Nach dem Rücktritt von Margot Käßmann hat bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Suche nach einem neuen profilierten Spitzenvertreter begonnen. Schon auf der Ratssitzung am Ende der Woche in Tutzing werden sich führende Kirchenvertreter mit der Frage befassen, teilte die EKD am Donnerstag mit. Der stellvertretende EKD-Vorsitzende, der rheinische Präses Nikolaus Schneider, kündigte eine Fortsetzung des von Käßmann eingeschlagenen politisch engagierten Kurses der Kirche an.
Als Konsequenz aus ihrer Trunkenheitsfahrt hatte die 51-jährige Theologin am Mittwoch ihre Ämter als Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende aufgegeben. Doch dass das "Gesicht des deutschen Protestantismus" von heute auf morgen aus der Öffentlichkeit verschwindet, Käßmann künftig als Pastorin nur im Stillen wirkt - das scheint für viele unvorstellbar.
"Sie nimmt sich eine Auszeit und denkt über ihre nächsten Schritte nach", sagte Kirchensprecher Johannes Neukirch. Käßmann hatte angekündigt, weiter als Pastorin tätig sein zu wollen. Vorläufig kann sie ihre Wohnung über der bischöflichen Kanzlei in Hannover behalten. Das Bischofsamt wird wahrscheinlich Ende Oktober neu besetzt. Gewählt wird der künftige Ratsvorsitz auf der Synodentagung im November in Hannover. Bis dahin steht Schneider der EKD vor.
Auch künftig brauchten die Protestanten eine deutliche Stimme, sagte der kommissarische EKD-Chef Schneider im WDR. An der Spitze der EKD solle wieder ein profilierter Theologe stehen. Er machte deutlich, dass die evangelische Kirche auch weiterhin zu den Fragestellungen von Recht und Gerechtigkeit, Krieg und Frieden und zur Bewahrung der Schöpfung Stellung nehmen werde. "Ich gehe davon aus, dass die Stimme von Margot Käßmann auch in Zukunft zu hören sein wird", sagte Schneider bei N24. "Wir werden auch darüber nachdenken müssen, an welcher Stelle Frau Käßmann in Zukunft wieder ihre Stimme erheben kann.
"Käßmann verdient zweite Chance"
Nach Ansicht des Vizevorsitzenden der EKD-Synode, des bayerischen Ex-Ministerpräsidenten Günther Beckstein (CSU), verdient Käßmann eine zweite Chance. Er wünsche sich, dass sie in Zukunft wieder eine herausgehobene Position einnimmt, sagte Beckstein im Südwestrundfunk (SWR). Das müsse nicht wieder an der Spitze der evangelischen Kirche sein. Die Theologin sei aber eine herausragende Persönlichkeit, die wieder besondere Verantwortung bekommen solle.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) würdigte Margot Käßmann als "große Stimme der Christen". Sie sei wie viele andere auch traurig, dass diese "überaus überzeugende, kraftvolle, charismatische Bischöfin" ihre Ämter aufgegeben habe, sagte Schavan am Donnerstagabend in Berlin. Sicher sei die Situation, in die sich Käßmann mit ihrer Trunkenheitsfahrt gebracht habe, als schwierig und tragisch zu bewerten. Aber nur die Bischöfin selber habe entscheiden können, ob sie in dem Amt hätte verbleiben können.
Nach dem Rücktritt von Käßmann als hannoversche Landesbischöfin ist dort eine Interimslösung gefunden worden. Der Lüneburger Landessuperintendent Hans-Hermann Jantzen übernimmt vorübergehend die Leitung der hannoverschen Landeskirche. (epd/kna/dpa)
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