Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

20. September 2012

Ausstellung: Der Appetizer zum richtigen Museum

 Von Nikolaus Bernau
Atom-Testlandschaft Kasachstan.  Foto: BLZ/Bernau

Nur die Fotografie kann Momente festhalten, wenn sie historisch werden. Da ist etwa die Aufnahme von Bundeskanzler Konrad Adenauer, dem Regierenden

Drucken per Mail

Nur die Fotografie kann Momente festhalten, wenn sie historisch werden. Da ist etwa die Aufnahme von Bundeskanzler Konrad Adenauer, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin Willy Brandt und dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. Sie fahren 1962 im offenen Auto vom Brandenburger Tor weg. Adenauer kalt, Brandt verschlossen. Und Kennedy scheint zu begründen, warum er nichts tun kann gegen das Monster Mauer. Wenn er nämlich etwas täte, würde, das wusste er aus der Kuba-Krise, aus dem Kalten Krieg ganz schnell ein heißer werden.

Etwas über vierzig Jahre herrschte der Kalte Krieg zwischen den USA und der UdSSR, „dem Westen“ und „dem Osten“. Er hat die Welt tief traumatisiert und doch, man kann es wohl so sagen, wenigstens in Europa ein glückliches Ende gefunden. Ein Ende, das in der neuen Ausstellung zum Kalten Krieg am Checkpoint Charlie, die gestern eröffnet wurde, mit einem anderen Foto seinen Anfang zu nehmen scheint: Als nämlich Erich Honecker und Helmut Schmidt in 1975 in Helsinki freundlich debattieren. Hätte Honecker geahnt, dass auch die Helsinki-Akte die sozialistischen Diktaturen Osteuropas erodieren ließ – niemals hätte er das Papier unterzeichnet.

Dass diese Regime seit 1945 nur durch die Macht der Roten Armee gehalten wurden, hatte sich oft gezeigt. In der Ausstellung sind die Aufstände von 1953 in der DDR, 1956 im polnischen Posen und Ungarn, die Kuba-Krise 1961 und der Mauerbau, der Einmarsch in der Tschechoslowakei 1968, die Begründung von Solidarnosc 1980 in Danzig, endlich 1989 die Öffnung der Grenzen in Ungarn und der DDR der chronologische Leitfaden.

Es gibt so viel zu entdecken

Die Ausstellung ist dunkel. Hier ein Spotlight auf ein Foto, dort eines auf militaristisches Kinderspielzeug oder auf den Plan des Atombunkers, der die Bundesregierung in Kriegszeiten arbeitsfähig erhalten sollte. Nervig ist der auf- und abschwellende Film-Sound, der aus den Videoecken durch die nur 220 Quadramter große Leichtbauhalle klingt. Die Lautmalerei mit Kennedys Spruch „Ich bin ein Bearleener“ sollte man schnell beseitigen. Man fragt sich, wie die möglicherweise 600.000 Besucher im Jahr sich durch die Gänge schieben werden.

Und sie werden kommen. Denn hier gibt es so viel zu entdecken, bis hin zum Notizbuch eines russischen Soldaten, vergessen beim Abzug der Truppen aus den nunmehrigen neuen Ländern der Bundesrepublik. Vor allem lernt man schnell: Der sozialistische Block befand sich mit seiner Propaganda letztlich fast immer in der Defensive gegenüber dem Wohlstands- und Freiheitsversprechen des Westens.

Da hängen etwa zwei Plakate nebeneinander. Auf dem einen fliegt optimistisch-leicht ein Schiff über die Wellen, das Segel aus europäischen Nationalflaggen wird vom Marschall-Plan gefüllt. Motto: Alle zusammen kommen am besten voran. Man sollte solche Plakate zum Ärgernis aller Euro- und Europakritiker neu auflegen! Daneben die Reaktion der Sowjetunion: Der agressive Bug eines Schiffs will die brüchige Kogge des Marschallplans zerdrücken. Lustig sieht das aus – aber mehr als die schiere Macht der UdSSR wird hier nicht gezeigt.

Die Ausstellung ist, das wird immer wieder betont, nur ein Vorgriff auf das geplante große Kalte-Kriegsmuseum an gleicher Stelle. Der Senat hat nur 330.000 Euro für das Projekt zur Verfügung gestellt. Trotz dieser Einsicht bleibt ein Unbehagen. Hier wird nämlich genau das gezeigt, was eigentlich in den Schulen beigebracht werden sollte. Vertiefung ist immer sinnvoll, und es werden vor allem ausländische Touristen kommen. Aber auch ihnen wird nur die Perspektive der Mächtigen gezeigt. Fast völlig fehlt hingegen die Alltagsgeschichte des Kalten Kriegs. Dabei beeinflusste er die Kultur, Architektur, Kunst, Musik oder Literatur, selbst das Design.

Kaum anskizziert ist auch der Weg, den das einstige Jugoslawien oder Indien zwischen den Blöcken suchten, der atemberaubende Aufstieg Chinas, der im Schatten des Wettrüstens der 1980er-Jahre stattfand. Die Stellvertreterkriege werden wohl angedeutet – aber das ungeheure Leid, das sie in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika verursachten, bleibt vage. Und sollte man sich nicht auch an die bitteren Debatten um die Entspannungspolitik Willy Brandts erinnern, nicht einfach behaupten, sie sein der einzig gangbare Weg gewesen? Immerhin zerbrachen in der Bundesrepublik Familien fast am Streit über „Brandt alias Frahm“ .
Kurz: Diese Ausstellung zeigt vor allem, wie dringend wir das große Kalte-Kriegs-Museum brauchen. Sie ist ein guter Appetizer.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Attentate in Deutschland

Die hypnotische Wirkung des Grauens

Von  |
Eine Frau sitzt nach dem Amoklauf in München auf den Treppenstufen vor dem Olympia-Einkaufszentrum (OEZ).

Das Grauen ist nach den jüngsten Attentaten in Deutschland kein abstraktes Fernsehbild mehr, sondern schleicht sich in unser Leben. Dennoch dürfen wir nicht in einen Ausnahmezustand ohne Ende verfallen. Der Leitartikel. Mehr...

München und Ansbach

Das Märchen von der Sicherheit

Von  |
Der Amoklauf in München erfordert eine andere Diskussion als ein Terroranschlag des "IS".

Der Wunsch, alle Risiken zu vermeiden, ist menschlich. Aber wenn Politiker selbst nach München, Würzburg oder Ansbach so tun, als wäre das möglich, machen sie uns etwas vor. Der Leitartikel.  Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung