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29. Oktober 2014

Ausländerbericht: Diskriminierende Strukturen

 Von  und 
Aydan Özoguz (SPD), Integrationsbeauftragte des Bundes.  Foto: dpa

Die Staatsministerin für Migration, Aydan Özoguz, stellt ihren Beruicht über die Lage der Migranten in Deutschland vor. Demnach sind Ressentiments im Schulwesen der Hauptgrund für Bildungsnachteile.

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Aydan Özoguz ist Migrantin. Keine Frage. Man sieht es nicht gleich, aber man hört es. Wer stets freundlich lächelnd und verbindlich auftritt, eifrig und beflissen, ist norddeutsch, Hamburgerin in diesem Fall, jedenfalls keine Berlinerin.

Aydan Özoguz ist noch dazu so etwas wie die Erste Migrantin der Nation. Die Tochter eines türkischen Kaufmanns in Hamburg war die erste migrantische Abgeordnete der Hamburger Bürgerschaft, die Erste mit nichtdeutschen Wurzeln, die Vizevorsitzende der SPD und schließlich 2013 auch die Erste, die Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration wurde.

In dieser Funktion stellte Özoguz am Mittwoch den zehnten Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland vor. Er umfasst 704 Seiten und so ziemlich alle Gruppen, die das Volk im allgemeinen mit dem Etikett Ausländer versieht: Migranten, Deutsche mit Migrationshintergrund, Asylsuchende und Flüchtlinge. Er stellt ihre Lebenslage dar, ihren Ausbildungsstand, Bildungs- und Integrationschancen.

Viele ohne Lehrstelle

Natürlich ist es Unsinn, Ausländer, Deutsche mit nichtdeutschen Wurzeln, Flüchtlinge und Asylsuchende in eine Statistik zu zwängen. Tatsächlich ist Aydan Özoguz auch hier die Erste, der das aufgefallen ist. Sie nennt es ein Kuriosum. Der Titel des Berichts spreche von Ausländern, meine aber alle Migranten – auch die vielen mit deutschem Pass. Sie wünscht sich deshalb eine andere Überschrift, wozu aber das Aufenthaltsgesetz geändert werden müsse.

Dass in Deutschland die Herkunft noch immer großen Einfluss auf den Bildungserfolg oder -misserfolg von Schülern hat, gehört zu den schlechten Nachrichten des Berichts – auch wenn sich manches gebessert hat. Im Schulabgangsjahr 2012 blieben 11,4 Prozent der ausländischen Jugendlichen ohne Abschluss. Das sind zwar weniger als 2008 (damals gut 15 Prozent), aber viel mehr als bei den deutschen Jugendlichen (5,4 Prozent). Noch alarmierender findet Özoguz, dass 30,5 Prozent der jungen Nichtdeutschen ohne Berufsausbildung bleiben. Bei den Deutschen sind es dagegen nur zehn Prozent.

Die Verantwortung dafür macht der Bericht klar auf der Seite der Mehrheitsgesellschaft fest, in Ressentiments und diskriminierenden Strukturen. So bremsten „mangelnde Wertschätzung und Akzeptanz gegenüber bestimmten Herkunftsgruppen, die geringere Leistungserwartung, fehlende ethnische Diversität der Lehrerschaft und im Lehrmaterial sowie verinnerlichte negative Stereotype aufseiten der Lehrkräfte“ den Bildungserfolg von Migranten, heißt es wörtlich. Auch bei Bewerbungen um eine Lehrstelle seien migrantische Jugendliche häufig Vorbehalten ausgesetzt und gingen deshalb leer aus.

„Mangelnde Wertschätzung“

Auf der anderen Seite: Inzwischen schafft jeder sechste Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte das Abitur, 2008 war es erst jeder neunte. Damit finden sich auch mehr Migranten an den Hochschulen. Allerdings sorgen die Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt dafür, dass gute Bildung nicht vor Armut schützt. 20 Prozent der Migranten mit Abitur sind von Armut bedroht, bei Deutschstämmigen sind es nur neun Prozent.

Bedenkt man, dass inzwischen jedes dritte Kind unter 15 in Deutschland einen Migrationshintergrund hat, ergibt sich: Beim Kreis der dermaßen von Benachteiligung und Jobverlust Bedrohten handelt es sich nicht um eine kleine Randgruppe, sondern ausgerechnet um die, auf die sich angesichts der Überalterung der Republik eigentlich die Hoffnung der Renten- und Sozialpolitiker richtet.

Ob sie sich vorstellen könne, dass ihr Amt einmal überflüssig werden könnte, will ein türkischer Journalist am Mittwoch von Özoguz wissen. Nein, sagt sie, so schnell werde das nicht gehen mit der funktionierenden Einwanderungsgesellschaft. Und ganz von allein schon gar nicht.

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