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Austrittswelle: Die Schmerzen der Kirche

Allein in der Diözese München/Freising hatten 12.800 Menschen die Kirche satt - elf Prozent der Gesamtaustritte. Erzbischof Zollitsch will jetzt die Ursachen ergründen. Von Silke Rummel

Erzbischof Robert Zollitsch beklagt Mitgliederschwund.
Erzbischof Robert Zollitsch beklagt Mitgliederschwund.
Foto: dpa

Katerstimmung ist wohl nicht nicht die angemessene Beschreibung für die Verfassung der Erzdiözese München und Freising, aber die Richtung dürfte stimmen: Deutschlandweit und in absoluten Zahlen haben dort im vergangenen Jahr die meisten Mitglieder der katholischen Kirche den Rücken gekehrt: 12.800. "Die Austritte schmerzen, weil sie bedeuten, dass der Kontakt zueinander verloren gegangen ist", sagte Pressesprecher Bernhard Kellner am Dienstag der Frankfurter Rundschau.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Erzbischof Robert Zollitsch, hatte am Montagabend zur Eröffnung der Herbstvollversammlung in Fulda die neuen Zahlen vorgestellt. Demnach sind 2008 bundesweit exakt 121.155 Kirchenmitglieder ausgetreten. Ein deutlicher Anstieg: 2007 waren etwas mehr als 93.000 gewesen.

"Das ist schmerzlich für uns", sagte Zollitsch. Die Zahl der Kirchen-Eintritte lag mit 14.000 auf gleichbleibendem Niveau. Bedauern auch beim obersten Laiengremium, dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZDK): "Die Kirche ist aufgerufen zu gucken, ob sie mitten unter den Menschen ist und ob die Menschen sie verstehen", sagte Generalsekretär Stefan Vesper der FR. Man müsse die Gründe für die Austritte nun genau analysieren. Zu den Gründen des Mitgliederschwundes könne er selbst noch nichts sagen, so Erzbischof Zollitsch. Er kündigte an, nun Ursachenforschung betreiben zu wollen: "Wir werden der Frage nachgehen müssen."

Den Tübinger Theologen Hans Küng wundert der Mitgliederschwund in der katholischen Kirche nicht. "Einiges ist zweifellos gegeben durch den Säkularisierungsprozess der Moderne", sagte er der FR. Aber es gebe in der katholischen Kirche genügend kritische Punkte - etwa, dass eine Sexualmoral vertreten werde, die nicht einmal traditionelle Katholiken einhielten; dass man um des Zölibats willen Hunderte von Gemeinden ihrer Seelsorger beraube; dass man Frauen weiter als Kirchenmitglieder zweiter Klasse behandle, sie von den Kirchenämtern ausschließe und ihnen das ordinierte Amt vorenthalte. Ein weiterer Punkt sei, dass die gemeinsame Feier des Abendmahls mit den Evangelischen systematisch verhindert werde. "Ich habe nicht gehört, dass diese Probleme angesprochen werden", sagte Küng.

Nach Ansicht des Münsteraner Religionssoziologen Detlef Pollack hängt der Mitgliederschwund vor allem mit der Wirtschaftskrise zusammen. "Die Ersparnis der Kirchensteuer ist ein wesentliches Motiv, wie viele Befragungen zeigen."

Zweifel an der Institution

Die Austrittsraten stiegen immer dann an, wenn die Finanzbelastung wachse, sagt Pollack. Für die vergangenen 50 Jahre zeige sich das zum Beispiel beim Konjunkturzuschlag Anfang der 1970er Jahre oder beim Solidaritätszuschlag 1992. Da erreichte die Anzahl der Austritte ihren vorläufigen Höhepunkt, als 192.766 Menschen der Kirche den Rücken kehrten.

Im Auftrag der deutschen katholischen Bischöfe erstellte das Institut für Demoskopie Allensbach 1992/93 eine Studie und kam zu dem Schluss, dass die Kirchensteuer nur noch das i-Tüpfelchen ist. Ursächlich ist vielmehr, dass sich immer mehr Katholiken immer weniger mit der Institution Kirche identifizieren können. "Menschen, die austreten, haben zumeist die Beziehung zu Glauben und Kirche verloren", sagt auch Religionssoziologe Pollack, "die Wirtschaftslage ist dann der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt." Dazu passt, dass der Gottesdienst offenbar eine immer unwichtigere Rolle spielt: 50,4 Prozent der Katholiken nahmen 1950 am Gottesdienst teil, 2007 waren es laut Statistik 13,7 Prozent.

Küngs Ansicht nach hat die evangelische Kirche "zu wenig Bindung und Profil", die katholische Kirche hingegen "ein Übermaß an Autorität".

Autor:  Silke Rummel
Datum:  22 | 9 | 2009
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