Nach einem Atomunfall in der südfranzösischen Nuklearanlage Tricastin ist die Belastung der Umwelt nach Ansicht unabhängiger Forscher weit höher als von den Aufsichtsbehörden eingeräumt. In der Anlage Tricastin in der Nähe von Avignon war in der Nacht zum Dienstag radioaktiv belastetes Wasser ausgetreten, das insgesamt 360 Kilogramm Uran enthielt. Der Betreiberkonzern Areva teilte zunächst mit, es habe sich um 30 Kubikmeter gehandelt, korrigierte das aber später auf 18 Kubikmeter. In der Anlage werden vier Meiler betrieben, zudem wird Atommüll wiederaufbereitet.
Die Behörden, die den Zwischenfall erst am Abend bekanntgaben, schlossen eine "unmittelbare Gesundheitsgefahr" für die Menschen in der Umgebung aus. Die Kommission für Unabhängige Forschung und Radioaktivität dagegen sprach am Mittwoch von einer Strahlung, die hundertmal höher sei als die für das Gesamtjahr zulässige Obergrenze.
Das verseuchte Wasser war zum Teil in der Anlage selbst in den Boden eingedrungen, während eine noch unbekannte Menge in die beiden Flüsse Gaffière und Lauzon und anschließend in die Rhone floss. Die Präfekten der Départements Vaucluse und Drôme untersagten daraufhin die Wasserentnahme sowie das Baden und Fischen in den Gewässern und auch den Betrieb eigener Brunnen in der Gegend, nannten aber keine exakten Strahlungswerte. Auch die Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen in der Gegend ist bis auf weiteres verboten.
Die staatliche Aufsichtsbehörde für die französischen Atomanlagen sprach in einer ersten Stellungnahme davon, dass der Grenzwert für Trinkwasser "während einer kurzen Zeit und auf dem Höhepunkt des Wasseraustrittes" um den Faktor 1000 überschritten worden sei. Der für die Betriebssicherheit zuständige Direktor der Behörde, Thierry Charles, bezeichnete das Risiko für Menschen als "nicht existierend, da sie kein Grundwasser konsumieren".
Das Netzwerk Sortir du nucléaire (Raus aus der Atomkraft) wirft den Behörden dagegen vor, den Zwischenfall zu verharmlosen. Es könne nicht sein, dass der Austritt von 360 Kilogramm Uran "ohne Auswirkung auf die Umwelt und die Gesundheit der Anlieger" bleibe. Laut der Zeitung Le Monde hatte die unabhängige Forschungskommission erst kürzlich auf die Zwischenlagerung von 770 Tonnen atomar verseuchten Materials in Tricastin hingewiesen, die aus Militärbeständen stammen. In der Anlage, die nach La Hague die zweitgrößte in Frankreich ist, sei eine solche Menge "sehr viel".
Sarkozy will neue Meiler
Tricastin ist auch einer der Standorte, an dem nach dem Wunsch von Staatspräsident Nicolas Sarkozy der zweite Atommeiler der EPR-Generation errichtet werden könnte. Ein erster Reaktor dieser neuen Generation, die Frankreich weltweit verkaufen will, wird derzeit in Flamandville in der Normandie gebaut.
Sarkozy richtet seine ganze Wirtschafts- und Energiepolitik auf den Ausbau der Atomindustrie aus. Der Staatskonzern EDF ist mit seinen 59 Reaktoren größter Atomstromanbieter weltweit. Klimaschutz ist dabei ein beliebtes Stichwort - Frankreich, das 85 Prozent seiner benötigten Strommenge aus Atommeilern gewinnt, stellt diese Strategie gern als Rettung vor der Erderwärmung dar. Das wird sich so schnell nicht ändern: Zur Richtungsdebatte über seine Umwelt- und Energiepolitik lud Sarkozy Forscher, Wirtschaft und Umweltschützer ein - nicht aber Kernkraftgegner.
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