen.
In einigen Baracken werden die Dächer nur noch von provisorischen Stützpfeilern gehalten.
Die Steinbaracken in Birkenau sind in der Tat in einem sehr schlechten Zustand. Die wurden auf feuchtem Untergrund gebaut und haben kein starkes Fundament. Im Winter vereist der Boden, und wenn er im Frühjahr wieder auftaut, bewegt sich der Boden. Das hat zur Folge, dass sich tiefe Risse durch die Steinbaracken ziehen. Die Steinbaracken passen sich im Gegensatz zu den Holzbaracken nicht dem schwankenden Boden an. Wir müssen die Fundamente der Steinbaracken in naher Zukunft dringend stärken.
Wie viele Gebäude sind marode?
50 Steinbaracken. Eine Menge also.
Und wie viel Geld brauchen Sie?
Für eine schrittweise, umfassende Sanierung werden wir ungefähr 20 Jahre brauchen, und in jedem Jahr benötigen wir fünf Millionen Euro. Wenn wir von heutigen Kosten ausgehen, rechnen wir mit insgesamt 100 Millionen Euro für die Komplettsanierung.
Es fehlen Ihnen fünf Millionen Euro im Jahr, und keiner hilft?
Bislang nicht. Wir erhalten regelmäßig nur Geld vom Staat Polen, der seit Ende des Zweiten Weltkriegs der größte Geldgeber ist. Wir reden von ungefähr 2,5 Millionen Euro pro Jahr. Hinzu kommen weitere 2,5 Millionen Euro, die wir durch den Verkauf von Büchern und durch Führungen einnehmen. Mit dem Geld können wir nur das Nötigste machen.
Aus dem Ausland kommt nichts?
Sie müssen wissen: Die finanzielle Hilfe aus dem Ausland macht insgesamt nur ein bis fünf Prozent unseres Gesamtetats aus. Meistens haben wir nur für vereinzelte Projekte Geld von ausländischen Spendern erhalten, manchmal für besonders dringende Sanierungsarbeiten, aber wie gesagt: Wir reden jetzt von ganz anderen Summen, um den drohenden Verfall zu stoppen.
Wie wollen Sie das Geld aufbringen?
Wir haben jetzt eine Stiftung gegründet: mit einer deutlichen Botschaft an die EU-Staaten. Unser Ziel ist es, einen Fonds mit 120 Millionen Euro zu schaffen, der uns jährlich drei bis fünf Millionen Euro Zinsen einbringen könnte, die wir dann für ein dauerhaftes Hilfsprogramm verwenden könnten. Wir reden immerhin von einem Gelände von 200 Hektar Größe, von 155 Gebäuden, 300 Ruinen. Von den vielen kleinen notwendigen Renovierungsarbeiten, die auf uns zukommen, ganz zu schweigen.
Die Bundesregierung hat bereits erklärt, sie sehe sich in der Pflicht, etwas in diesen Fonds einzuzahlen.
Ja.
Umgekehrt heißt das aber auch: Die Bundesrepublik Deutschland hat bislang nichts gezahlt?
In den 1990er Jahren hat die Bundesregierung uns etwas gezahlt, auch einige Bundesländer haben sich damals noch an der Erhaltung unserer Gedenkstätte beteiligt. Mit dem Geld privater Spender aus Deutschland kamen damals insgesamt etwa 20 Millionen Euro zusammen. An der Tatsache, dass wir unentwegt gegen die Zeit kämpfen, heute mehr denn je, änderte dieses Geld aber nichts.
Kämpfen Sie auch mit Vertretern der Bundesrepublik darum, dass Deutschland seiner moralischen Verpflichtung stärker nachkommt?
So könnte man es sehen. Wobei ich die Erhaltung unserer Gedenkstätte zwar auch als eine historische Verpflichtung ansehe, aber nicht nur: Für mich geht es auch um unsere gemeinsame Zukunft in der Europäischen Union. Der Zweite Weltkrieg hat die Staaten Europas gelehrt, grundlegend anders miteinander umzugehen. Nun haben wir die EU, aber gerade junge Leute sehen in ihr mehr ein bürokratisches Konstrukt als einen Garanten für Menschenrechte, für Frieden. Dies ist aber der wahre Sinn der Europäischen Union - und Auschwitz-Birkenau ist der Ort, an dem dieser Sinn deutlicher zu begreifen ist als an jedem anderen Ort in Europa. Das Gedenken an die Opfer von Auschwitz muss mit der Hoffnung auf künftige Generationen verbunden sein. Hier kann man dieser Hoffnung Ausdruck verleihen.
Die historische Schuld der Deutschen ist für Sie keine Kategorie mehr?
Ich glaube nicht an die kollektive Schuld. Meiner Erfahrung nach ist es doch so: Jene Deutschen, die nicht wirklich Schuld auf sich geladen haben, waren immer sehr bemüht, der moralischen Verpflichtung gerecht zu werden. Jene, die sich aber wirklich schuldig gemacht haben, haben es noch nicht einmal versucht. Wenn Sie mich allerdings danach fragen, was der deutsche Staat konkret leisten sollte
Das wäre die nächste Frage.
Der Staat sollte dafür sorgen, dass auch zukünftige Generationen die Lehren aus diesem Ort, aus der Geschichte ziehen können. In diesem Zusammenhang tragen wir alle in der EU Verantwortung. Unsere neue Stiftung ist der entscheidende Schritt dazu.
Herr Cywinski, finden Sie es nicht seltsam, dass die Deutschen nicht regelmäßig zahlen?
Wie gesagt: Die Deutschen sollen helfen, diesen Ort zu erhalten. Das finde ich sehr wohl.
Sie weisen den Deutschen also keine besondere Verantwortung zu?
Diese Frage müssen die Deutschen für sich selbst beantworten.
Es heißt auch, die Zahl der deutschen Besucher ginge zurück.
So allgemein kann man das nicht sagen. In den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres kamen sogar wieder mehr Besucher als in den Jahren zuvor, vor allem junge, auch aus Deutschland. Im zweiten Halbjahr haben auch wir die internationale Finanzkrise zu spüren bekommen. Die Besucherzahlen gingen zurück, zum Glück aber nur ein bisschen. Die Deutschen sind insgesamt die drittgrößte Besuchergruppe, nach den Polen und den Briten. Allerdings engagieren sich junge Deutsche sehr stark für unsere Projekte, besonders die freiwilligen Helfer aus Deutschland leisten einen ganz besonderen Beitrag.
Begreifen die jungen Besucher überhaupt noch die Dimension des Grauens, die dieser Ort repräsentiert?
Die jungen Menschen von heute verfügen nicht mehr über das historische Wissen, das es braucht, um diesen Ort wirklich zu verstehen; sie stehen auch persönlich nicht mehr im Kontakt mit der Geschichte, die meisten Großeltern der Schüler von heute sind selbst erst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren worden.
Es war zu lesen, Sie änderten Ihr Ausstellungskonzept?
Genau aus diesem Grund. Zurzeit arbeitet ein internationales Team an einem neuen Ausstellungskonzept. Aber es wird wieder eine sehr ruhige, sehr dezente Ausstellung sein. Wir sind ja hier am Ort des Terrors, der Morde, da können wir nicht einfach moderne Ausstellungsmethoden mit Anschauungsfilmen und technischem Zauber anwenden. Aber wir werden versuchen, die historischen Fakten so darzustellen, dass sie schneller zu erfassen sind. Die Ausstellung muss eindrücklich zu den jungen Menschen sprechen, vor allem deshalb, weil in den nächsten Jahren die letzten Holocaust-Überlebenden sterben werden.
Herr Cywinski, gab es jemals Kritik von jüdischer Seite daran, dass ausgerechnet ein polnischer Katholik Direktor der Gedenkstätte wurde?
Ich hatte nie Probleme. Warum auch?
In Deutschland zeigen Umfragen immer wieder, wie verbreitet ein mindestens unterschwelliger Antisemitismus noch ist. Der polnische Katholizismus galt auch stets als sehr anfällig.
Ich halte den Antisemitismus in Polen für keine Bedrohung mehr. Es gibt ihn aber noch, so wie überall in der Welt. Nur verändert er sein Gesicht. Aktuell sehen wir das doch auch an der Kritik Israels in Bezug auf den Gaza-Krieg. Da sind immer wieder antisemitische Ressentiments zu hören.
Wenn Sie an einem Tag wie heute in Auschwitz-Birkenau mit Überlebenden zusammenkommen, fragen Sie sich da manchmal, wo Ihr Gott damals war?
Das ist die Frage, auf die es keine Antwort gibt. Die Frage führt mich aber auch immer wieder zu der anderen, für mich noch entscheidenderen Frage: Wo waren die Menschen? Warum hat sich niemand gegen das Morden aufgelehnt?
Interview: Mark Obert
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