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Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

09. Juli 2009

Autor Al-Aswany im Interview: "Islamfeindlichkeit weit verbreitet"

Vor dem Landgericht in Dresden liegen Blumen für die getötete Ägypterin auf der Treppe.  Foto: ddp

Der ägyptische Autor Al-Aswany stellt die Tötung einer Landsfrau in einem Dresdner Gerichtssaal in Zusammenhang mit der politischen Entwicklung in Deutschland.

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Zur Person

Alaa Al-Aswany (52) ist von Beruf Zahnarzt. Bekannt wurde er 2002 durch seinen Roman "Der Jakoubijan-Bau". Das Werk zeigt eine ägyptische Gesellschaft, die von Unterdrückung und Machtmissbrauch geprägt ist. Das Buch wurde in der arabischen Welt zu einem Bestseller und ist auch ins Deutsche übersetzt.

FR: Der Mord von Dresden hat in Ägypten viele Menschen schockiert. Wird die Tat das Verhältnis zwischen beiden Völkern belasten?

Alaa Al-Aswany: Wir Ägypter sind zivilisierte Leute. Wir können zwischen normalen Deutschen und Kriminellen unterscheiden. Aber es gibt zwei Aspekte in dieser Tragödie, die uns beschäftigen. Der eine ist der westliche Rassismus. Der andere das Verhalten der Polizei in dem Gerichtsgebäude.

Was meinen Sie konkret?

Der Täter hat diese unschuldige Frau acht Minuten lang angegriffen, ohne dass ein Beamter zur Stelle war, um ihr zu helfen. Das ist eine sehr lange Zeit. Er hat 18 Mal zugestochen vor den Augen des dreijährigen Sohnes. Und als endlich ein Polizist auftauchte, hat der zuerst auf ihren Ehemann geschossen. Wir haben eine sehr hohe Meinung von den Deutschen. Aber das passt nicht zu dem Bild, was wir von den Deutschen haben. Die Leute hier fragen sich, was wäre passiert, wenn ein Muslim mit langem Bart erschienen wäre und hätte ein Messer gezückt. Den hätte man als islamischen Terroristen auf der Stelle erschossen.

Ist das für Sie ein Indiz für Islamfeindlichkeit in Deutschland?

Ich bin relativ oft Deutschland. Mein Eindruck ist, um ehrlich zu sein, dass Islamfeindlichkeit dort sehr verbreitet ist. Und die Leute, die vorher im Geheimen Rassisten waren, sehen inzwischen keinen Grund mehr, mit ihrer Einstellung hinter dem Berg zu halten. Dieser Rassismus hat eine Atmosphäre geschaffen, dass nun einzelne - wie dieser Mann in Dresden - denken, sie hätten das Recht, auf eine islamische Frau loszugehen und sie zu erstechen. In einer Atmosphäre von Hass und Rassismus werden Menschen, die anders sind, enthumanisiert.

Wie empfinden Sie die offiziellen Reaktionen deutscher Politiker?

Viele Ägypter fragen sich, was wäre geschehen, wenn die getötete Frau eine Israelin gewesen wäre. Das hätte einen riesigen Unterschied gemacht - in jeder Hinsicht. Jeder einzelne deutsche Minister hätte sich bei jedem einzelnen Minister der israelischen Regierung entschuldigt. Auch die Sicherheitskräfte hätten ganz anders reagiert. Und die deutsche Bevölkerung hätte gegenüber dem Opfer und seiner Familie viel mehr Anteilnahme und Wärme gezeigt als im Falle von Marwa. Um es klar zu sagen: Für mich gibt es keinen Unterscheid. Für mich ist ein Opfer ein Opfer.

Wie erklären Sie das negative Image des Islams im Westen?

Wir Araber sind keine unschuldigen Opfer. Wir geben auch Anlass für Vorurteile. Es gibt eine schreckliche Interpretation unserer Religion, die immer populärer wird. Wenn sich also ein Bürger im Westen ein Bild machen soll, was der Islam ist - dann stößt er auf Leute wie Osama bin Laden oder die Taliban. Osama bin Laden ist ein Krimineller mit mittelalterlichen Ansichten, der so viele Leute aus dem Westen töten will wie er nur kann. Die Taliban verbieten Schulen für Mädchen - und leider kann man noch viel mehr solcher Beispiele anführen.

Was ziehen Sie daraus für einen Schluss?

Hier geht es nicht um die Religion, sondern um die Interpretation von Religion. Solche Irrwege gibt es in allen Religionen, denken Sie an die Inquisition der Katholischen Kirche. Das ist ungeachtet der Tatsache, dass das Christentum der Welt viele positive Werte geschenkt hat. Der Mörder von Dresden ist ein Christ. Aber darum kann ich ihn doch nicht einen christlichen Terroristen nennen oder gar Rückschlüsse ziehen auf das Christentum insgesamt.

Interview: Martin Gehlen

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