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Politik
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28. November 2008

Ausländerfeindlichkeit: Arbeitslose tendieren nach rechts

 Von JÖRG SCHINDLER
Deutschland über alles - das wünscht sich auch so mancher in der Mitte der Gesellschaft (Bild vom NPD-Parteitag).  Foto: Kraus

Leipziger Forscher halten Ausländerfeindlichkeit aber insgesamt für rückläufig.

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Berlin. So ist das mit den Juden: Sie arbeiten mehr als andere "mit üblen Tricks", um ihre Ziele zu erreichen; sie haben "Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns"; außerdem ist ihr Einfluss zu groß. Ist das so? Ja, sagte in Bayern jeder Sechste, der von Forschern der Leipziger Universität befragt wurde. Ja, sagten immerhin noch 13,3 Prozent der Baden-Württemberger und 9,8 Prozent der Nordrhein-Westfalen. In Brandenburg waren es nur 1,1 Prozent.

Und was heißt das? Muss das Klischee vom dumpfdeutschen Osten revidiert werden? Sitzen die wahren Rechtsextremisten vor allem im beschaulichen Südwesten der Republik? Das nun auch wieder nicht, sagen Oliver Decker und Elmar Brähler, die im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung forschten. Es komme immer darauf an, wo genau man nachfragt.

Die Forscher der Uni Leipzig untersuchen seit 2002 rechtsextreme Einstellungen in der Bundesrepublik. Und die gute Nachricht diesmal: Die Ausländerfeindlichkeit insgesamt hat leicht abgenommen. Grund zur Freude ist das nur bedingt: Noch immer denkt jeder Fünfte hierzulande, dass Ausländer Deutschland "in einem gefährlichen Maß" überfremden und dass man sie abschieben sollte, wenn Arbeitsplätze knapp werden. Und ja, noch immer gibt es in Ostdeutschland insgesamt mehr Ausländerfeinde als im Westen. Dieser ist deshalb aber noch lange keine "Insel der toleranten Glückseligkeit", so Decker und Brähler.

Um einen genauen Überblick zu erhalten, wo genau sich welche Einstellungen eingenistet haben, untersuchten die beiden sechs Kategorien: Befürwortung einer Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. So kam es, dass die meisten Antisemiten in Bayern entdeckt wurden. Und so kam es zu anderen interessanten Ergebnissen, die eine simple Ost-West-Betrachtung künftig erschweren dürften.

Beispiel Ausländerfeindlichkeit: Hier zeigten sich Sachsen-Anhaltiner (39,1 Prozent) und wieder die Bayern (39,1) am anfälligsten für gängige Vorurteile. Beispiel Nationalsozialismus: In Mecklenburg-Vorpommern, das auch sonst durchgängig hohe Werte aufweist, neigten 7,2 Prozent zur Verharmlosung der Nazi-Diktatur - genauso viele wie in Baden-Württemberg; in Sachsen, wo die NPD so stark ist wie nirgendwo, waren es aber nur 0,9 Prozent.

Das Fazit: "Ostdeutsche neigen eher einer rechtsautoritären Diktatur zu und sind chauvinistischer und ausländerfeindlicher. Dagegen sind die Westdeutschen eher antisemitisch und sozialdarwinistisch eingestellt und neigen eher zur Verharmlosung des Nationalsozialismus." Das alles freilich gilt für Einstellungen der Leute - bei rechtsextremen Übergriffen nimmt tatsächlich der Osten als Ganzes eine Spitzenstellung ein.

Eine Gemeinsamkeit konnten die Leipziger noch für die gesamte Republik feststellen: Rentner und Arbeitslose sind generell am anfälligsten für rechtsextreme Gesinnung. Gut 40 Prozent aller Befragten ohne Job etwa entlarvten sich selbst als Ausländerfeinde. Und das im Juni 2008 - als von Wirtschaftskrise noch keine Rede war. Bei aller Genugtuung über die rückläufige Gesamttendenz warnt Brähler denn auch: "Man sollte nicht zu laut jubeln."


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